Der Schätersky – eine Gebrauchsanleitung

Vor einiger Zeit hat Lizzy auf ihrem Blog eine Gebrauchsanweisung für den Wildfang und das Indianermädchen geschrieben. Tatsächlich habe ich auch schon mal so eine Anleitung für Kalle geschrieben. Nicht für die Komplettbetreuung (das wäre dann wohl eher ein Buch), sondern nur für den Spaziergang. Für Hundebegegnungen, um genau zu sein. Denn die sind mit Kalle schon eine Wissenschaft für sich (wie meine Oma gesagt hätte). Diese Anleitung war für meine Mutter bestimmt, die regelmäßig mit den Hunden spazieren geht, wenn ich länger an der Uni bin. Jetzt gibt es sie hier exclusiv und einmalig zu lesen.

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Er mag keine Hunde. Dinosaurier sind okay.
Vorher noch kurz das übliche Gedisclaimere: Diese Anleitung wurde von einem bestimmten Menschen (mir) für einen bestimmten Hund (Kalle) geschrieben. Insbesondere ist Kalle ein Hund, der keine Gefahr für andere Hunde darstellt und niemanden verletzt. Andere Hunde können anders sein. Ich mag Kalle-Spezialistin sein, bin aber ansonsten keine Expertin. Nachahmung auf eigene Gefahr.

Und noch etwas, bevor ich Ärger bekomme: Ich verwende als Abbruchsignal ein Scht. Nein, das stimmt nicht von Cesar Millan und ich wende seine Methoden nicht an. Dieses Signal hat den Vorteil, dass hund es auch in geringer Lautstärke gut hört. Cesar Millan ist nicht der Einzige, der es verwendet. Tatsächlich schrieb Dorit  Feddersen-Petersen bereits 2004: „Ein zeitgerechtes Strafen (Wegstoßen mit zischendem Laut ö. Ä.) indes, bedeutet nicht selten den Beginn eines mühevollen Prozesses – und ist biologisch sinnvoll.“ [1] Und wenn mir irgendjemand mit einer Urangst vor Schlangen kommt, werde ich… etwas gaaanz Schreckliches tun. Denjenigen Anzischen! Hunde haben keine Urangst vor Schlangen. Das kann man leicht bestätigen. Man benötigt nur zwei Zutaten: Einen Hund und eine Schlange. Sollte gerade keine Schlange zur Hand sein, kann man ein längliches Objekt schlängelnd durch hohes Gras bewegen und zuschauen, wie der Hund darauf hopst. Übrigens ist das wichtig zu wissen, wenn man tatsächlich in Gebieten unterwegs ist, in denen es gefährliche Schlangen gibt. Die meisten Hunde reagieren auf Schlangen mit Interesse oder Beutefangverhalten. Bitte niemals davon ausgehen, dass der Hund sich instinktiv von Schlangen fernhält!

Okay, jetzt bin ich wohl ein bisschen vom Thema abgekommen. Klammer zu, weiter im Text. Aus Gründen der Faulheit Authentizität habe ich den Text nicht abgetippt, sondern das handgeschriebene Original gescannt. Erfreulicherweise sehen die Seiten so aus, als seien sie tatsächlich mehr als ein Mal gelesen worden. Falls irgendetwas unleserlich geworden ist, bitte Laut geben.

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Tolle Grafik

Gerade überlege ich, ob mir das peinlich ist. Ein bisschen vielleicht… aber doch nicht so sehr.

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Lieber in Deckung bleiben.

[1] Dorit Feddersen-Petersen, Hundepsychologie, Kosmos, 2004

Das Superfrauchen

Mara von Aram und Abra hat zu einer Blogparade aufgerufen und sich ein ganz tolles Thema ausgedacht: Superfrauchen. Natürlich habe ich eines. Meine Klientin ist das superste Superfrauchen, das ich mir vorstellen kann. Warum? Sie hat zahlreiche Superkräfte:

