Berufung trifft Hund

Eine Blogparade von Anna Meißner zum Thema „der Hund als Berufung“. Ein Beitrag von Kerstin, Buddy und Amber, der mich berührt hat, mir so sehr aus dem Herzen spricht. Schon beginnen die Worte zu fließen.

Etwas mit Tieren wollte ich arbeiten. Früher, als Kind. Dann kamen die Überlegungen.

Etwas mit Hunden am liebsten. Genau wie Kerstin habe ich zuerst an Tierpflegerin gedacht. Nur ein kleines Problem gab es da: Meine Tierhaarallergie. Schon ein kurzer Aufenthalt im Katzen- oder Kleintierbereich zeigt, dass ich diesen Beruf von der Liste streichen kann. Also etwas mit Hunden, ohne andere Tiere. Hundetrainerin.

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Das Lernverhalten von Tieren fasziniert mich ungemein. Ich liebe es, mit Hunden zu trainieren, mit ihnen zu kommunizieren, von ihnen zu lernen. Als Hundetrainerin arbeitet man aber vorwiegend nicht mit Hunden, sondern mit Menschen. Und während ich die allermeisten Hunde spontan mag, ist das mit Menschen eher durchwachsen. Es gibt diejenigen, die das Beste für ihren Hund wollen und bereit sind, dafür zu arbeiten. Und es gibt diejenigen, die wollen, dass ihr Hund funktioniert. Allerdings wollen dafür nichts tun. Natürlich kann man sich weigern, mit solchen Leuten zu arbeiten. Sofern man sich das leisten kann und auf die Gefahr hin, dass sie sich fragwürdigeren „Trainingsmethoden“ zuwenden. In der Hundeschule hatten wir so einen Fall. Vernachlässigung, gewaltsame Erziehungsmethoden, irgendwann hat der Hund sich gewehrt und geschnappt. Wurde eingeschläfert und durch ein anderes Modell ersetzt. Die Hundeschule half der Familie bei der Auswahl und Erziehung des neuen Welpen, um wenigstens diesem das gleiche Schicksal zu ersparen. Das bewundere ich ehrlich. Genützt hat es nur bedingt. Dieser Hund hat nie einen Menschen verletzt. Nur sich selbst. Das Letzte, was ich von ihm gehört habe, ist, dass er sich die Pfoten blutig beißt. Wenn ich jetzt daran denke, wie dankbar er für jede Streicheleinheit war, was für ein fröhlicher Hund er bei den richtigen Menschen sein könnte, zerreißt es mir das Herz.

Diese Geschichte hat mir eines gezeigt: Ich kann das nicht. Ich bewundere alle, die damit umgehen können, sich auf das Positive konzentrieren können. Denn Hundetrainer helfen so vielen Hunden und Menschen, es sind ja nur wenige, für die man nichts tun kann. Es ist ganz sicher ein wundervoller Beruf. Aber für mich nicht der richtige.

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Es gibt noch ein paar Berufe mit Hunden, die mir einfallen. Aber alle haben irgendwelche Haken. Ist es das? Suche ich einen Beruf ohne Haken, Perfektion? Das trifft es nicht ganz. Es ist, wie Kerstin schreibt: Würde ich meine Leidenschaft für Hunde (oder auch für das Schreiben) zum Beruf machen, würde ich meine Freiheit aufgeben. Und keine der Möglichkeiten scheint mir das wert zu sein.

Also tue ich etwas „Vernünftiges“. Ich studiere Physik. Das sei das Richtige für mich, haben mir andere gesagt. In den ersten Semestern war ich mir da nicht so sicher, es war eigentlich etwas langweilig. Aber ich hatte auch keine bessere Idee. Zu diesem Zeitpunkt war ich außerdem bereits für Kalle verantwortlich und musste ihn in meiner Planung berücksichtigen. Und plötzlich wurde es spannend. Plötzlich konnte ich… die Welt sehen. Bis in die kleinsten Strukturen, bis in die Anfänge des Universums. Alles in diesen Gleichungen. Wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das ist es, was ich möchte. Eine Berufung? Vielleicht…

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Ein leises Bedauern, weil ich nicht mit Hunden arbeite, bleibt. Weil, um bei Faust zu bleiben, zwei Seelen in meiner Brust wohnen. Hunde und Physik einander manchmal ein bisschen den Platz streitig machen. Und wegen des Wissens, dass die Forschung wohl auf Dauer nicht mit Hundehaltung vereinbar sein wird. Noch funktioniert es gut, auch dank der Hilfe meiner Mutter. Doch irgendwann würde ich die Uni wechseln, möglicherweise weit weg ziehen müssen. Kalle hat einen Platz in meinem Herzen, von dem ihn nicht einmal die Physik verdrängen kann. Die Entscheidung wird keine sein. Irgendwann werde ich die Forschung wohl aufgeben müssen. Eine andere Berufung finden, das wird sich ergeben. Aber nicht heute.

