Heimatorte

Andrea von Anwolf hat zur Blogparade mit dem Thema „Heimatorte“ aufgerufen. Da mache ich gerne mit! Dabei habe ich beschlossen, den Begriff „Ort“ recht weit aufzufassen. Für diesen Artikel sei der Begriff „Heimatort“ als ein Raum (physisch, geistig, seelisch, abstrakt, mathematisch(?),…) definiert, der in mir ein Gefühl von Verbundenheit, Vertrautheit, Geborgenheit und Wärme auslöst.

Meine physische Heimat liegt in der Nähe von Frankfurt am Main, außerhalb des Stadtgebiets. Die Landschaft ist gewöhnlich, unspektakulär und wunderschön. Wenn ich an Heimat denke, dann denke ich an Streuobstwiesen. Der süße Geruch nach Apfelblüten, der im Laufe des Jahres in den sauren, grünen Duft der noch unreifen Äpfel übergeht, dann immer voller und reifer, schließlich matschig und vergoren wird, ehe er im Winter einfriert. An Kalle gelehnt im Graß sitzen und atmen. Die Kaninchenspuren im Tau verfolgen. Im Herbst Äpfel und Zwetschgen und Brombeeren direkt vom Baum oder Strauch essen. Wissen, wo der beste Ort ist, um morgens Rehe zu beobachten. Wo die Vögel nisten, Wespen jagen und Bienen trinken. Wo man ungestört ist und spürt, dass man auf diese Welt gehört, genau hier hin.

Meine Mutter besitzt eine kleine Wohnung in den Allgäuer Alpen. Dort habe ich die meisten Urlaube meiner Kindheit verbracht. Auch dieser Ort ist für mich zur Heimat geworden. Der Geruch nach Klarheit, Kälte und Kuh, nach Wasser und Heu. Die Linie der Berge, die man vom Balkon aus sieht. Das Rauschen des Bachs neben dem Haus. Wandern und zurückkehren. Jedes Jahr hat sich etwas verändert. Und doch ist alles vertraut.

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Auch hier gehören wir hin

Und ich habe noch an vielen weiteren Orten Heimat gefunden: In Mittelerde und Westeros, in Hogwarts, in Zamonien und Glennkill. Im Vatikan des neunten Jahrhunderts, in der Dubliner Mordkomission, in Osten Ard. In Monsea und in der Baker Street in London. Meine Bücher sind meine Vertrauten und Tröster, voller Erinnerungen an gemeinsame Zeit. Jedes ein kleines, nicht-bellendes Stück Heimat für unterwegs, eine Tür nach Hause in eine andere Welt.

Falls das schon seltsam ist, so wird es jetzt noch merkwürdiger. Denn ich fühle mich auch im Hilbertraum heimisch, im Minkowskiraum und im Fockraum. Wo Vektoren und Spinoren leben und man sich vor Vernichtungsoperatoren in Acht nehmen muss. Wo seltsame und wundervolle Dinge geschehen. Die Physik wird mir immer vertrauter, ich bewege mich zwischen Gleichungen wie zwischen den Bäumen in meinem Lieblingswald.

Während ich das hier schreibe, wird mir bewusst, dass auch die Uni bereits ein bisschen zu meiner Heimat geworden ist. Ich liebe die Atmosphäre des Lernes, die Versprechung von neuen Erkenntnissen, die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen. Wenn ich zu Semesterbeginn an die Uni zurückkehre, stellt sich auch hier dieses Gefühl des Nach-Hause-Kommens ein.

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Hund+Physik+Sofa+Rentiersocken=Heimat

Das Wichtigste zum Schluss. Meine Heimat sind meine Hunde. Die flauschigen Stellen hinter den Ohren, das lange, dichte Fell am Hals, die Seidenhaare an den Bäuchlein. Die nassen, kalten Schnauzen und warmen, trockenen Pfoten. Der gemütliche Duft, der mit der am Bauch erwärmten Luft aufsteigt, wenn ein Hund sich neben mir auf den Rücken dreht. Das alles erfüllt mich Wärme und der erstaunlichen Gewissheit, dass wir zusammen gehören. Wenn wir zeitweilig getrennt waren, haben Kalle und ich ein Begrüßungsritual. Er drückt seine Stirn an meinen Bauch, ich lege meinen Kopf an seine Schulter. So verharren wir und atmen die Gegenwart des anderen tief in uns ein. Dann bin ich zu Hause.

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4 Kommentare zu „Heimatorte“

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