Das Zombinchen

Keks ist kein Hund und gehört damit eigentlich nicht in diesen Blog. Trotzdem bekommt er einen Artikel. Weil er ihn verdient hat.

Keks ist ein Zombinchen. Ein Kaninchen minus ein halbes Ohr, ein Augenlid, eine Viertelnase und ein Stück des Beinchens. Er ist über zwölf Jahre alt und blind, hat eine chronische Zahnwurzelentzündung, eine riesige Portion Lebensfreude und immer Hunger. Er liebt seine Kaninchen-Gefährtin, Freilauf im Garten und Kohl. Er ist neugierig gegenüber Menschen und Hunden. Wenn er meine Schritte hört, kommt er angerannt und setzt die Vorderpfoten auf meinen Fuß. Ich darf nicht weitergehen, bis ich meinen Wegzoll in Form von Essbarem bezahlt habe. Keks liebt das Leben. Und das Leben liebt ihn.

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Keks

Nach dem Tod meines ersten Kaninchens blieb dessen Partner Hoppel (meine Schwester war vier, als sie ihn so getauft hat…) alleine zurück. Fahrt ins nächste Tierheim, ein neuer Partner musste her. Er war acht Jahre alt und hieß Eichi. Seltsamer Name, Umtaufung in „Keks“. Das passt zu seiner Farbe und zu seiner Verfressenheit. Nach einer Eingewöhnungszeit öffneten sich die Gehegetüren. Die Freiheit des Gartens. Keks war begeistert. Wiese, Platz und so viel zu entdecken! Rennen, Haken in der Luft schlagen, überall hinaufklettern, Fressen ohne Ende. Kaninchenglück.

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Vor seiner Erkrankung

Keks und Hoppel bildeten eine liebevolle „schwule Männer-WG“. Zwei Jahre lang, bis der inzwischen zwölfjährige Hoppel ebenfalls verstarb. Das Kekschen blieb allein und traurig zurück. Im November ein Kaninchen zu finden, das an Außenhaltung gewöhnt ist, ist nicht einfach. Der erste Versuch einer Vergesellschaftung schlug fehl. Holly und Keks sahen einander das erste Mal in neutralem Gebiet und gingen aufeinander los. Im Gehege saßen sie in entgegengesetzten Ecken, keiner erlaubte dem anderen, sich zu bewegen. Der sonst so lebensfrohe Keks traute sich tagelang nicht, sich zu rühren.  Schweren Herzens gaben wir Holly zurück. Unverständnis von Seiten der Vermittlungsstelle. Doch es sollte sich noch herausstellen, dass die Entscheidung richtig war. Denn Keks lernte schließlich seine Seelengefährtin kennen: Biskuit. Das erste Kennenlernen im Tierheim verlief gegenteilig zu dem Treffen mit Holly: Keks und Biskuit sahen einander. Sie lief auf ihn zu, schob den Kopf unter seinen, die Nase in seinem Fell. Er lehnte sich an sie. So saßen die beiden minutenlang, bis wir sie zusammen in die Transportbox setzten. Liebe auf den ersten Blick. Sie hatten bisher nicht ein Mal Streit und führen eine leidenschaftliche Beziehung (die deutlich macht, woher der Ausdruck „wie die Karnickel“ kommt – und das in seinem Alter). Da Biskuit nicht an die Außentemperaturen gewöhnt war, mussten sie bis zum Frühjahr im Haus leben. Dann konnten sie endlich nach draußen, Freiheit und gegenseitige Zuneigung. Kaninchenglück.

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Biskuit

Dann ging es Keks letzten Sommer plötzlich schlecht. Myxomatose, trotz Impfung (falls Kaninchenbesitzer unter den Lesern sind: Ich kann den Jahresimpfstoff nicht empfehlen).  Empfehlung der Tierärztin, ihn einschläfern zu lassen. Die nächste schwere Entscheidung. Glücklicherweise richtig getroffen. Denn wir beschlossen, ihn leben zu lassen, solange er noch eine Spur von Lebenswillen zeigt. Und Keks kämpfte. Ich kämpfte mit ihm. Wir gewannen. Denn Keks lebt, frisst, hoppelt und liebt. Wer vermisst da schon ein halbes Ohr?

Kaninchenglück.

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