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Ein Hund und der Sport

Zur Blogparade von miDoggy geht dieses Mal um Hundesport. “Diese Hundesportart macht jeden Sportmuffel zum Sportfreak”

Na ja, ein bisschen Sportmuffel sind wir ja schon. Das heißt, wir mögen Bewegung, sind gerne unterwegs. Aber wir haben gerne einen Sinn in der Bewegung. Zum Vergnügen hinter Bällen her rennen? Muss nicht sein. Trotzdem wollte ich gerne Hundesport mit Kalle betreiben. Für unsere Bindung, sein Selbstbewusstsein, um ihn noch ein bisschen in Kontakt mit fremden Menschen zu bringen. Also begann ich, nach einer Sportart für uns zu suchen.

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Alles, was hohe Geschwindigkeiten beinhaltet, fiel aus. Der Hund neigt ja zum Überdrehen und mit weiteren Hunden auf dem Platz wäre Stress vorprogrammiert. Obedience stand mal zur Auswahl, ihm hätte das möglicherweise gefallen. Aber ich selbst wollte mich nicht so recht damit anfreunden. Ich finde, ich schreibe ihm so schon genug vor, was er zu tun hat. Das wollte ich nicht auch noch im Sport tun müssen. So kam ich zum Mantrailing.

Nasenarbeit ist eine wundervolle Beschäftigung für Hunde und Mantrailing ist unglaublich faszinierend. Kalle hatte das Prinzip sehr schnell verstanden und es war toll zu sehen, wie er die unsichtbaren Geruchsspuren verfolgte. Was außerdem schön ist: Beim Trailen übernimmt der Hund die Führung, als Mensch muss man ihn lesen und seiner Nase folgen. Schön zumindest für mich, für Kalle war es zunächst doch etwas ungewohnt, dass das Frauchen nicht wie üblich vorausging. An sich arbeitete er sehr gut und gewissenhaft, durch sein mangelndes Selbstvertrauen war er aber doch recht schwierig zu lesen und anfällig für meine Fehler. Im Zweifelsfall entschied er eher so, wie er glaubte, dass ich es wollte, auch wenn er es eigentlich besser wusste. Trotzdem hatten wir viel Spaß, wir wollten ja keine Wettbewerbe gewinnen.

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Ihr merkt, dass ich in der Vergangenheit schreibe. Obwohl das Trailen toll war, haben wir wieder aufgehört. Denn es hat einen großen Haken: Den enormen Aufwand. Von den eineinhalb Stunden, die eine Trainingseinheit dauert, ist der eigene Hund etwa zehn bis fünfzehn Minuten tatsächlich am Suchen. Die andere Zeit vergeht mit dem Auslegen der Spur, dem Weg zurück zum Auto und dem Training der anderen Teams. In der Zeit, in der der Hund nicht an der Reihe ist, muss er alleine im Auto warten. Nicht jede Hundeschule bietet Mantrailing an. Unsere Anfahrtszeit betrug je nach genauem Ort 35 bis 45 Minuten für eine Strecke. Und Geld ist ja leider auch Zeit, und für ein Training zahlte ich etwa so viel, wie ich in meinem Studentenjob in knappen drei Stunden verdiene. Macht insgesamt fast sechs Stunden Zeitaufwand für fünfzehn Minuten Beschäftigung. Nicht gerade effizient…

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Also haben wir den Sport im Verein aufgeben und machen jetzt selbstständig, was mir gerade so einfällt. Mit einem Effizienzgrad von 100%! Wir machen lange Spaziergänge, fahren Rad oder Inliner. Ich lege Fährten für die Hunde, lasse sie verlorene Dinge finden, nach Dummys stöbern, in der Wohnung Teebeutel suchen und unterscheiden, oder mein Handy finden und anzeigen. Wir machen Wald- und Wohnzimmeragility, hüten Bälle, tanzen ohne jegliches Rhythmusgefühl, dafür aber mit viel Kreativität. Wir tricksen mit großer Begeisterung und lernen gerne auch anspruchsvollere Tricks. Wir spielen mit und ohne Spielzeug, rennend und rangelnd. Es gibt (außer Gemüsepüree) kein Futter aus dem Napf, alles wird beim Training, in Form von Suchspielen oder aus Futterspielzeugen erarbeitet. Die Hunde sind ausgelastet. Auch ohne Sport im Verein.

