Von der Friedfertigkeit der knurrenden Hunde

Was ich hätte sagen können

„Passen Sie auf, der Hund da vorne ist aggresiv!“ Die Stimme der Dame neben mir hat einen verschwörerischen Unterton. Sie weist auf einen schwarzen Mischlingshund, der ein Stück entfernt angeleint ruhig neben seinem Frauchen herläuft.  Seine Körperhaltung ist unsicher und er schaut immer wieder zum anderen Leinenende auf. „Der hat meinen vorhin angeknurrt!“ Gerechte Empörung schwingt in diesen Worten mit. In diesem Moment prescht ihr freilaufender Labrador in uns hinein. Woraufhin Kalle – genau – knurrt. Das Gespräch findet ein vorzeitiges Ende.

Leider war ich in diesem Moment sprachlos. Leider war das keine Ausnahme. Irgendwie geht mir das ständig so. Nachfolgend eine Sammlung von Aussagen über knurrende Hunde, die ich schon mehrfach gehört habe. Und was ich darauf hätte sagen können.

„Ein Hund, der knurrt, ist aggressiv.“

Paula und Lukas sind Schulkinder. Paula ist hübsch, aber unsicher und ein wenig ängstlich. Lukas ist eben ein Junge in einem gewissen Alter, in dem er glaubt, sich ständig beweisen zu müssen. Auf dem Pausenhof kommt es zu folgender Situation: Paula sitzt alleine auf einer Bank. Sie fühlt sich heute nicht so wohl und die anderen Kinder sind ihr momentan zu laut und anstrengend. Lukas und seine Freunde kommen an der Bank vorbei. Lukas grinst Paula an. Sie weicht seinem Blick aus und schaut in ein Buch, das sie auf dem Schoß hält. Trotzdem geht er zu ihr und setzt sich neben sie: „Hey, was läuft bei dir?“ „Nichts…“, murmelt sie. Sie müsse jetzt hineingehen. Aber natürlich kann Lukas nicht hinnehmen, dass Paula ihn zurückweist. Seine Freunde sehen ja zu. Also hält er sie Handgelenk fest und beginnt auf sie einzureden. Paula versucht sich loszumachen, aber Lukas ignoriert sie. Er wollte ja nur freundlich sein, da muss sie ihn jetzt nicht so behandeln. Dann hat Paula genug. „Jetzt lass mich los, du Blödmann!“ Sie tritt nach seinem Bein. Da greift der aufsichtsführende Lehrer, der die ganze Zeit zugeschaut hat, ein und trennt die Kinder, entsetzt über Paulas Verhalten. Nach Schulschluss telefoniert er mit Paulas Eltern und berichtet ihnen von dem Aggressionsproblem ihrer Tochter. Er gib ihnen zu verstehen, dass sie Paula ja überhaupt nicht im Griff hätten. In der Erziehung müsse ja einiges falschgelaufen, überhaupt hätten sie als Eltern in ganzer Linie versagt.

Kommt Ihnen das Verhalten des Lehrers merkwürdig vor? Würden sie seiner Interpretation von Paulas Verhalten zustimmen?

Jetzt sind Paula und Lukas Hunde auf der Hundewiese. Paula liegt etwas abseits der spielenden Hunde im Gras. Jungrüde Lukas sieht sie an und wedelt begeistert. Sie weicht seinem Blick aus und schnuppert an einem Grashalm. Trotzdem kommt er auf sie zugesprungen und beschnüffelt sie. Paula steht auf, schüttelt sich und möchte weggehen. Doch Lukas verperrt ihr den Weg und fordert sie zum Spielen auf. Erfolglos versucht sie, der Situation zu entkommen. Lukas bleibt hartnäckig und lässt sie nicht gehen. Dann hat Paula genug. Sie knurrt Lukas an und schnappt nach seiner Seite.

Unterscheidet sich die zweite Paula so sehr von der ersten?[1]

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Knurren ist normale Kommunikation

„Ein Hund, der knurrt, ist dominant.“

Erstmal ist Dominanz ein situativer Begriff. Ein Lebewesen kann sich in einer bestimmten Situation dominant gegenüber einem anderen verhalten. Nämlich genau dann, wenn es gegenüber dem anderen seinen Willen durchsetzt. Beispiel: Kalle steht am Fenster und kläfft ein Eichhörnchen an. Das macht ihm Spaß, deshalb will er natürlich weitermachen. Ich hingegen möchte, dass er damit aufhört. Es nervt nämlich ziemlich. Deshalb schicke ich ihn auf seinen Platz. Er sieht mich finster an, gehorcht aber. Auf dem ganzen Weg vom Fenster zu seinem Korb und auch noch eine Weile danach sieht er mich an und knurrt vor sich hin. (In solchen Situationen bin ich froh, dass er nicht sprechen kann. Ich möchte nicht wissen, mit welchen Schimpfwörtern er mich bedenkt.) War er deshalb in dieser Situation dominant?

