Die Physikerin und die Telepathie

Ich bin Physikerin. Wissenschaftlerin.  Also fast bald eine richtige. Verfechterin von Logik und Vernunft. Um es mal ein wenig dramatisch auszudrücken. Ich sehe nicht die gesamte Welt in Formeln und Mathematik. Aber wenn ich Formeln und Mathematik sehe, sehe ich die gesamte Welt. Und jetzt werden Sie mich auslachen. Ich kommuniziere nämlich in Gedanken mit meinen Hunden. Und das funktioniert hervorragend. Wenn Sie ein kritischer Mensch sind (was ja etwas Gutes ist), werden Sie mir möglicherweise nicht glauben. Bitte bewahren Sie sich Ihre Skepsis. Aber probieren Sie es aus.

DSC03590
Ein Blick sagt mehr als Worte

Zuerst habe ich natürlich auch nichts davon gehalten. So ein Humbug. Esoterisches Geschwafel. Tierkommunikation, aha. Selbst wenn so etwas bei manchen Leuten funktionieren sollte, bei mir auf keinen Fall. Weil ich nämlich nicht daran glaube. Weil ich nicht willensstark bin. Nicht intuitiv begabt. Was man für so etwas halt alles sein müsste. Aber ich bin auch neugierig. Also ziemlich. Auch wenn ich mich deshalb auf Albernheiten einlassen muss. Daher wage ich einen Versuch.

Spaziergang. Meine Hunde laufen vor mir. Ich konzentriere mich. Schaue einen Hund an. Denke mit aller Kraft: „Bleib stehen!!!“ Er steht. Schaut mich überrascht an. Ich denke: „Es hat geklappt. Es hat wirklich geklappt! War das jetzt Zufall? Vielleicht sollte ich…“ Sein Blick wirkt jetzt irritiert. Eine Spur genervt? Er läuft weiter. In der nächsten Zeit probiere ich es immer mal wieder. Einmal bitte ich Kalle gedanklich, auf mich zu warten, weil er zu weit vorausgelaufen ist. Im nächsten Moment weiß ich, dass er bis zum nächsten Schatten weiterlaufen und erst dort warten möchte. Ich bin einverstanden, und er tut es. Manchmal funktioniert die gedankliche Kommunikation aber auch nicht. Die Regel scheint zu sein, dass ich mit höherer Wahrscheinlichkeit Erfolg habe, je weniger ich darüber nachdenke. Aber dann ist die Erfolgsquote signifikant höher, als es durch statistische Schwankungen möglich sein sollte. (Da ich nicht ständig mit Papier und Stift herumlaufen und Protokoll führen wollte, habe ich diese Statistik im Kopf erstellt. Da passieren leicht Fehler. Also nageln Sie mich bitte nicht auf diesem Ergebnis fest.)

Ich stelle fest, dass es schon vor Beginn dieses Experiments Gelegenheiten gab, in denen meine Hunde meine Gedanken zu lesen schienen. Und zwar immer dann, wenn wir zusammen einer Bedrohung von außen entgegenstehen. So chaotisch mein kleines Rudel auch manchmal ist, wenn es darauf ankommt, kann ich mich hundertprozentig auf die beiden verlassen. Einmal werden wir von einem anderen Hund angegriffen. Der Fremde stürzt sich auf meine Mia, wirft sie auf den Rücken und hackt wild knurrend mit den Zähnen auf ihre Kehle ein. (Zum Glück hat er sich nicht verbissen, das hätte sonst übel ausgehen können…). Die Kleine ist vor Schreck erstarrt. Ich packe den Angreifer mit beiden Händen am Nackenfell (ein Halsband gibt es nicht) und zerre ihn von ihr weg. Das Knurren hört auf. Der Blick des Hundes trifft meinen. Hart, stechend und eiskalt. Ich denke, jetzt könnte ich dringend Hilfe gebrauchen. Mit dramatischem Knurren wirft Kalle sich zwischen uns. (Er war geflohen, als er den Fremden auf uns zurennen sah. Als wir nicht nachkamen, muss er zurückgekommen sein.) Fast höre ich die Fanfaren im Hintergrund, als der Held den Angreifer in die Flucht schlägt. Ich bin beeindruckt von so viel Entschlossenheit in dem kleinen Kerl. Als der Fremde davonrennt, setzt Kalle ihm nach. „Lass ihn gehen, ich bin froh, wenn er weg ist“, denke ich. Kalle macht auf dem Absatz kehrt und kommt zu mir zurück. Dass er sich die Gelegenheit, etwas zu hetzen (egal ob es ein Beutetier, ein anderer Hund oder ein sich bewegender Gegenstand ist), entgehen lässt, ist alles andere als üblich.