Und bei alldem kommt unsere absolute Lieblingssportart auch nicht zu kurz: Ausgiebiges Kuscheln und gemeinsames Dösen auf dem Sofa.

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Januar in Kürze

Zwölftelblick: Diese Idee habe ich von der Wolpertingerdompteurin. Jeden Monat ein Bild des Hundes am gleichen Ort, in gleicher Position, sodass eine Serie entsteht. Das möchte ich dieses Jahr auch mal probieren. Für den Januar:

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Rätsel des Monats: Leckerchen sind doch eigentlich etwas für kleine Hündchen, wenn sie brav auf dem Deckchen in ihrem Körbchen liegen, das Bällchen bringen oder das Pfötchen geben. Ein ausgewachsener Schätersky dagegen liegt auf einer Decke in seinem Korb, bringt den Ball und gibt Pfote. Was bekommt er zur Belohnung?

Erkenntnis des Monats: Ich bin Hundehalterin! Da sucht man ein geeignetes Wort für das andere Ende der Leine und hat es die ganze Zeit vor der Nase. Hundehalter klingt zunächst ein bisschen lieblos (wie Fahrzeughalter), aber wenn man dem Wort Halten einen anderen Zusammenhang gibt – nämlich im Sinne von Halt geben – dann passt es doch perfekt. Halterin, Haltgeberin, genau das möchte ich für meine Hunde sein.

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Dummheit des Monats: Träumen. Man sollte doch meinen, dass ich nach all der Zeit mit Kalle gelernt hätte, mich auf meine Umgebung zu konzentrieren. Habe ich aber nicht. Stattdessen hat er gelernt, mit meiner Verträumtheit umzugehen, und bewahrt uns davor, geradewegs auf andere Hunde oder Rehe zuzulaufen, indem er einfach stehen bleibt und anzeigt.

Verrücktheit des Monats: Zecken und Gänseblümchen

Begegnung des Monats: „Nein, das ist nicht die Mama!“ Doch zu spät: Schon ist das winzige Zicklein an Kalle angedockt. Ich mache mich bereit, dazwischen zu gehen. Es ist nicht nötig. Das Terrorhündchen beschnuppert das Kleine freundlich. Der kann ja nett sein! Zu Ziegen.

Glücksmoment des Monats: Kaum zu glauben: Gestern schien die Sonne. Vorlesung geschwänzt und langen Spaziergang am Morgen gemacht.

Noch ein Hinweis: Wieder mal sind Prüfungen. Wieder kann es hier deshalb kurzfristig etwas ruhiger werden.

Die Hunde, die Zeit und ich

-3:00 Das Handy klingelt. Eigentlich klingelt es gar nicht, erfreulicherweise, sondern gibt einen tiefen, sanften Klang von sich. Der Tag soll ja nicht damit beginnen, dass wir vor Schreck aus dem Bett fallen. Jedenfalls stehe ich auf und schleiche ins Bad. Die Hunde schlafen weiter.

-2:15 Mal wieder ziemlich lange gebraucht. Bin in verschlafenem Zustand nicht die Schnellste. Egal, habe ja noch Zeit. Kalle ist wach. Wir sehen einander an. Grinsen. Unglaublich, dass der andere existiert. Wir gehen langsam aufeinander zu. Pfoten berühren Hände, Kopf an Bauch und Schulter an Kopf. Der Hund kippt auf die Seite, Bauch kraulen ist angesagt.

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-2:00 Langsam muss ich mit Kraulen aufhören, sonst wird es zu spät.

-1:55 Wirklich!

-1:50 Jetzt aber wirklich wirklich. Wir müssen los. Schnell das Geschirr anziehen. Mia? Mia!

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-1:48 Mia!!!

-1:45 Na endlich. Halsband dran, Leinen einhaken und los.

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-1:15 Langsam sollten wir uns auf den Rückweg machen. Na gut, noch eine Runde Leckerchen werfen.

-1:10 Na gut, noch eine Runde toben.

-0:30 Wie kann man auf einem einzigen Spaziergang so schmutzig werden?

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-0:20 Futterspielzeuge füllen, die Hunde rollen sie begeistert herum. Wasser auffüllen, Vorhänge gut schließen.

-0:15 Schnell ein Brot für mich. Kaffee? Keine Zeit.

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-0:10 Zähneputzen, umziehen, Spielzeuge aufräumen.

-0:05 Letzter Kontrollblick: Die Hunde schlafen schon fast wieder. Schnell jetzt.

-0:01 Ich renne.