„Mein Hund hat mich nicht anzuknurren.“

Ich bin frustriert. Schon seit mehreren Stunden sitzte ich an dieser Matheaufgabe und bin noch keinen Schritt weitergekommen. Mittlerweile habe ich starke Kopfschmerzen und meine Nerven liegen blank. Und ständig bellt dieser Hund. Die Nachbarn streichen die Fassade, deshalb taucht andauernd jemand auf dem aufgestellten Gerüst auf. Jedes Mal explodiert Kalle in ohrenbetäubendem Gebell. Jetzt schon wieder. „HALT VERDAMMT NOCH MAL DEIN SCH***- MAUL!!!“, schreie ich ihn an, während ich wütend auf ihn zugehe. Er fährt herum und schießt knurrend auf mich zu. Schnappt nach meiner Hand. Ich bin erschrocken. Betroffen von meinem Verhalten. Alle Wut ist weg. Ich kniee mich hin und flüstere eine Entschuldigung. Kalle leckt meine Hand. Die andere Hand und das Kinn auch, wo er doch gerade schon dabei ist. Ich lasse Mathe Mathe sein und lege mich mit ihm auf den Boden. Beim Beschmust-Werden entspannt sich Kalle und vergisst endlich die Nachbarn.

Er hatte jedes Recht mich anzuknurren. Weil ich mich nämlich unmöglich benommen habe. Ich bin froh, dass er mir das unmissverständlich gesagt hat. Umgekehrt mache ich es ja genauso. Nur dadurch können wir uns sofort wieder versöhnen.

„Einem knurrenden Hund muss man zeigen, wer der Chef ist.“

Wer sagen muss: „Ich bin der Chef!“, ist nicht der Chef.[2] Wer sich von einem Knurren ängstigen oder provozieren lässt, ist sich seiner Position nicht sicher. Ist weder kompetent noch souverän. Wer wirklich der „Chef“ (im Sinne einer kompetenten, souveränen Führungsperson) ist, muss seinen Status nicht extra betonen, um anerkannt zu werden. Kann eigene Fehler zugeben, ohne um seine Position fürchten zu müssen. Und versucht sie ganz sicher nicht Drohungen und Gewalt zu erhalten. Weil er (oder sie) das nicht nötig hat.

„Ein Hund, der Kinder anknurrt, ist gefährlich.“

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ein äußerst gefährlicher Hund

Mia ist die Gefährtin meiner Kindheit. Schon seit über der Hälfte meines Lebens meine Freundin und Begleiterin. Wir haben zusammen gespielt: Meine Hände steckten in dünnen Handschuhen. Ich bewegte sie durch das Laub und tat, als ob es Mäuse wären. Mia sprang darauf, hielt sie erst mit den Pfoten und dann mit den Zähnen fest. Versuchte mir die Handschuhe von den Fingern zu ziehen, während ich dagegenhielt. Diese Spiele verliefen teilweise recht wild. Aber sie hat mich dabei nie verletzt. (Allerdings wunderten sich meine Eltern, warum meine Handschuhe ständig kaputt waren…) Einmal waren wir zu zweit im Wald unterwegs und in ein Spiel vertieft. Plötzlich das Gefühl, das mich jemand ansah. Ich blickte auf und traf den Blick eines fremden Mannes. Aus irgendeinem Grund war er mir unheimlich. Ein Gefühl der Angst durchströmte mich. Sofort hatte Mia ihren Stock vergessen und stellte sich vor mich, während sie den Fremden anbellte. Er ging weiter. Wahrscheinlich wäre ich überhaupt nicht in Gefahr gewesen. Trotzdem war ich ihr sehr dankbar. Jede meiner Ideen hat sie mitgemacht. Auch die weniger guten. Wenn ich so etwas mit meinem Kaninchen versucht hätte, hätte es mich gebissen. Und unsere Katze hätte Hackfleisch aus mir gemacht. (Dank dieser Katze konnte ich früh die Erfahrung machen, dass Tiere kein Spielzeug sind. Dass sie das Recht haben, nicht von kleinen Patschehändchen angefasst werden zu wollen.) Meine Mia war für mich schon viel, aber niemals gefährlich. Für andere natürlich auch nicht. Selbst die Kaninchen sind bei ihr gut aufgehoben.

Weihnachten vor einigen Jahren. Die ganze Familie (mein Großvater, seine vier Kinder, deren Partner und Kinder, letztere teilweise wiederum mit Partnern und Kindern, meine Mia) sitzt an einem Tisch. Bis auf die kleine Tochter meiner Cousine und Mia, die sitzen unter dem Tisch. Mia darf nicht auf einem Stuhl sitzen. Die Kleine möchte nicht. Sie ist begeistert von dem Wau-Wau. Einige Zeit lässt der sich ihr Streicheln und am-Fell-Herumzupfen gefallen. Als sie jedoch an den Ohren zupft, sieht Mia das Mädchen streng an, hebt nachdrücklich die Lefze und knurrt leise. Ohne Aggression, nur ein deutliches „Nein.“ Da wir das Ganze natürlich beobachtet haben, können wir die Kleine wegholen und mit etwas anderem beschäftigen. Das Knurren hat eine Konfliktsituation im Ansatz aufgelöst. Ein unsicherer Hund hätte vielleicht stattdessen beschwichtigt. Auch dann hätten wir die Situation natürlich aufgelöst. Doch Beschwichtigungssignale werden leider von vielen übersehen. Knurren ist viel deutlicher. Knurrende Hunde sind im Allgemeinen nicht gefährlich. Gefährlich sind die Hunde, die „ohne Vorwarnung“ zubeißen, weil man ihnen das Warnen durch Strafe abgewöhnt hat und die Beschwichtigungssignale übersieht

[1] Die Kinder Paula und Lukas sind frei erfunden. Bei den Hunden wurden die Namen geändert.

[2] Frei nach George R. Martin

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