Ein Fünftel der Welt

Ein Rascheln im Gebüsch. Ein großes Tier, dem Geräusch nach zu urteilen. Auch die Hunde haben es bemerkt. Zu mir. Ruhe, Wachsamkeit. Ich spähe durch das dichte Geäst und versuche etwas zu erkennen. Vergeblich. Ein Wildschwein? Es soll hier einige geben. Ich höre einen Ast brechen. Also muss es ein kräftiges Tier sein. Bestimmt ist es ein Wildschwein! Das kann gefährlich werden. Schnell weg von hier. Sicherheitshalber aber erst einmal die Hunde anleinen. Ich werfe einen Blick auf meinen Bodyguard, der sich neben mir aufgebaut hat. Der offenbar versucht, mir etwas mitzuteilen. Entspannung, fragend. Witternd hebt er seine Nase. Unwillkürlich ahme ich ihn nach. Und muss plötzlich lachen. Entspannung, danke, weiter. Es riecht ganz eindeutig und unzweifelhaft nach Kuh. (Wie die in das Gebüsch gekommen ist? – Keine Ahnung. Von der anderen Seite, vermutlich.)

Warum bin ich selbst nicht darauf gekommen, meine Nase zu benutzen? Ganz selbstverständlich habe ich Seh- und Hörsinn genutzt, um Informationen zu sammeln. Warum nicht den Geruchssinn? Was müssen meine Hunde von mir denken, wenn ich vollkommen – da, wir haben nicht einmal ein eigenes Wort dafür – „geruchsblind“ durch das Leben gehe? (Der Fachausdruck für „Geruchsblindheit“ lautet übrigens Anosmie. Das zugehörige Adjektiv wäre dann wohl anosmisch, dieses findet sich jedoch nicht im Duden.) Freiwillig verzichte ich im Alltag auf einen Sinn. Damit verpasse ich doch quasi ein Fünftel der Welt!

In der nächsten Zeit achte ich darauf, meine Nase bewusst einzusetzen. Ich rieche einen fremden Hund hinter einer Ecke, noch bevor ich ihn höre. Um herauszufinden, ob meine Schwester zu Hause ist, prüfe ich die Luft im Flur. Und nehme eindeutig ihren individuellen Geruch wahr, der jedem Mensch zu eigen ist. Sind diese Schuhe aus echtem Leder? Ein kurzer Geruchstest verrät es, die aufwendige Suche nach Etiketten bleibt mir erspart. (Die Dame dort drüben schaut mich seltsam an. Eine Nicht-Riechende. Die Arme.) Im Supermarkt suche ich die Schokolade. Immer der Nase nach? Für meine Hunde wäre das ein Kinderspiel. Ich schaffe es nicht, den spezifischen Schokoladengeruch aus dem Chaos herauszufiltern. Na ja, alles hat eben seine Grenzen.

Trotzdem: Der Geruchssinn ist wahnsinning nützlich und bei uns längst nicht so unterentwickelt, wie ich glaubte. Er hat diese stiefmütterliche Behandlung nicht verdient! Es zählt ja auch nicht nur der praktische Nutzen. Denken Sie an die Schönheit, die uns entgeht. Wie viele Namen von Malern/Architekten/Designern, von Musikern und Köchen kennen Sie? Und wie viele von Parfümeuren? Überhaupt, die meisten Parfüme – wenn das Musik wäre, wäre es Heavy Metal! So  intensiv wie möglich. Wenn man es mag, schön. Ich persönlich finde es aufdringlich und penetrant. Wo ist die klassische Musik der Düfte? Der Duft von Regen auf warmer, staubiger Erde: lebendig, würzig, nach Hitze und Frische und Neubeginn. Das Mäulchen eines Welpen: süßlich, milchig, ein wenig herb, nach Schlaf und Geborgenheit und Vertrauen. Frischgefallener Schnee: zart, fragil, geheimnisvoll, nach Kälte und Erstarrung. Eine Hundepfote: erdig, sämig, malzig, nach Staub und Abenteuer und Unterwegs-Sein. Ob man diese Düfte wohl in Flaschen abfüllen könnte? Jeder Parfümeur sei an dieser Stelle herzlich eingeladen, ein solches Parfüm zu kreieren. Ich würde es auf der Stelle kaufen. Nur wäre ich damit möglicherweise die Einzige…

Nutzen wir doch unsere Nase bewusster. Die Welt der Gerüche ist vielschichtig und facettenreich, voller neuer, großartiger Erfahrungen. Falls Sie jetzt neugierig geworden sind, gibt Ihnen Ihr Hund sicher eine Einführung in diese Welt. Denn es ist die seine.

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2 Kommentare zu „Ein Fünftel der Welt“

  1. Liebe Nora,
    ich schwänze nun schon eine Weile die vorosterliche Büroarbeit und schmökere stattdessen lieber in deinen Artikeln.
    Ein großes Kompliment, du hast wirklich einen wunderbaren Schreibstil und schaffst es, dass ich mit einer anderen Brille auf meine Umwelt schaue.
    Ich werde Ostern mal meinen Geruchssinn in den Vordergrund rücken.
    Herzliche Grüße
    Stephie mit Enki und Luna

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Stephie,
      vielen Dank für deine lieben Worte. Bitte vergiss beim Ausprobieren des Geruchssinns nicht, deinen Sehsinn weiterhin zu verwenden. Sich schnell bewegende Objekte sind geruchlich nicht rechtzeitig wahrnehmbar. Ich spreche da aus Erfahrung… 😉
      Herzliche Grüße,
      Nora mit Mia und Kalle

      Gefällt 1 Person

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