-0:00 Zeitgleich mit dem Bus erreiche ich die Haltestelle. Ich würde mir ja vornehmen, nächstes Mal nicht so zu trödeln. Doch dafür mag ich die Trödelei viel zu gerne. Außerdem funktioniert es ja: Ich komme nie zu spät.

Das Signal

„Außerirdische Intelligenz“, murmelt meine Klientin, “ die Kontakt mit uns aufnehmen will, bei jedem Pulsarsignal der gleiche Schwachsinn.“

Furchtbarer Schwachsinn, solange ich hier für die Sicherheit zuständig bin, nimmt überhaupt niemand Kontakt zu uns auf, schon gar keine außerirdische Intelligenz, wo kämen wir denn da hin?

„Ich kann mir genau vorstellen, wie das Interview ablief: Könnte es nicht außerirdische Intelligenz sein? – Nein, das ist ein Pulsar, der diese typischen regelmäßigen Signale sendet, nennt man übrigens Lighthouse effect, entsteht durch schnelle Rotation massiver Neutronensterne, die elektromagnetische Felder…“

Das klingt gar nicht gut, wenn ich an den massiven Schäferhund vom anderen Ende der Straße und den elektrischen Zaun bei den Wolltieren denke (nicht zu spaßen mit beidem), sollte ich wohl lieber…

„- Aber können Sie denn hundertprozentig ausschließen, dass es Außerirdische waren? – Wie soll man denn so etwas hundertprozentig ausschließen, wird ein genervter Astrophysiker geantwortet haben, aber es ist extrem unwahrscheinlich,…“

…  gleich Alarmstufe blau ausrufen.

„…FRB 121102 ist nach unserer Theorie ein Millisekunden-Magnetar, umgeben von einem Supernovaüberrest und Pulsarwindnebel…“

Oh nein, wie furchtbar, eine Nora ist ja schon fantastisch, da muss eine Supernora unglaublich großartig gewesen sein – und nun wurden ihre Überreste gefunden, wahrscheinlich ermordet von diesem massiven Elektrowesen. Vergesst Alarmstufe blau, das hier ist Alarmstufe ultraviolett!

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Ein Beitrag zu den abc Etüden. Die Graphik ist wieder von Ludwig .

Der Vollständigkeit halber die Literatur:

D. Michilli,  A. SeymourJ. W. T. HesselsL. G. SpitlerV. GajjarA. M. ArchibaldG. C. BowerS. ChatterjeeJ. M. CordesK. GourdjiG. H. HealdV. M. KaspiC. J. LawC. SobeyE. A. K. AdamsC. G. BassaS. BogdanovC. BrinkmanP. DemorestF. FernandezG. HellbourgT. J. W. LazioR. S. LynchN. MaddoxB. MarcoteM. A. McLaughlinZ. ParagiS. M. RansomP. ScholzA. P. V. SiemionS. P. TendulkarP. Van RooyR. S. Wharton D. Whitlow: An extreme magneto-ionic environment associated with the fast radio burst source FRB 121102, Nature 553, 182–185 (11 January 2018) doi:10.1038/nature25149

Von Angst und Wegen

Wenn ihr uns kennt, wisst ihr, dass Kalle ein ängstlicher Hunde ist. Bis jetzt habe ich mich an das Thema Angst auf diesem Blog noch nicht herangewagt, weil es so vielschichtig und komplex ist, dass ich fürchte, ihm nicht gerecht zu werden. Deshalb gleich vorweg: Wie immer bin ich keine Hundetrainerin, Hundeverhaltenstherapeutin, Tierärztin oder sonst irgendeine Expertin. Ich kann nur gesammeltes Wissen und eigene Erfahrungen weitergeben. Letztere sind hochgradig individuell und haben keinen Anspruch auf Allgemeinheit. Eine komplette Literaturliste findet ihr hier, die wichtigsten Quellen stehen auch noch mal unten.

In diesem Beitrag soll es um den Umgang mit Angst bei Hunden gehen, das heißt um die zentrale Frage: Was hilft gegen Angst? Ich werde versuchen, einen groben Überblick über die Möglichkeiten zu geben, die für uns hilfreich waren und sind. Um mir selbst den Einstieg ein wenig zu erleichtern, fange ich aber mal umgekehrt an: Was hilft nicht? Drei Sätze, die ich immer wieder zu hören bekomme:

„Da muss der durch.“

Sagt wer? Und warum? Gibt es irgendeinen vernünftigen Grund dafür? Vielleicht schon. Vielleicht geht es um eine notwendige, dringende Tierarztbehandlung, für die man Stress und Angst in Kauf nehmen muss. Meistens kann man die furchteinflößenden Situationen aber auflösen oder im Vorhinein vermeiden oder zumindest alles tun, um den Stress so gering wie möglich zu halten. Und wenn das möglich ist, sollten wir das auch tun. Schließlich tragen wir die Verantwortung für unsere Hunde. Und ich sehe nicht, warum sie um jeden Preis „dadurch müssen“. Das hilft nämlich überhaupt nicht. Was uns zur nächsten Aussage führt.