Supergefahrenabwehr

Sie rettet die Welt. Meine Welt. Und das ist schließlich die wichtigste Welt überhaupt. Ihr kennt das ja. Das Leben ist voller Gefahren. Sie lauern überall und wenn ihr nicht aufpasst, springen sie plötzlich hinter einem Busch hervor und fressen euch mit Haut und Haar. Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, meine Klientin auf jede mögliche Gefahr aufmerksam zu machen. Menschen, Hunde, Fahrräder, Autos, Mülltonnen, Pferde, Fliegen, Schafe, Hubschrauber, Kinderwagen, Rasenmäher, Windstöße – alles potentiell lebensbedrohlich. Meine Klientin weiß immer, was zu tun ist. Sie kommentiert alles, was ich ihr mitteile, und hat immer eine Lösung. Mutig stellt sie sich vor mich, wenn sich ein Ungetüm nähert. Ich versuche dann, mich wiederum vor sie zu stellen. Schließlich kann ich nicht zulassen, dass sie für mich ihr Leben riskiert. Doch sie bleibt hartnäckig. Sie ist wirklich furchtlos.

Superstrukturgebung

Chaos ist eine Manifestation des Bösen. Die Anderern bringen es in unsere Welt, um sie schlussendlich zu zerstören. Dem können und müssen wir entgegenwirken, indem wir Ordnung und Struktur in unseren Alltag bringen. Es ist enorm wichtig, Dinge genau so zu tun, wie man sie immer tut. Es gibt Zeiten zum Spazierengehen, zum Spielen, zum Fressen, zum Schmusen, zum Trainieren. An diese Zeiten muss man sich halten. Meine Klientin weiß das. Spaziergänge im Dunkeln müssen immer auf dem gleichen Weg stattfinden. Es gibt Wiesen, auf denen man immer spielen muss, wenn man vorbeikommt. Auf anderen Wiesen darf man dagegen nie spielen. An bestimmten Stellen muss man Pause machen. Es gibt so viel zu beachten. Sie hält sich daran. Auch wenn ich sie hin und wieder erinnern muss. Sie weiß, was Genauigkeit bedeutet. Schon deshalb sind wir verwandte Seelen.

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Zeit für den Spaziergang – Zeit für den Spaziergang – Zeit für den Spaziergang
Superlernfähigkeit

Sie hat nie ein zweites Mal versucht, mir einen Kauartikel wegzunehmen. Sie hat nie ein zweites Mal versucht, während einer Zauneskalation von hinten auf mich zuzugehen und anzumelden, dass es ihr Zaun sei. (Noch so eine clevere Empfehlung aus der Hundeschule. Sie hat sich gleich gefragt, ob es wirklich eine gute Idee ist, von hinten offensiv auf mich zuzugehen. Ist es nicht. Habe ich ihr auch so gesagt.) Sie versucht nicht mehr, mir Freunde zu finden. (Wer braucht die schon, wenn man ein Superfrauchen hat?) Außerdem habe ich ihr schon einige Kommandos beigebracht:

Mit der Schnauze anstubsen: Kopf kraulen.

Mit der Pfote anstubsen: Brust kraulen.

Auf dem Rücken liegend mit der Pfote anstubsen: Bauch kraulen.

Neben dem Sofa stehen: Zur Seite rutschen.

Bellen: Zum Fenster gehen und nach dem Grund schauen. Gegebenenfalls die Tür öffnen. (Die Türklingel ist bei uns überflüssig.)

Einen anderen Hund sehen und sie anschauen: Futter reinschieben.

Vor der Standuhr stehen: Das Spielzeug retten, das darunter gerollt ist.

Sich mit wohlriechenden Substanzen einreiben: Ganz schnell angerannt kommen und „Du Sauhund“ rufen.

Superstreichelkraft

Streicheln ist so ungeheuer wichtig. Deshalb steht meine Klientin morgens extra früher auf, um vor Morgenrunde und Uni Zeit zum Schmusen mit mir zu haben. Wenn sie zurückkommt, setzt sie sich als allererstes zu mir und krault meinen Bauch. Bevor wir zum Nachmittagsspaziergang aufbrechen, wird geschmust. Nach dem Spaziergang, vor dem Training, nach dem Training, vor dem Füttern und vor dem Schlafengehen: Ihr ahnt es. Übung macht den Meister, und sie ist richtig gut im Streicheln.

