Rudelstellung – Wer hat Recht?

Ich! Und zwar nur ich! Jeder, der anderer Meinung ist, liegt falsch. Hat keine Ahnung. Null, von überhaupt nichts. Und ist außerdem ein schlechter Mensch. Ein Tierquäler. Der es verdient hat, dass man öffentlich über ihn herzieht. Hetzt und droht und verleumdet. Nur um das von Vorneherein klarzustellen.

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Auf unübersichtlichen Wegen laufen die Hunde hinter mir
Die Quantenfeldtheorie kennt zwei verschiedene Formulierungen. Während Prof. X vorwiegend mit der Pfadintegralformulierung arbeitet, nutzt Prof. Y für seine Forschungen Wellengleichungen. Beschimpft deshalb Prof. X Prof. Y als ahnungslosen Schwachkopf, der intellektuell nicht in der Lage ist, die Schönheit der Pfadintegrale zu begreifen? Streut aus Rache Prof. Y Gerüchte über Plagiate von Prof. X? Ensteht eine hasserfüllte Feindschaft zwischen den beiden? Oder schätzen sie sich gegenseitig als Kollegen, die eben nur mit verschiedenen Ansätzen arbeiten?

Was ist Rudelstellung? Ein Modell! Nicht die Wirklichkeit. Sondern eine(!) mögliche Beschreibung der Wirklichkeit. Die eben mehr oder weniger gut auf die aktuellen Umstände passt.

Eine Wellengleichung ist die Klein-Gordon-Gleichung. Zur Beschreibung bestimmter Teilchen ist sie sehr sinnvoll und nützlich. Allerdings hat sie (unter anderem) ein Problem: Sie liefert negative Energien für freie Teilchen. Daraus folgt, dass alle Zustände instabil sind, nach minus Unendlich fallen. Daraus wiederum folgt, dass wir überhaupt nicht existieren. Obwohl die Herren Klein und Gordon zu Recht stolz auf ihre Gleichung sein konnten, haben sie nicht versucht, die Welt von unserer Nicht-Existenz zu überzeugen. Sondern ihren gesunden Menschenverstand benutzt und eingesehen, dass an dieser Stelle eine Grenze des Modells erreicht ist. Und der Rest der Physiker hat deshalb nicht die Klein-Gordon-Gleichung als Ganzes verdammt, sondern ihre Sinnhaftigkeit innerhalb gewisser Grenzen anerkannt.

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Ist es übersichtlicher, auch vor mir. Kalle orientiert sich dann aber stark zu mir nach hinten.
Ende der Physik-Beispiele, versprochen. Jetzt kommen die Rudelstellungen. Die Idee stammt von Barbara Ertel, bekannt und stark diskutiert wurde sie vor einiger Zeit aufgrund Maja Nowaks Sendung beim ZDF. Der Grundgedanke[1] ist erst einmal sinnvoll: Innerhalb eines „Rudels“ (damit ist hier nicht nur ein Rudel im eigentlichen Sinn, also verwandte Tiere, sondern einfach eine Gruppe zusammenlebender Hunde gemeint), gibt es verschiedene Kompetenzbereiche, die von unterschiedlichen Individuen ausgefüllt werden, sodass sie einander optimal ergänzen. Jeder Hund ist von Natur aus für eine Aufgabe „vorgesehen“. Jede Aufgabe ist gleich wichtig. Letzterer Gedanke gefällt mir gut. Der vorige mit gewissen Einschränkungen. Jeder hat naürliche Begabungen und Kompetenzen. Ich werde eine gute Physikerin[2] sein. Als – sagen wir mal – Anwältin wäre ich eine Katastrophe. Möglicherweise habe ich einige Eigenschaften mit den meisten Physikern gemein. Trotzdem möchte ich nicht nur auf die Kategorie „Physikerin“ reduziert, sondern trotzdem als Individuum wahrgenommen werden. Und es gibt auch noch andere Berufe, die zu mir passen würden. Kalle ist nach Nowaks Modell ein introvertierter Wächter. Diesen Job erledigt er hervorragend. Aber als – sagen wir mal – Leithund wäre er eine Katastrophe. Die Beschreibung des introvertierten Wächters aus dem Buch „Abenteuer Vertrauen“ von Maja Nowak passt sehr gut zu Kalle (obwohl er sich ansonsten stark von ihrer eigenen Wächterin Tinka unterscheidet): Das Zauberhafte, das er ausstrahlt. Dass er so sehr an mir klebt. Die Neigung zu Panik und Hysterie. Ich schätze seine Wächtereigenschaften sehr. Ich gebe mir Mühe, ihm die Gelegenheit zu geben, sie kontrolliert auszuleben. Und einen ruhigen Gegenpol zu bilden, wenn er hysterisch wird. Trotzdem reduziere ich ihn nicht auf seine „Stellung“ als Wächter. Vor allem ist er nämlich Kalle. Und keinesfalls ist er N2!