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„Der merkt dann schon, dass nichts passiert.“

Wäre schön, aber leider funktioniert das im Allgemeinen nicht. Ist die Angst zu groß, ist das Gehirn nicht mehr lernfähig. Seinen Ängsten ausgesetzt zu sein ist für den Hund eine unangenehme Erfahrung, auch wenn von außen betrachtet „nichts passiert“. Dadurch wird die Angst mit der Zeit eher schlimmer als besser. Damit tatsächlich eine Desensibilisierung stattfinden kann, muss das Heranführen an den Reiz so langsam geschehen, dass keine Angstreaktion hervorgerufen wird! (Siehe unten.)

„Tut er dir denn gar nicht leid?“

Halte mich für einen herzlosen Menschen, aber die Antwort ist nein. So viele Hunde (und Menschen und andere Tiere) tun mir furchtbar leid, weil ich ihnen nicht helfen kann. Aber Kalle kann ich helfen. Er hat unfassbares Glück. Er ist die meiste Zeit über ein fröhlicher Hund, tut sich selbst nicht leid und mir auch nicht. Mitleid würde ihm auch kein bisschen helfen. Wie erwähnt beschütze ich ihn. Aber ich packe ihn nicht in Watte. Ein gewisses Maß an Stress ist meiner Meinung nach zumutbar, wenn das der Preis für schöne Erlebnisse ist. Das heißt im Vergleich zu den ersten beiden Punkten: Ich schleppe meinen Hund nicht in die Stadt, nur weil er da angeblich irgendwie durch muss. Aber ich gehe spazieren, auch in fremder Umgebung, in der wir unvorhergesehen mit Angstauslösern konfrontiert werden könnten, um gemeinsam Schönes zu erleben. Und zum Beispiel: Obwohl die Knallerei vor Sylvester Kalle Angst macht, steht er an der Tür, sobald ich die Jacke zum Spaziergang anziehe. Leicht zitternd zwar, aber entschlossen. Vielleicht ist es nur seine Absicht, seine Klientin nicht alleine in die Gefahr ziehen zu lassen. Ich glaube aber tatsächlich, dass ihm auch die Spaziergänge selbst so wichtig sind, dass er dafür seine Angst bis zu einem gewissen Grad in Kauf nimmt.

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Die schwierigere Frage ist natürlich: Was hilft dann?

Bindung und Führung

Wenn es etwas gibt, das für mich einer Universallösung jedes Problems am nächsten kommt, dann ist das die Bindung. Gerade für Angsthunde sind Bindung und Vertrauen enorm wichtig. Sie verhindern, dass der Hund in seiner Panik versinkt oder kopflos flüchtet. Mit einer guten Bindung kannst du deinem Hund Vorbild und verlässlicher Schutz sein. Wenn er die Erfahrung macht, dass du in jeder Situation eine Lösung weißt, die ihm hilft, ist das eine enorme Entlastung für ihn. Sobald Kalle irgendetwas unheimlich oder erschreckend findet, schaut er als erstes zu mir, um sich Hilfe zu suchen. Ich entscheide dann sofort, wie wir reagieren. Manchmal ist keine Reaktion erforderlich, beispielsweise wenn es entfernt geknallt hat. Dann kommentiere ich nur „Das ist in Ordnung“ und wir machen normal weiter, was wir unterbrochen hatten. In anderen Situation müssen wir zum Beispiel zur Seite ausweichen oder, wenn Weitergehen nicht zumutbar wäre, umdrehen und uns von dem Auslöser entfernen. Oder aber wir gehen hin und schauen uns die Sache gemeinsam an, etwa bei einem gruseligen Gegenstand. Mit Führung meine ich aber nicht nur das Treffen von Entscheidungen, sondern auch einfach das Vorneweggehen. Kalle ist sehr viel entspannter, wenn ich dafür sorge, dass er hinter mir läuft. Erstens sieht er mich dann die ganze Zeit und zweitens werde ich als Erste gefressen, wenn hinter dem nächsten Busch ein Zombie hervorspringt. Beim Mantrailing, wo er ja vorne laufen sollte, war seine Botschaft oft ganz klar: „Da müssen wir entlang. Aber ich gehe nicht vor.“