DSC03845
Dieses Bild steht in keinerlei Zusammenhang mit dem Text…

An einem anderen Tag kommt ein grollender Herdenschutzhund auf uns zugewalzt. Da ich eine gewaltsame Auseinandersetzung natürlich in jedem Fall vermeiden möchte, halte ich meinen Bodyguard Kalle zurück. Und bitte in Gedanken meine Diplomatin Mia, sich darum zu kümmern. Sie stellt sich vor uns und schaut den Entgegenkommenden mit hochgezogenen Lefzen an. Der wird tatsächlich langsamer und beginnt am Boden zu schnüffeln. Sie geht auf ihn zu und die beiden nehmen vorsichtig Kontakt auf. Offenbar wird dem Herdenschutzhund klar, dass wir keine Bedrohung darstellen. Also wendet er sich ab und lässt uns vorbeigehen.

In diesen wie auch in vielen anderen Fällen scheinen die Hunde zu wissen, was ich von ihnen möchte. Ohne dass ich es ihnen bewusst durch Laute oder Gesten mitteilen muss. Seit meinem Experiment nutze ich das auch im Alltag. Um mitzuteilen, dass meine Hunde auf mich warten sollen. Zu mir kommen sollen. Leider zu Hause bleiben müssen, aber ich komme bald wieder. (Sobald ich das denke, drehen sich meine erwartungsvoll im Flur stehenden Hunde um und gehen schlafen.) Und, ganz wichtig, ich „höre“ auf die Anwort der Hunde und kann so viel besser Rücksicht auf ihre Meinungen und Wünsche nehmen. Dadurch sind sie entgegenkommender. Wenn ich trotzdem etwas von ihnen verlange, das sie nicht möchten, wissen sie, dass es wichtig ist.

Ich bin sicher, dass es eine wissenschaftliche Erklärung für dieses Phänomen gibt. Nicht weil die Wissenschaft universell wäre. Sondern weil sie sich der Wirklichkeit anpasst. Egal wie seltsam die Wirklichkeit auch sein mag. Wie genau diese Gedankenübertragung funktioniert, kann ich nicht sagen. Die wahrscheinlichste Erklärung ist meiner Meinung nach eine Mischung aus unbewusst abgegebenen und wahrgenommen visuellen Signalen, geruchlicher Wahrnehmung und Intuition, die auf Erfahrung beruht. Wie meine Hunde das aber wahrnehmen, wenn sie beispielsweise zehn Meter vor mir laufen und geradeaus schauen, kann ich nicht sagen. Vielleicht ist da „mehr“. Vielleicht auch nicht. Was ich allerdings nicht glaube, ist, dass irgendwelche Tierkommunikatoren nur durch ein Foto Kontakt zu weit entfernten Tieren aufnehmen können. Halte ich für unmöglich. (Andererseits hielt Einstein die Quantenmechanik für unmöglich – aber siehe da…) Sie brauchen aber auch keine Tierkommunikatoren. Weil Sie selbst mit Ihrem Hund in Gedanken sprechen können. Ich bin mir sicher. Versuchen Sie es einfach.

Advertisements

4 Kommentare zu „Die Physikerin und die Telepathie“

  1. Ich gebe Dir absolut Recht – bei aller Skepsis, es funktioniert.
    Leider nur selten, denn ich muss auch auf Empfang schalten. Und da hapert es bei mir häufig. Meine Gedanken sind wie ein D-Zug und kommen viel zu selten zur Ruhe. Aber ich arbeite fleißig daran. 🙂 Es gibt ein schönes Buch einer Frau, die ebenfalls mit ihren Hunden spricht. Daraus habe ich schon viel mitgenommen.
    April Frost – Beyond Obedience

    Herzliche Grüße
    Stephie mit Enki und Luna

    Gefällt 1 Person

  2. Ich bin als Juristin Geisteswissenschaftlerin, die weniger gefühlsmäßig als kopfmäßig und an die Sache herangeht. Das Bauchgefühl ist unter dem Denken, dem Abwägen fast vergraben.
    Und dennoch habe ich ein Seminar in Tierkommunikation gemacht und habe mit meinem Hund Tierkommunikation machen lassen. Ich glaube an die Fähigkeiten des Menschen mit Tieren auf eine bestimmte Art sprechen zu können, Dinge zu fühlen, die man nicht sehen kann. Nutzen im Alltag tue ich es nicht. Dein Bericht lässt mich nachdenklich werden und ich denke, dass ich es auch mal versuchen werde.

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s