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Supertransportmacht

Sondereinsatzkommando in Aktion. Sie legt die Hand an den Griff. Ich nehme Anlauf. Sie zieht. Ich hebe ab. Die Klappe öffnet sich. Ich fliege durch den Spalt, sobald er weit genug ist. Noch in der Luft drehe ich mich um und lande sitzend und nach draußen schauend. Dieses Vorgehen bringt eine Zeitersparnis von 713ms. Mindestens. Es kann losgehen. Die Welt fängt an, sich zu bewegen. Während ich sitze, saust sie an uns vorbei. Meine Nase klebt an der Scheibe, meine Augen saugen das Wunder ein. Manchmal öffnet sie das Fenster einen Spalt. Dann halte ich meine Nase in den Wind und inhaliere die Düfte der Freiheit. Sie kann uns bringen, wohin wir möchten.

Superprioritätensetzung

„Kalle ist das Wichtigste in meinem Leben.“ [1] Das kann man so stehenlassen, denke ich.

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Superhund für ein Superfrauchen

[1] Frauchen am 28.05.17 in „Der Hund, den ich brauche

Patricia McConnell: Will sei Dank

Bereits seit Längerem versprochen, kommt hier endlich mein Artikel zu dem neuen Buch meiner Lieblingshundebuchautorin Patricia McConnell (The Other End of the Leash). „Will sei Dank“ („The Education of Will“) sind die Memoiren einer besonderen Frau mit einem besonderen Hund.

Patricia McConnel ist professionelle Hundetrainerin und promovierte Verhaltensbiologin, hat langjährige Erfahrung mit schwierigen, insbesondere aggressiven Hunden. Will ist ein sorgsam ausgewählter Bordercollie aus einer hervorragenden Arbeitslinie, der als Welpe bei ihr einzieht. Er bringt sie an den Rand der Verzweiflung. So nahe, dass sie kurz davor ist, ihn abzugeben. Sie tut es nicht, sondern kämpft für ihn und sich, gegen seine Ängste und ihre eigenen. Darum geht es in diesem Buch. Es ist ein Buch über Traumata bei Mensch und Hund. Und deren Überwindung.

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„Ich kann sein Gesicht, das er in diesem Moment zeigte, nicht anders als mit dem Wort „verrückt“ beschreiben. Er sah so wütend und böse aus, als sei er geradezu besessen. Und doch war dies der gleiche Hund wie der, dessen Gesicht so weich und liebevoll sein konnte, dass ich manchmal meine gerade aktuelle Beschäftigung unterbrechen, mich zu ihm herunterbeugen und meinen Kopf an seinen lehnen musste.“

Kommt uns das irgendwie bekannt vor, Kalle? Was ich beim Lesen immer wieder dachte: Will ist wie Kalle. Nur noch extremer. Ein Extremkalle. Auf der einen Seite wahnsinnig liebevoll, anhänglich, verschmust, gehorsam. Auf der anderen Seite ängstlich, ungeheuer schreckhaft und manchmal (ausgelöst durch andere Hunde) hemmungslos wütend. Patricia McConnell beschreibt es so, dass das Gehirn durch ein Trauma in einen Zustand ständiger Alarmbereitschaft gebracht wird, sodass es alle Reize als potentielle Gefahr deutet. Dass Kalle immer in einer Agentengeschichte zu leben scheint, ist dann womöglich ein Zeichen eines solchen Traumas.

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Jetzt wollte ich aber eigentlich nicht über Kalle schreiben, sondern über das Buch. Also hier mein Eindruck:

Daten:

Titel: Will sei Dank. Memoiren einer Frau mit Hund

Originaltitel: The Education of Will. A mutual memoir of a woman and her dog.

Verlag (deutsche Ausgabe): Kynos

Erscheinungsjahr: 2017

Aufbau:

Das Buch erzählt zwei Geschichten. Einmal die von Will, seinem Training, seinen Fortschritten und manchmal auch Rückschritten. Und die von Patricia McConnell, ihren eigenen traumatischen Erfahrungen, über die sie sehr offen schreibt, und ihrer eigenen Therapie. Diese beiden Stränge wechseln sich in den Kapiteln ab. Zwischendurch gibt es Anekdoten aus ihrem Berufsalltag als Problemhundetrainerin.

