Jagd

Vor uns liegt eine Wiese. Das Gras ist frisch gemäht. Ausgelassenheit, Weite, frage ich Frauchen. Wachsamkeit. Wir sehen uns um. Weit und breit niemand zu sehen. Entspannung, signalisiert Frauchen. Entspannung, stimme ich zu. Erlaubnis, Freude, Spiel. Ich renne los. Frauchen hinterher. Mia beginnt nach Mäusen zu suchen. Ich bin ein Beutetier, erstarrt, als ich die heranschleichende Jägerin bemerke. Sie kommt näher. Ich fliehe. Schnell, schneller, ich bin das das schnellste Wesen dieser Erde. Niemand holt mich ein, niemand hält mit mir mit. Und jetzt bin ich der Jäger. Meine Beute steht still, sie wittert meine Nähe. Ich schleiche näher. Ein winziges Zucken verrät mir den Moment, in dem sie losrennt. Sie versucht zu entkommen, doch ich bin schneller. Als sie merkt, dass es kein Entkommen gibt, fährt sie herum. Ein wildes Knurren entfährt mir. Ich reiße mein Maul weit auf, meine Zähne blitzen furchteinflößend. Wir fixieren uns, während ich ihr entgegenrenne. Dann habe ich sie erreicht, schlage meine Zähne in ihren Arm. Nein, im letzten Moment weicht sie aus und entkommt. (Natürlich nur, weil ich es zulasse. So unglaublich langsam, wie Frauchen ist.) Dann bin ich wieder ein Beutetier. Ich renne, renne, ren – da sehe ich eine Bewegung. Ich tauche aus unserem Spiel auf. Federvieh. Möglicherweise sogar Agenten der C-Ei-A.[1] Die müssen augenblicklich eliminiert werden. Voller Tatendrang renne ich auf sie zu. Hat da jemand gerufen? Ich blende es aus, denn ich habe eine Mission. Wie die flattern, wenn ich sie scheuche! Eine Hand packt mich am Geschirr. Frauchen. (War ausnahmsweise mal schnell. Schnauft dadurch ziemlich ungesund.) Ärger!!! Ich lasse mich auf den Rücken fallen. Das funktioniert immer, um einem Anschiss zu entgehen.[2] Wir schauen uns an. Wütendes Blau in unschuldigem Braun. Das Braun bringt das Blau zum Schmelzen. Ich rolle ein wenig hin und her. Strample ein bisschen mit den Pfoten. Frauchen verdreht die Augen. Auf meinem Gesicht breitet sich ein Grinsen aus. Frauchen grinst zurück. Ich springe auf und renne eine Runde. Mein Blick fällt auf das Federvieh. „KALLE!“ Schon gut. Ich laufe hinter Frauchen her. Sie hat ja recht. Was interessiert uns die C-Ei-A? Wir haben eine wichtigere Mission.

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Dieses Foto ist nicht etwa verschwommen, weil Frauchen nicht fotografieren kann. Sondern weil ich so unfassbar schnell bin!

Ein anderer Ort, eine andere Zeit. Geheimgang durch den Wald. Die Anderen kennen diesen Pfad nicht. Oder sie wollen ihn nicht benutzen. Überall Dornen und Gestrüpp. Und Kletten! Ich hasse diese Dinger. (Ihre Gefährlichkeit wird gemeinhin unterschätzt. Sogar Frauchen nimmt sie nicht ernst. Sie lacht immer, wenn ich darauf bestehe, dass sie mich gründlich von allen befreit. Und sie schnüffelnd danach absuche, um jede einzelne Klette mit den Zähnen aus ihrem Kunstfell zu ziehen.) Wir sind unterwegs zu einem geheimen Ort. Mia läuft vorneweg und sucht den einfachsten Weg. Frauchen in der Mitte, ich sichere uns von hinten. Jetzt erstarrt Mia und hebt die Pfote. Sie hat Beute gewittert. Wir erstarren ebenfalls. Das Brechen von dünnen Ästen, Zweige schlagen gegen Fell. Der Geruch schlägt uns entgegen: Wild und leicht und köstlich. Ein Rudel Rehe bricht durch die Büsche und rennt an uns vorbei. Frauchen hält uns noch zurück. Jetzt. Sie rennt voran. Wir anderen hinterher. (Sind die Rehe nicht in die andere Richtung…? Nein, Frauchen muss es wissen.) Wir sind schneller als Frauchen, überholen sie, jagen mit den Nasen auf der Spur dahin. Irgendetwas kommt mir seltsam vor, aber ich komme nicht darauf, was es ist. Es hat etwas mit Zeit… Meine Gedanken werden von Futter unterbrochen, das vor mich fliegt. Begeistert sauge ich es ein. Gibt es noch mehr davon? Frauchen ruft, ich sause zu ihr. Futter fliegt. Hinterhersprinten, einsaugen. Zurück zu Frauchen. Und nochmal. Das letzte Stück Futter bekommen wir aus der Hand. Allgemeine Freude. Gegenseitiges Beschnüffeln, Lecken und Streicheln. Eine rundum erfolgreiche Jagd. Obwohl ich das Gefühl nicht loswerde, dass ich irgendetwas vergessen habe…

[1] Eine Organisation, die den Markt für Tierprodukte kontrolliert und einen Dauerkrieg gegen die Schafia führt. Und wer leidet darunter? Die Kühe!

[2] Besonders kann ich diese Taktik auch empfehlen, wenn man verbotenerweise an duftenden Hinterlassenschaften geleckt hat. So besteht die Gelegenheit, sich unauffällig etwas davon ins Fell zu reiben…

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