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Wächter, vor allem bester Freund
Damit kommen wir nämlich zu Grenzen des Modells. Bei denen sich der gesunde Menschenverstand einschalten sollte. Wenn Hunde auf Buchstaben und Nummern reduziert werden, beliebig ausgetauscht und herumgereicht. Wenn respektlos mit Hund und Mensch umgegangen wird. Dann hat das Modell zu falschen Schlussfolgerungen geführt. Das bedeutet nicht, dass das gesamte Modell selbst verachtenswert ist. Auch wenn die resultierenden Handlungen es sein mögen.

Zum Schluss ein Beispiel für ein anderes, wissenschaftlich abgesichertes Modell. In ihrem Buch „Der Mensch-Hund-Code“ teilen Elli Radinger und Günther Bloch wild in Gruppen lebende Hunde in A- und B-Typen sowie in Leittiere, Betatiere und Untergebene ein. (Nicht aufgrund irgendwelcher genetischer Eigenschaften, sondern des Verhaltens im gegebenen Umfeld.) Parallelen zu Nowaks Modell (Unterscheidung extro-/ introvertiert sowie autonom/halb-autonom/nicht-autonom) sind durchaus gegeben. Trotzdem sind beide Modelle nicht identisch, in diversen Punkten treten Differenzen auf. Obwohl sie zum Teil verschiedene Anschauungen vertreten, ist keines dieser Modelle falsch. Sie sind einfach unterschiedliche Beschreibungen derselben Wirklichkeit.

[1] Hier und im folgenden beziehe ich mich auf die Version von Maja Nowak („Abenteuer Vertrauen“), die sich etwas von der Ursprungsversion unterscheidet.

[2] Das ist nicht wirklich ein Physik-Beispiel

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7 Kommentare zu „Rudelstellung – Wer hat Recht?“

  1. Puh, da wird es für mich schwer. Canidenforscher, die ich sehr Ernst nehme in einem Artikel mit einer Dame, die meines Erachtens keinerlei Publicity mehr bekommen sollte. Und ich meine nicht Frau Nowack. Ihre Beweggründe mit Frau Ertel einige Zeit gemeinsame Sache zu machen, kann ich nur vermuten. Die gute Frau Ertel jedoch hat kein Modell entwickelt, um Beobachtungen festhalt- und messbar zu machen. Sie hat sich eine angeblich genetische und unabänderbare Struktur aus den Fingern gesogen, um mit sektenähnlichen Strukturen den größtmöglichen Profit zu erzielen. Leidtragende sind wie immer die Tiere. So, das war die extreme Kurzfassung meines Senfs.