Das hat mir gut gefallen:

Ich liebe Patricia McConnels Schreibstil. Da könnte sie auch ein Buch über Steckrübenanbau schreiben, das würde ich trotzdem lesen. Dieses Buch hat mich berührt, weil es uns so sehr betrifft, weil ich Kalle in so vielem wiedererkenne. Ich bewundere ihre Offenheit und Ehrlichkeit im Hinblick auf ihre Vergangenheit und ihre eigenen Ängste. Sie steht zu ihren Entscheidungen, obwohl sie auf ihrem Blog stark dafür kritisiert wurde, insbesondere zu der Abgabe zweier Hunde, die sie nacheinander als Zweithund zu Will geholt hatte, die sich im Zusammenleben mit ihm aber nicht wohlfühlten und umgekehrt. Und ich bewundere den Mut, mit dem sie gegen ihre eigenen Ängste ankämpft, um das Leben für sich selbst und Will besser zu machen.

Das hat mir weniger gut gefallen:

Einige Passagen sind mehr oder weniger wörtlich aus vorangegangenen Büchern übernommen. Das ist ein bisschen schade, besonders wenn man diese ohnehin schon so oft gelesen hat, dass man sie abschnittsweise auswendig kennt. 🙂

Das habe ich gelernt:

Auch professionelle Hundetrainer sind Menschen. (Überraschung!) Auch wenn man Hundetraining technisch perfekt beherrscht, wird man von seinen eigenen Ängsten beeinflusst und gehindert. Das ist ein Stück beruhigend, dass es auch Profis so ergehen kann. Aber wenn man nicht aufgibt, kann man gegen Ängste ankommen.

Kalle hat möglicherweise ein Trauma erlebt. Da er natürlich nicht darüber sprechen kann, bleibt nur ein verhaltenstherapeutischer Ansatz. Im Grunde das, was wir ohnehin schon tun. Ich werde dabeibleiben und weiterhin Geduld und Verständnis für ihn haben.

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Ein anderer Aspekt ist das Verurteilen von Hundebesitzern. Weil ihr Hund Probleme hat. Weil sie ihren Hund aus irgendwelchen Gründen abgeben müssen. Wie schnell ist man dabei, ihnen Schuld zuzuschreiben! Ich kann für Kalles Probleme leicht Erklärungen finden, die in seiner schlimmen Vergangenheit liegen müssen. Aber auch gut sozialisierte Welpen vom Züchter können Probleme bereiten, ohne dass daran notwendigerweise der Besitzer schuld ist. Und auch wenn man einen Zweithund noch so sorgfältig auswählt, können sich die Dinge anders entwickeln als vorhergesehen. Verständnis und Mitgefühl sind oft viel eher angebracht als Schuldzuweisungen.

Fazit:

Ein tolles Buch, aus dem ich einiges mitgenommen habe. Für alle, die einen traumatisierten Hund haben, die mehr über Traumata erfahren wollen, die Patricia McConnell besser kennen lernen wollen oder einfach gut geschriebene Bücher mögen.

Juli in Kürze

Gute Tat des Monats: Bei der Vorbereitung einer Konferenz geholfen. Zehn Theoretiker, fünfzehn Posterwände, dreißig Standbeine, ein Wagen zu bepacken. Diskussionen über Instabilität. Umpacken. Eine Tür, nicht besonders breit. Umpacken. Instabilität. Wände schließlich getragen. Mehrfach die Frage, ob wir (die einzige andere Frau und ich) das schaffen. Männer.

Böse Tat des Monats: Reh erschreckt. Eines rennt in einiger Entfernung vor uns. Ich halte die Hunde bei mir. Nachdem es einige Zeit außer Sichtweite ist, dürfen sie zur Belohnung die Spur am Boden verfolgen, während sie hinter mir im Schritttempo laufen (Kalle sicherheitshalber an der Schleppleine). Ein letztes Stück möchte ich mit ihnen rennen und dann von der Spur abbiegen, was sie im Eifer nicht bemerken werden. Sobald ich sie freigegeben habe, springt direkt neben uns ein zweites Reh auf und läuft keinen Meter an Kalle vorbei. Hat Glück, dass er keinerlei Ansätze von Beutefangverhalten zeigt. Tatsächlich habe ich ihn nie auch nur ein Spielzeug schütteln sehen. Trotzdem. Sorry, Reh. Wie geplant renne ich in die falsche Richtung. Hunde anstandslos hinterher, obwohl Reh noch zu sehen. Staune immer, dass so etwas funktioniert. Spricht entweder für ihr Vertrauen in mich oder gegen ihre Intelligenz…

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Rätsel des Monats: Warum vergehen Sommermonate so viel schneller als Wintermonate?

