Mia

Meine Schwester wünscht sich zum Geburtstag einen Hund. Seit „Mein Bruder ist ein Hund“ würde sie mich vermutlich in einen verwandeln, wenn sie könnte. Einen kleinen, weißen Wuschelhund, wie Tobias. Ich möchte eigentlich keinen Hund. Eigentlich möchte ich ein Pferd. Natürlich bekomme ich keines. Warum sollte meine Schwester dann einen Hund bekommen? Außerdem ist sie noch total klein, wird gerade sieben, da kann man sich noch gar nicht um einen kümmern. Das würde dann an mir hängenbleiben. Ich bin nämlich schon groß, schon fast elf. Mein Hund heißt Struppel, ist groß, schwarz und für alle anderen unsichtbar. Aber jetzt ein richtig echter Hund? Ich weiß nicht…

Schließlich bekommt sie keinen Hund, sondern darf mit unserer Mutter mit Tierheimhunden spazieren gehen. Ich komme auch mit. Meine Schwester ist verliebt in die kleine Wuschelhündin Kimba. Die ist aber nur zur Pension da, wird eines Tages wieder von ihrem Besitzer abgeholt.

Einige Zeit später. Wir sind mal wieder unterwegs zum Tierheim. Als wir auf dem Parkplatz halten, sehe ich sie in den Außenzwingern. Den hübschesten, niedlichsten Welpen der Welt. Sie wuselt am Gitter entlang, schiebt Pfoten und Schnauze durch den Draht. Heute morgen gefunden, erfahren wir. Am Polizeizwinger angebunden, ausgesetzt. Wie kann man so etwas Niedliches aussetzen? Wir dürfen mit ihr spazieren gehen. Sie ist sanft und temperamentvoll, zart und voller Energie. Sie ist unser Hund. Mia.

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Vier Wochen muss sie als Fundhund im Tierheim bleiben, bevor sie bei uns einzieht. Ein halbes Jahr hat der ehemalige Besitzer Zeit, sich zu melden und sie zurückzufordern. Niemand meldet sich. Sie gehört zu uns. Endgültig.

Das ist jetzt zwölf Jahre her. Sie liegt neben mir auf dem Sofa, die Schnauze grau, die Augen sanft.

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„Weißt du noch?“, frage ich sie. Wie wir uns das erste Mal gesehen haben. Wie du dich jeden Morgen gefreut hast, dass wir noch alle da waren. Die unzähligen Spaziergänge, gemeinsame Abenteuer. Dass du die Streberin in der Hundeschule warst. Deine Freude an Agility. Als du noch mit anderen Hunden gespielt hast. Wie du Schwalben gejagt hast. Wie du dabei einmal in eine Teich gefallen bist. Die Ferien, deine Freude an den Bergen und am Meer. Als diese Welle dich erwischt hat und deine Freude am Meer dahin war. Wie dein neuer Kumpel Kalle kam und du ihn zwei Wochen lang ignoriert hast, um dich dann plötzlich zum Spielen auf ihn zu stürzen. Weißt du das alles noch?

Sie weiß es nicht mehr. Und das ist in Ordnung, weil sie glücklich ist. Sie schlummert selig auf dem weichen Polster. Sie wird sich über unseren Nachmittagsspaziergang freuen und über das Abendessen. Vielleicht wird sie heute noch einen neuen Trick lernen. Mia, ich liebe dich. Auf die nächsten zwölf Jahre.

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1 Kommentar zu „Mia“

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