Leine

Als ehemaliger Straßenhund fand Kalle die Leine anfangs äußerst doof. Und er war erstaunlich gut darin, sie in kürzester Zeit durchzubeißen. Dann stand ich plötzlich mit einem losen Leinenende in der Hand da und musste zusehen, dass ich den Hund wieder einfange. Im Laufe der Zeit jedoch hat sich seine Einstellung zur Leine komplett gewandelt. Heute ist sie keine Einschränkung mehr für ihn, sondern seine Verbindung zu mir. Natürlich ist dir klar, dass du deinen Hund in kritischen Situationen zu seinem eigenen Schutz immer mit der Leine sichern solltest. Aber die Leine kann noch mehr! Du kannst eine dauerhafte leichte Verbindung zu deinem Hund herstellen, die ihm Sicherheit vermittelt, indem du einen ganz sachten Zug aufrechterhälst. Du kannst deinen Hund sanft in die gewünschte Richtung dirigieren, sodass er sich gehalten und sicher geführt fühlt. Obwohl ich grundsätzlich nichts gegen Halsbänder habe, würde ich für ängstliche Hunde übrigens unbedingt ein Geschirr empfehlen. Das erwähnte Dirigieren wird dadurch deutlich einfacher und angenehmer für den Hund. Außerdem kann es immer passieren, dass der Hund sich so erschreckt, dass er in die Leine rennt, was mit Halsband unangenehm wäre.

Da sein

Das Unschöne an der Angst ist das Gefühl der Hilflosigkeit, das mit ihr einhergeht. Nicht nur beim Betroffenen, sondern auch demjenigen, der versucht zu helfen. Man kann seinen Hund nicht komplett vor Angst bewahren, manchmal kann man nicht einmal mehr tun, als man bereits versucht hat, um die Angst zu lindern. Aber die gute Nachricht ist: Alleine durch deine Anwesenheit hilfst du deinem Hund. Das sagt dir womöglich schon dein Gefühl. Ich selbst habe auch immer gerne wissenschaftliche Belege: Laut einer Studie von David Tuber an Tierheimhunden dämpft die Anwesenheit eines bekannten Menschen den Anstieg des Glukokortikoidspiegels (hinter diesem lustigen Namen verbergen sich Stresshormone wie etwa Cortisol) und das Unruheverhalten, die durch Unterbringung in einer unbekannten Umgebung entstehen. [1] Du brauchst dich also nicht hilflos zu fühlen, auch wenn du mal nichts weiter tun kannst, als einfach nur da zu sein. Denn das ist schon enorm viel.

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Körperkontakt

Wie viel Körperkontakt ein Hund braucht und möchte, ist sehr individuell. Wenn dein Hund Körperkontakt sucht, solltest du das auf jeden Fall zulassen. Gleichzeitig wäre es aber nicht gut, sich aufzudrängen. Wenn Kalle draußen ängstlich stehen bleibt, stelle ich mich oft direkt neben ihn. Er überbrückt dann die fehlenden Zentimeter und lehnt sich an mein Bein. Dadurch entspannt er so weit, dass wir weitergehen können. Auch zuhause lasse ich ihn immer selbst entscheiden, wie viel er Nähe er möchte. Massagen können ebenfalls helfen, sich zu entspannen. An Sylvester habe habe ich zum ersten Mal Tellington TTouch ausprobiert und fand es sehr hilfreich, Kalle lag (zumindest vor zwölf Uhr) entspannt und mit geschlossenen Augen auf der Seite, während ich ihn massiert habe, obwohl ich es unprofessionell und teilweise recht intuitiv gemacht habe.

Stimmungsübertragung

Deine eigene Stimmung überträgt sich auf deinen Hund. Strahlst du Selbstbewusstsein und Zuversicht aus, färbt das auch auf deinen Hund ab. So weit die Theorie. Immer wieder begegne ich Leuten, die das für die Realität halten: Ich muss nur die richtige Ausstrahlung haben, schon sind meine Probleme erledigt. Das sieht man ja so im Fernsehen. Diese Leute haben in der Regel Hunde, die von Natur aus fröhlich und selbstsicher sind, und sind der festen Überzeugung, dies sei allein ihr Verdienst durch ihre tolle Ausstrahlung. Stimmungsübertragung ist eine tolle Sache und funktioniert innerhalb gewisser Grenzen wunderbar. Aber du kannst noch so selbstbewusst auftreten: Die Ängste deines Hundes werden dadurch nicht weggezaubert. Und wo wir schon beim Zaubern sind: Bislang habe ich es noch nicht geschafft, mir große Selbstsicherheit herbeizuzaubern. Was ich dagegen gut kann, ist Ruhe auszustrahlen und auf Tiere zu übertragen. Ich kann Kalle aus Hektik und Panik herausholen, ihn beruhigen, sodass er zugänglich für vernünftige Entscheidungen wird. Erst wollte ich versuchen, das hier im Einzelnen zu beschreiben, aber dann habe ich gemerkt, dass es vermutlich ziemlich zwecklos ist, da das einfach bei jedem anders ist. Vielleicht kannst du ebenfalls gut Ruhe übertragen, vielleicht auch tatsächlich Selbstsicherheit, Zuversicht oder etwas ganz anderes. All das ist gut. Dein Hund braucht genau dich und deine Stärken.