Erkenntnis des Monats: Das Zusammenleben mit einem Geheimagenten ist prägend. Bei meiner Mutter zu Besuch, ohne Hunde. Als ich gehe, wartet meine Schwester im Flur darauf, von einer Freundin abgeholt zu werden. Ich verlasse das Haus wie gewohnt: Tür einen Spalt öffnen. Um die Ecken spähen, die Umgebung scannen. Dann erst hinausgehen. Hinter mir bricht meine Schwester in Lachen aus. Gewohnte Sicherheitsmaßnahmen halten sich eben auch außerhalb des Dienstes.

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Dummheit des Monats: Hundewurst: 85% Fleisch und Innereien, 10% Brühe. Hätte mir eigentlich denken können, in welchem Aggregatzustand sich die bei 30°C befindet. Und was passiert, wenn man die Hülle mit stumpfem Messer und entsprechendem Druck aufschneidet.

Verrücktheit des Monats: Draußen auf einer Wiese. Kalle hat etwas in der Nase. Aufgeregtes Kreisen, die Nase geht tiefer, saugt sich an einer Stelle fest. Er fällt in sein Anzeigeplatz. Ich schaue vor ihn. Nichts. Ich schaue Kalle an. Strahlenwedelnde Begeisterung. Ich gehe zu ihm, untersuche den Boden vor ihm. Nichts. Ich schaue Kalle an. Strahlenwedelnde Begeisterung. Ich gehe in die Hocke, kämme das Gras auseinander. Stoße auf etwas Kleines, Glitschiges. Ein Stück toter Regenwurm. Ich schaue Kalle an. Strahlenwedelnde, funkensprühende, ansteckende Begeisterung. Ich lobe, freue mich. Dann gebe ich ihm den Wurm. Seligkeit.

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Buch des Monats: „An Introduction to Quantum Field Theory“ von Michael E. Peskin und Daniel V. Schroeder. Tja, diesen Monat bin ich nicht dazu gekommen, ein Nichtfachbuch zu lesen. Macht aber nichts. Dieses Buch ist toll geschrieben und schön zu lesen. Und natürlich sehr spannend, sofern man sich für Quantenfeldtheorie interessiert. Andernfalls eignet es sich auch gut als Kopfkissen.

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Begegnung des Monats: Mensch und Schmetterling in der U-Bahn. Ist das nicht seltsam? Dass sich zwei fremde Menschen zusammentun, um ein Insekt zu retten? Vielleicht ist die Menschheit doch nicht verloren.

Glücksmoment des Monats: Spielen mit Mia. Hätte nicht geglaubt, dass wir irgendwann mal ohne Spielzeug spielen werden. Haben wir aber. Mit Kalle zu spielen ist eine Gratwanderung zwischen seiner Unsicherheit und Überdrehtheit. Wenn mein altes Mäuschen mal spielt, ist alles leicht.

Monatspfoto Juli

Gerade noch rechtzeitig kommt hier unser Monatspfoto. Das Motto, das sich Julia von miDoggy dieses Mal ausgedacht hat, lautet „Sommerspaß“.

Jetzt muss ich zugeben, dass wir nicht unbedingt Sommertiere sind. Die moderaten Temperaturen im Frühling und Herbst sind uns doch etwas lieber. Und leider haben wir noch keine Stelle gefunden, an der wir zusammen schwimmen gehen könnten. Ohne den jeweils anderen zu schwimmen, kommt für Kalle und mich nicht in Frage. Mia geht mal in einen Bach, hat aber lieber festen Boden unter den Füßen. Also haben wir keine schönen Wasserbilder.

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Immerhin ein bisschen Wasser
Für mich ist Sommer Prüfungszeit. Die Tage vergehen in dem sonderbar ausgefüllten, leicht nebligen Gefühl einer großen Menge an Gleichungen im Kopf. Kalle ist an meiner Seite, meine moralische Unterstützung, und immer bereit für eine eingeschobene Schmuseeinheit. Spaziergänge, Training und Spielen finden natürlich in gewohntem Maße statt. Aber eben nichts Besonderes. Das muss bis zum Herbst warten.