    Gefällt 2 Personen

    1. Du hast vollkommen Recht! Frau Ertel habe ich mit Absicht nur am Rande erwähnt. Ich wollte nicht schlecht über jemanden schreiben in einem Artikel, in dem ich eigentlich zu etwas mehr Toleranz aufrufen wollte. 🙂
      Möglicherweise hätte ich aber deutlicher machen sollen, dass ich von dieser Person und ihrer „Arbeitsweise“ nichts halte.

      Was ich sagen möchte: Nur weil Frau Ertel unreflektiert und unwissenschaftlich arbeitet, heißt das nicht, dass man sich nicht auch auf andere Weise mit einem derartigen Modell beschäftigen kann. Das scheint Frau Nowak versuchen zu wollen. Ich denke, sie ist ursprünglich dort hineingeraten, weil durch gewisse Inhalte Fragen beantwortet wurden, die sie sich zu diesem Zeitpunkt stellte. Sie erklärt das ihrem Buch, das ich durchaus als lesenswert empfunden habe. (Jetzt versuche ich mich vorsichtig ausdrücken, entschuldige bitte, wenn das sehr steif klingt 🙂 )

      Oh, und ich glaube nicht, dass mein fünf Wochen alter, winziger Blog allzu viel Publicity erzeugt! 🙂

      Herzliche Grüße,
      Nora

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      1. Ich wollte dich da auch gar nicht angreifen.
        Die gute Frau ist nur vor 2 Monaten bei FB plötzlich wieder aus der Versenkung aufgetaucht und ich frage mich, warum man sie nicht endlich da lassen kann. Und mit ihr wird der Begriff Rudelstellung dauerhaft verbunden sein.
        Maja Nowak schreibt bestimmt tolle Bücher, das habe ich schon aus mehreren Ecken gehört.
        Vielleicht schlucke ich irgendwann meine Ertel Vorurteile mal runter und gebe ihr eine faire Chance.
        Ich das erste Mal durch einen Blogartikel auf sie aufmerksam geworden und merke, die Abwehr sitzt dadurch tief.
        http://serendipity-le.blogspot.de/2014/06/maja-nowak-und-die-vererbte.html
        Herzliche Grüße
        Stephie

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  2. Huhu

    Da hast du dir ja ein Thema ausgesucht -augen zu halt- na dann mal rein in die Höhle der Löwen.

    Ich habe Berichte gehört, wo aufgrund solcher Einschätzungen Hunde getauscht wurden. Nicht weil sie nicht gut zu einem gepasst hättet sondern weil einem vielleicht noch ein N2 gefehlt hat und sowas finde ich sehr bedenklich.
    Ich denke trotzdem das so eine Einteilung und ich muss dazu sagen ich kenne die Theorie nicht ganz, durch aus logische ansetze hat.
    Aber genauso hat auch Caesar Milan oder Günther Bloch seine logischen ansetze. Die Frage ist doch auch hier wie sind diese gewonnen worden.
    Hat man Wölfe in Gefangenschaft studiert, Straßenhunde, Freilebende Verbende? Und wenn man dann Rückschlüsse ziehen möchte, ist das überhaupt machbar. Haben wir den Hund nicht schon so stark intigriert das er im Prinzip nicht mehr zu den ursprünglichen Formen gehört. Durch Zucht etc. ?
    Ich muss gestehen das ich mich am Anfang stark von sowas beeindrucken gelassen hab. Jeder hat zu uns gesagt:“bei einem Husky musst du Rudelführer sein. Sonst hört er niemals.“ Ende vom Lied war meine Suche nach dem Rudelführer. Musste ich nun immer vor ihm aus der Tüt gehen? Sollte ich intime Momente zwischen mir und meinem Mann vor dem Hund haben, damit er weiß wir sind Alpha? Wo sollte das hin führen.