Ablenkung

Ist die Angst nicht zu groß, kann Ablenkung helfen. Zum Beispiel, indem du einfache Tricks abrufst, die dein Hund gut beherrscht und die ihm Spaß machen. Vielleicht kennst du das von dir selbst: Man fühlt sich besser, wenn man etwas zu hat. Durch die Erfolgserlebnisse und viel Lob wird außerdem das Selbstbewusstsein des Hundes wieder aufgebaut.

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Training

Natürlich ist es auch möglich und sehr sinnvoll, durch Training gezielt an den Ängsten deines Hundes zu arbeiten. Um den Rahmen dieses Blogbeitrags nicht völlig zu sprengen, erwähne ich nur die Möglichkeiten, ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Sehr detaillierte Anleitungen findest du beispielsweise in [2]. Möglicherweise werde ich auch in einem späteren Beitrag noch mal näher auf die einzelnen Punkte eingehen.

  • Desensibilisierung: Schrittweises Heranführen an den Auslöser, indem man immer knapp unterhalb der Schwelle bleibt, oberhalb der eine Angstreaktion ausgelöst wird.
  • Gegenkonditionierung (klassisch): Gleiches Prinzip wie Desensibilisierung, nur dass hier der Auslöser noch zusätzlich durch einen Verstärker positiv verknüpft wird, meist durch Futter.
  • operante Gegenkonditionierung: Wie oben, allerdings muss der Hund für das Futter zuerst etwas tun, beispielsweise deine Hand berühren.

Das möchte ich hier nicht ohne den folgenden Warnhinweis stehen lassen: Konditionierung funktioniert in beide Richtungen. Wird dein Hund etwa gerne gestreichelt, könntest du auf die Idee kommen, ihn zu streicheln, wenn er mit dem Angstauslöser konfrontiert wird, um letzteren positiv zu verknüpfen. Wird aber nun eine Angstreaktion bei deinem Hund ausgelöst, verknüpft er möglicherweise das negative Gefühl mit dem Streicheln und wird sich in Zukunft unwohl fühlen, alleine wenn du ihn streichelst. Deshalb ist es enorm wichtig, in einem Bereich zu bleiben, in dem keine oder nur eine ganz schwache Angstreaktion hervorgerufen wird und sehr attraktive Verstärker zu verwenden wie sehr leckeres Futter. Dieses kann man ständig wechseln, um nicht versehentlich eine bestimmte Futtersorte negativ zu verknüpfen.

Unterstützende Maßnahmen

Daneben gibt es noch ein paar Möglichkeiten, wie du deinen Hund zusätzlich unterstützen kannst. Gute Erfahrungen haben wir mit einem Hunde-Shirt („Thundershirt“) gemacht. Mit Shirt ist Kalle deutlich entspannter, der Unterschied ist selbst für Skeptiker wie mich klar erkennbar. Der Nachteil ist allerdings, dass diese Shirts im Sommer zu warm sind. Stattdessen ziehe ihm dann einfach sein Geschirr an, damit erziele ich den gleichen Effekt. Außerdem verwenden wir ein Pheromonspray, von dem ich zwar den Eindruck habe, dass es etwas hilft, ohne aber eine zweifelsfreie Aussage treffen zu können. Es sind einfach zu viele Effekte, die da mit hinein spielen. Das Gleiche gilt für die Beruhigung mit klassischer Musik. Es sei noch erwähnt, dass man Ängste auch mit Kräutern, Bachblüten, homöopathischen oder schulmedizinischen Medikamenten behandeln kann. Damit habe ich aber keine Erfahrungen, da solltest du mit einem Tierarzt oder -heilpraktiker sprechen.

Trösten?