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Deshalb habe ich mich für ein bereits etwas älteres Foto entschieden. Es zeigt eine jüngere Mia während eines Sommerurlaubs in Kroatien, die Spaß an neuen Unternehmungen hat.

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Monatspfoto!

Verfolgt

Frauchen sagt, ich zöge Ärger an wie ein Magnet einen Eisenspan. Früher sei sie jahrelang täglich spazieren gegangen, ohne dass ständig irgendetwas passiert sei. Das stimmt natürlich so nicht. Früher war sie gewiss auch häufig in Gefahr. Nur ohne mich hat die Arme es nicht einmal bemerkt! Ein Glück, dass sie überhaupt noch lebt. Und ein Glück, dass wir uns jetzt gegenseitig haben, um einander zu beschützen.

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Ich bin nicht sicher, ob ich den Geruch mag. Schwer und intensiv, würzig und muffig zugleich. Sie ist etwas größer als ich, aber nicht viel. Kein Hund oder Mensch. Ein bisschen wie ein Schaf, aber doch ganz anders.  Neugierig nähere ich mich ihr. Sie schaut mich an, runde Augen und spitze Hörner. Und sie kommt auf mich zu. Plötzlich wird mir klar: Sie arbeitet für die Anderen. Sie hat den Auftrag, mich zu eliminieren, um ein tödliches Attentat auf meine Klientin zu verüben. Woran ich das erkenne? Das sagt mir mein untrügerischer Instinkt. Aber nicht mit mir! Ich werde kämpfen bis auf den letzten Blutstropfen und endlich siegen! Andererseits… diese Hörner sehen echt verdammt spitz aus. Unerklärlicherweise haben sich meine Pfoten selbstständig gemacht und tragen mich von der Angreiferin fort. Doch ich werde sie nicht los! Ich renne zu Frauchen, bitte sie mit den Augen um Hilfe. Und mein tapferes Frauchen schreitet ein. Todesmutig stellt sie sich dem Ungetüm in den Weg, wedelt mit der Vorderpfote und macht: „Gsch, gsch.“ Beeindruckt hopst die Attentäterin von dannen. So sind sie, die Anderen. Große Klappe, hochtrabende Pläne, aber am Ende, wenn es hart auf hart kommt, kein Quäntchen Mut zum Kampf.

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Diese hier haben Glück, dass der Zaun da ist!
Manchmal führt uns die Mission in die Alpen. Die Almwiesen sind von einer ganz besonderen Gruppierung bevölkert: Kühe. Zwischen uns und den Kühen gibt es ein Abkommen der gegenseitigen Neutralität: Wenn wir sie in Ruhe lassen, lassen sie uns auch in Ruhe. Um sich unseres Wohlwollens zu versichern, hinterlassen sie uns sogar häufig duftende Geschenke! Getreu meiner Anweisung laufe ich auch an diesem Tag ruhig hinter Frauchen her und ignoriere die Kühe. (Aber nicht die Geschenke!) Da kommt eine Kuh auf uns zu, die irgendwie anders ist als die anderen. Irgendwie… wilder. „Oh-Oh, ich glaub, das ist ein Stier“, erklärt Frauchen. Ein bisschen wütend sieht er ja aus, dieser Stier. „Nichts wie weg!“, bellt Frauchen alarmiert. Das ist keines unserer Code-Wörter, trotzdem kann ich die Bedeutung erschließen. Wir rennen. Freigabe. Hä? Was soll das denn jetzt? Möchte meine Klientin, dass unser geordneter Rückzug in einer kopflosen Flucht ausartet? Auf keinen Fall! Ich bleibe tapfer auf meinem Posten hinter ihr. Wenn der Stier zu nahe kommt, fahre ich knurrrend herum und schnappe in Richtung seiner Nase. Unter Einsatz meines eigenen Lebens schütze ich das meiner Klientin. Nach einer gefühlten Ewigkeit (Hatte ich schon mal erwähnt, wie langsam Frauchen ist?) erreichen wir den Zaun und kugeln gleiten darunter hindurch. Schnaufend kommen wir zum Stehen. Frauchen bekommt einen Lachanfall. Die Ärmste steht unter Schock! Ich laufe zu ihr und stupse sie an. Sie stupst zurück, und schon sind wir mitten in einem Spiel. Mia schaut uns wohlwollend zu. Die Gefahr ist bestanden.