    Ich muss ganz ehrlich sagen. Ich glaube an Souveränität. Die wirklich guten Führer, schreien nicht. Sie sind Ruhig und bringen Ruhe in die Gruppe, Sie achten auf alle Mitglieder und lösen einen Streit durch pure Anwesenheit und wenn ich sehe, das sobald unsere Hundetrainerin die Leine einer ihrer Schützlinge in die Hand nimmt, sich der ganze Hund verändert. Den Sie ist Ruhig. Weiß ich einfach das dieses ganze Rudelführer nicht mehr mein Ding ist. Ich führe kein Rudel, den nach Günther Bloch braucht es dafür sexualkontakt. Also wenn wir bei den Literarischen Beispielen bleiben. Ich bin einfach nur ich und Kylar einfach nur Kylar der sich auf mich verlassen soll. So wie ich mich auf ihn verlassen kann und das hab ich nicht erreicht mit dem durch die Tür gehen. Oder anderen Methoden, sondern einer ruhigen, zuverässligen gleichen Art.

    Liebe Grüße

    Eva

    Gefällt 1 Person

    1. Tatsächlich saß ich gestern Abend eine halbe Stunde vor dem fertigen Artikel und habe überlegt, ob ich ihn wirklich veröffentlichen möchte. Was wenn ich meine neuen Leser durch diesen Artikel wieder verliere? Aber das Glück ist mit den Tapferen, also immer rein ins kalte Wasser!

      Den Kommentar liefert Stoff für eine Reihe weiterer Artikel, die ich sicher auch noch schreiben werden. Gib mir bitte ein bisschen Zeit. 🙂 Im nächsten Beitrag kommt dann erstmal wieder ein puscheligeres Thema. Hier eine Ultrakurzfassung meiner Ansichten:

      Das Hundetauschen ist idiotisch und schrecklich für die Hunde, ich hoffe, das habe ich deutlich gemacht.

      Cesar Millan wendet Gewalt an, um Hunde zu unterwerfen. Das geht gar nicht.

      Günther Bloch schätze ich als Wissenschaftler sehr, sein Hundebild finde ich manchmal etwas zu negativ.

      Ansonsten bin ich vollkommen deiner Meinung: Ruhe, Souveränität und Zuverlässigkeit machen einen guten „Anführer“ (oder wie man das nennen will) aus, nicht das Drängeln durch irgendwelche Türen.

      Liebe Grüße,
      Nora

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  3. Oh mein Gott Barbara und ihre Rudelstellung… Hatte ich ja schon fast vergessen… Mit dem Thema hatte ich mich lange beschäftigt und am Anfang war das ja noch recht harmlos. Dann fing das im Forum an, dass Hunde plötzlich keine Namen mehr hatten, sondern nur noch Nummern, es wurde klar gesagt DEINE Gruppe passt NICHT zusammen… Obwohl die Hunde viele Jahre harmonisch zusammen lebten! Wenn man das HARMONISCH betonte, bekam man zu hören… Jaaaa sie haben sich eben angepasst, aber glücklich sind sie nicht! Als es dann losging mit Hundetausch, war für mich der Punkt gekommen, das ganze nicht weiter zu verfolgen, absolut absurd!
    Was ich sehr schade fand, dass sich Anita so hat in diesen Sog ziehen lassen, ich erkannte sie gar nicht mehr wieder…

    Ich lese übrigens gerade nach und nach deinen Blog durch, gefällt mir sehr gut hier 🙂
    LG JanJan

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    1. Danke, freut mich sehr, dass es dir hier gut gefällt! 🙂

      Ja, irgendwie ist das mit den Rudelstellungen dann ausgeartet und die Hunde zu tauschen ist natürlich nicht nur Quatsch, sondern vor allem auch furchtbar für die Hunde. Ganz grundsätzlich wäre die Idee von verschiedenen gleich wichtigen Aufgaben in einer Gruppe, die von bestimmten Individuen jeweils gut erfüllt werden können, gar nicht so schlecht. Jedenfalls besser als die Vorstellung einer Hackordnung von Alpha bis Omega. Schade was daraus gemacht wurde.

      LG Nora

      Gefällt 1 Person

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