Die Sache mit dem Trösten ist immer ein Streitthema. Allerdings habe ich manchmal den Eindruck, dass ein Teil des Streits einfach in verschiedenen Definitionen von Trösten begründet ist. Manchmal sehe ich Hunde, die an der Leine ängstlich vor fremden Menschen zurückweichen. Dann drehen sich die Besitzer zu ihren Hunden um, beugen sich über sie, patschen ihnen von oben mit der Hand auf den Kopf und sagen etwas wie „Was hast du denn, du musst doch keine Angst haben.“ Trösten in dieser Form ist sicher falsch! Nicht weil man die Ängste des Hundes durch einen Verstärker bestätigt, sondern weil der „Trost“ selbst als unangenehm empfunden wird. Selbst wenn man es höflicher machen würde: Der Hund möchte in dieser Situation vermutlich keine soziale Zuwendung, sondern eine Lösung seines Problems. Das Beste wäre wohl, dem Hund Schutz zu bieten, indem man sich mit dem Rücken zum Hund zwischen ihn und den fremden Menschen stellt. Anders sieht es aus, wenn die scheinbare Bedrohung weniger konkret ist und bereits alles für den Schutz des Hundes getan ist, beispielsweise an Sylvester. Man ist sicher im Haus, die Rollläden sind heruntergelassen, alle Maßnahmen getroffen und man kann nichts weiter tun, als die Knallerei abzuwarten. Ob und wie man jetzt trösten sollte, hängt meiner Meinung nach stark vom Hund ab. Du selbst kannst deinen Hund am besten einschätzen. Vielleicht möchte er kuscheln, vielleicht möchte er einfach nur neben dir liegen oder vielleicht möchte er sich auch zurückziehen und einfach seine Ruhe haben. All das ist in Ordnung. Wichtig ist, nichts zu dramatisieren und die Bedürfnisse deines Hundes wahrzunehmen und zu respektieren. Möglicherweise hast du wie ich das Bedürfnis, kleine, verängstigte Wesen in den Arm zu nehmen und an dich zu drücken. Wir sollten dieses Bedürfnis jedoch nicht über die Interessen des kleinen Wesens stellen, das vielleicht ganz andere Vorstellungen von hilfreichen Trost hat.

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Der eigene Weg

Ich kenne einige Leute, denen Hausarbeit hilft, wenn sie angespannt und nervös sind. Bei mir verstärkt das die Anspannung. Wenn meine Gedanken nicht beschäftigt sind, fangen sie an zu kreisen und mich verrückt zu machen. Ich löse in so einem Fall gerne Gleichungen im Kopf, das erfordert Konzentration und wirkt auf mich entspannend. Sicher gibt es Leute, denen das überhaupt nicht helfen würde. Wir sind alle verschieden. Bei Hunden ist das nicht anders. Kalle braucht Weite und Übersicht, um zu entspannen, andere Hunde brauchen ein sicheres Versteck. Du kannst selbst herausfinden, was deinem Hund gut tut. Lass dich nicht verunsichern, wenn andere es anders machen. Alles was ich bisher geschrieben habe, ist das, was für uns richtig ist. Immer wieder behaupten Leute, ihr eigener Weg sei der einzig richtige. Das ist natürlich Quatsch. Ich habe dir einen Teil unseres Weges gezeigt. Wenn dir das hilft, euren eigenen zu finden, würde mich das sehr glücklich machen.

 

Literatur

[1] D. S. Tuber, M. B. Hennesy, S. Sanders and J. A. Miller (1996): Behavioural and glucocorticoid responses of adult domestic dogs (Canis familiaris) to companionship and social separation, Journal of Comparative Psychology, 110(1), 103-108

[2] Nicole Wilde (2006): Help for Your Fearful Dog: A Step-by-Step Guide to Helping Your Dog Conquer His Fears. Deutsche Ausgabe: Der ängstliche Hund, Kynos, 2008

[3] Patricia McConnell (2007): For the Love of a Dog. Deutsche Ausgabe: Liebst du mich auch?, Kynos, 2008

[4] Udo Gansloßer und Kate Kitchenham (2012): Forschung trifft Hund, Kosmos

Monatspfoto Januar

Dieses Mal ist das Motto des Monatspfotos von miDoggy: Ein Blick durchs Schlüsselloch.

Dieses tolle Motto führt uns zu der Frage, was die Hunde eigentlich machen, wenn sie alleine zu Hause sind. Ich kann euch sagen: Es war gar nicht so einfach, sie zu erwischen. Ich musste mich hinter der Tür verstecken, geduldig und mucksmäuschenstill warten, sie in Sicherheit wiegen. Und dann kam der große Moment. Ihre geheimen Machenschaften sind nun aufgedeckt, festgehalten für die Ewigkeit durch ein heimliches Foto durchs Schlüsselloch.

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Monatspfoto

Noch ein paar Outtakes:

 

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Mit dem gesamten Schlüsselloch im Ausschnitt war Kalle nicht mehr zu sehen. Schade…

 

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Heimlich Naschen.

 

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Hat sie das gesehen?