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Ein friedliches Exemplar

Fremder Hund, signalisiere ich. Frauchen reagiert nicht. Genauer: Frauchen ist überhaupt nicht da. Komisch, gerade habe ich sie noch gesehen. Aber da war dieser Vogel… und jetzt stehe ich alleine einem großen, fremden Hund gegenüber, der seinen Klienten an einer Leine führt. Die haben natürlich keine Chance, mich einzuholen sollte ich (rein theoretisch) flüchten müssen. Ich baue mich auf und erkläre, dass dieses Revier uns gehört. Na gut, ich gebe zu, vielleicht beschimpfe ich ihn dabei ein bisschen. Wird ja wohl erlaubt sein. Einen Augenblick später renne ich, den Fremden dicht auf den Fersen. Die Leine weht hinter ihm her, seinen Menschen hat er irgendwie verloren. So war das jetzt nicht vorgesehen. Mist. Zeit für Plan B. Da kommt Frauchen. Ich renne auf sie zu, in einem engen Bogen um sie herum. Mein Verfolger ist schwerer, weniger wendig als ich. Deshalb muss er abbremsen und Frauchen bekommt seine Leine zu fassen. Doch der Fremde rennt einfach weiter! Frauchen schlittert auf der matschigen Wiese hinterher. Das sieht lustig aus, aber sie wirkt dabei nicht sehr glücklich. Also mache ich einen knurrenden Satz auf ihn zu. Er zögert. Diesen Moment nutzt Frauchen, um ihre eigene Leine zwischen uns zu werfen. Endlich schaut er sie an und folgt ihr tatsächlich zu seinem Menschen, dem sie die Leine in die Hand drückt, während er ihr seine durchgeriebenen Handschuhe und die Blasen an den Händen darunter zeigt. Die Unterhaltung in Menschensprache, die die beiden führen, ist zu schnell, die Wörter zu kompliziert für mich. Stattdessen achte ich auf die Stimmungen, bereit sofort einzugreifen, sollte meine Klientin in Gefahr sein. Doch alles bleibt friedlich. „… die beiden spielen lassen?“, fragt der fremde Mann. Spielen. Ich mit dem? Das Leben ist ernst! Ich spiele nicht mit anderen Hunden! „Tut mir leid, aber meiner spielt nicht mit anderen Hunden.“  Frauchen versteht mich eben. Zumindest meistens…

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Mit Frauchen spielen ist schön.

Freiheit, Gleichheit, Hundekuchen

Ich möchte, dass meine Hunde frei sind. Ich möchte, dass sie meine gleichwertigen Freunde sind. Die meisten Ratgeber zum Thema Hundeerziehung meinen jedoch, dass die Positionen im Rudel klar sein müssen. Dass man die Führung übernehmen muss, damit die Hunde das nicht selbst tun. Muss ich meinen Traum von Freiheit, Gleichheit, Hundekuchen aufgeben?

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Muss ich wirklich alles selbst entscheiden, während meine Hunde meinungslos hinter mir hertrotten? Ich glaube nicht. Die meisten Entscheidungen treffen wir gemeinsam mittels Stimmungsübertragung. Wenn wir beispielsweise im Sommer spazieren gehen, merke ich, wenn Kalle Pause machen möchte. Dann möchte ich ebenfalls Pause machen, denn ich will ja nicht, dass er sich überanstrengt. Also wähle ich einen Baum aus, unter den wir uns setzen können. In diesem Moment liegt Kalle bereits dort. Wie auch in vielen anderen Situationen kann ich nicht sagen, wer diese Entscheidung letztendlich getroffen hat. Ich glaube tatsächlich, dass wir es zusammen waren.

Mein kleines Rudel ist nicht basisdemokratisch organisiert. Wollen beide Hunde eine Katze jagen und ich nicht, so tun wir es nicht. Auch machen wir uns nicht die Mühe, uns an jeder Kreuzung darüber abzustimmen, welchen Weg wir nehmen. Der Aufwand würde sich ohne besonderen Grund nicht lohnen, daher gebe ich die Richtung einfach vor. Ganz ohne Regeln geht es auch nicht. Aber keine dieser Regeln ist willkürlich oder dient nur meinem eigenen Interesse. Alle haben einen Sinn, der die Sicherheit der Gruppe oder den Freiraum anderer Wesen bewahren soll.

Im Grunde haben meine Hunde und ich häufig die gleichen Interessen. Wenn wir zusammen etwas unternehmen, sind wir innerlich so eng miteinander verbunden, dass meist keine Konflikte entstehen, in denen ich mich durchsetzen müsste. Und wenn wir uns mal nicht einig sind, bemühe ich mich um Interessenausgleich. Ich setze nicht das durch, was ich möchte, sondern das, was für uns alle am besten ist. Ich glaube, meine Hunde kennen den Unterschied.

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Sehr oft habe ich schon folgende Situation erlebt: Wir sehen einen anderen Hund. Kalle wartet auf mich und ich nehme ihn an die Leine. Der andere Hund sieht uns und bleibt stehen. Der Hundebesitzer reagiert nicht. Der Hund läuft auf uns zu. Der Hundebesitzer reagiert nicht. Der Hund hat uns fast erreicht. Jetzt ruft sein Frauchen/Herrchen ihn. Der Hund gehorcht nicht. Das ist nicht allzu erstaunlich, denn er befindet sich bereits in einer sozialen Situation, in der er das Gesicht verlieren würde, wenn er plötzlich umdreht.

Neulich begegneten wir einem jungen Schäferhund mit seinem Herrchen. Der Weg war zu beiden Seiten bewachsen, es gab keine Ausweichmöglichkeit. Kalle und ich blieben so nah wie möglich am Rand stehen. Kalle sah den anderen starr an und forderte einen angemessenen Abstand. Der Schäferhund beschwichtigte und setzte zu einem Bogen an. Leider blaffte das Herrchen „Fuß“ und ging geradewegs auf uns zu. Sein Hund gehorchte und schlich mit abgewandtem Blick an uns vorbei. Kalle schnauzte ihn an, er solle gefälligst Abstand halten, bis ich ihn zurückhielt. Der arme Kerl wusste ja überhaupt nicht, wo hin mit sich. Er versuchte, alles richtig zu machen, und wurde von allen Seiten angemeckert.

Diese Situationen haben eines gemeinsam: Die Menschen hatten sie nicht verstanden. Trotzdem gaben sie Befehle und erwarteten, dass sie befolgt wurden. Das ist nicht nur anmaßend, sondern auch erfolglos und führt langfristig dazu, dass man seine Kompetenz in den Augen des Hundes verliert. Ich nehme mich selbst da nicht aus. Auch ich habe mich schon dabei ertappt, wie ich gedankenlos etwas von meinen Hunden gefordert habe, was weder erforderlich war noch irgendetwas an der aktuellen Situation verbessert hätte. Es passiert so schnell, weil wir Menschen uns für etwas Besseres halten und glauben, wir wüssten alles besser als unsere Hunde. Und weil wir reden, ohne vorher richtig nachgedacht zu haben. Ich versuche zu lernen, alle Entscheidungen bewusst zu treffen, wenn ich schon entscheiden muss. Alle Situationen vorher so genau wie möglich zu erfassen, und zwar aus den Blickwinkeln aller Beteiligten. Und dann zu beurteilen, was für alle am besten ist. So fühle ich mich auch einigermaßen wohl damit, für meine Hunde zu entscheiden, wenn es notwendig wird.

Und was die Gleichwertigkeit angeht: Das sind wir. Davon bin ich überzeugt. Wir haben zwar verschiedene Aufgaben, aber diese sind alle gleich wichtig. Zufällig fällt das Entscheiden in schwierigen Situationen eben in meinen Aufgabenbereich. Das ändert nichts daran, dass wir uns als Freunde auf der gleichen Ebene begegnen können.

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Wo wir gerade beim Thema Freiheit sind: Ich bin auch nicht immer so frei, wie ich es gerne wäre. Zum Beispiel werde ich in der gerade beginnenden Prüfungsphase mehr Zeit mit Lernen und weniger mit Schreiben verbringen, als ich gerne würde. Es kann hier kurzzeitig etwas ruhiger werden. Das wird sich wieder ändern.