Ein Hund und die Schule 1: Heimtraining

Bei Mia war alles ganz einfach. Sie kam als Welpe in unsere Familie, besuchte den Junghundekurs in der ortsansässigen Hundeschule. Dort lernte sie Sitz, Platz, Bleib und Fuß und einigermaßen zuverlässig auf Rückruf zu kommen. In den Pausen spielte sie mit den anderen Hunden. Wir gingen gemeinsam mit „Mitschülern“ spazieren, machten eine Weile Agility. Im Haus gab es ein paar Regeln, die sie nie in Frage stellte. Draußen hörte sie nicht perfekt, aber allemal gut genug, um ohne Ärger oder Gefahren durch den Alltag zu kommen. Auch wir Kinder konnten gut mit ihr spazieren gehen. Vielleicht mal der eine oder andere Beller, wenn ein angeleinter Hund sie anblaffte, aber ansonsten machte sie nie irgendwelchen Ärger. Diese kleine Streberin…

DSC03544

Dann kam Kalle. Und Kalle hatte Angst. Vor Menschen, Hunden, Geräuschen, Bewegungen, Gegenständen, allem. Vor dem Autofahren natürlich auch. An den Besuch einer Hundeschule war nicht zu denken. Einmal ließen wir einen mobilen Hundetrainer kommen, der uns mit gewichtiger Miene mitteilte, dass Kalle ein zur Flucht tendierender Hund sein (worauf wir nie selbst gekommen wären) und uns einige Übungen zeigte (was durchaus hilfreich war). Außerdem empfahl er für ängstliche Hunde eine Flexi-Leine (was eine kleine Katastrophe war)[1].

DSC03923
Für uns ist die Schleppleine die bessere Wahl

Ich beschloss, erst einmal alleine an seinen größten Ängsten zu arbeiten. Geholfen hat mir da „Der ängstliche Hund“ von Nicole Wilde. Sie beschreibt die Methoden der Gewöhnung sowie klassischen und operanten Gegenkonditionierung sehr gut und gibt Hilfestellung zu genau ausgearbeiteten Trainingsplänen. Bei konkreten Ängsten hilft das sehr gut. Das Auto und Gegenstände wie Plastikplanen, Schirme, etc. waren relativ schnell kein Problem mehr. Anders bei Menschen. Da es so viele verschiedene gibt, die sich alle anders verhalten, anders aussehen, anders riechen, andere Geräusche machen, ist diese kleinschrittige Herangehensweise hier nicht sehr erfolgreich. Nicole Wilde empfiehlt, einen Hund seinen Ängsten nicht im Alltag auszusetzen, während die Gegenkonditionierung stattfindet. In Amerika ist es nicht so üblich wie hier, täglich mit Hunden spazieren zu gehen. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, einem jungen Hund über Wochen oder Monate hinweg die Spaziergänge zu versagen, nur weil da draußen überall Angstauslöser herumliefen. Also entschied ich mich für die „Leine-dran-und-losmarschiert“-Methode. In der ersten Zeit habe ich ihn regelrecht hinter mir hergeschleift. Aber: Wir sind an fremden Menschen vorbeigegangen (zunächst in einigem Abstand) und wurden nicht gefressen. „Aha“, denkt sich der Hund, „diesmal ist nichts passiert. Aber das nächste Mal bestimmt!“ Es hat eine ganze Weile gedauert, bis er freiwillig an Fremden vorbei ist. Davon abgesehen fand er schnell Spaß an Spaziergängen und stand schon nach kurzer Zeit wedelnd an der Tür, wenn ich das Geschirr hervorholte.

Zu Hause fühlte er sich sehr schnell sicher und war dort ein normaler junger Hund mit einer Menge Blödsinn im Kopf. Allerdings nur solange draußen alles ruhig war. Zu Beginn ließ ihn jedes Geräusch von außerhalb aus der Haut fahren und in ohrenbetäubendem Gebell explodieren. Von alleine fand er kaum aus diesem Zustand heraus. Jede Nacht musste ich mehrmals aufstehen, um den Hund zu beruhigen. Das ging durch Berührungen und ruhiges Festhalten immer ganz gut. Heute muss ich nur noch den Raum betreten, wenn er sich in einen Bellanfall hineingesteigert hat (was mittlerweile nur noch seltener vorkommt), damit er sich entspannt hinlegt („Puh, Frauchen übernimmt, dann kann ich ja weiterschlafen.“)

Dinge wie Sitz und Platz und eine Menge weiterer Kunststückchen übte ich zu Hause und später dann auf ruhigen Wiesen bei den Spaziergängen. Kalle ist clever, lernbegierig und verfressen, von daher hatte ich da keine Schwierigkeiten. Bleiben konnte er sofort, er reagiert sehr sensibel auf Körpersprache und ein leichtes Vorbeugen des Oberkörpers genügt bereits, um ihn an einer Stelle zu halten. Frustrationstoleranz war ohnehin nie ein Problem. In einer Tötungsstation lernt ein Hund nicht viel, das aber schon…

DSC04243
An Tricks hat er immer Spaß. Hier beim Umrunden.

In den ersten Tagen verteidigte er sein Futter (durchaus verständlich). Nachdem er sich aber an regelmäßige Mahlzeiten, die ihm niemand streitig machte, gewöhnt hatte, ließ das schnell nach. Ich warf ihm hin und wieder, während er fraß, besondere Leckerbissen zu und trainierte mit dem Futterbeutel, dann war das Thema erledigt.

Das einzige weiterbestehende „Problem“ zu Hause ist seine Wachsamkeit. Das erfordert aber nur ein gutes Management. Bei Besuch bekommt er klare Anweisungen und wird vorsichtshalber angeleint. Damit kann man sehr gut leben.

DSC03460
Zwischen den beiden gab es nie Konflikte

Zurück zu den Spaziergängen. Hier war nämlich noch nicht alles in Butter. Während er bei Menschen schon deutlich entspannter war und gut auf operante Gegenkonditionierung ansprach („Hier“ und „Sitz“ oder „Touch“, je nach Situation), oft sogar bereits von sich aus Alternativverhalten anbot, sah das bei Hundebegegnungen anders aus. Weil nämlich viele freilaufend Hunde, die alle nichts taten und deshalb nicht zurückgerufen wurden, ihn bedrängten, obwohl er diesen Kontakt nicht wollte. Ich hätte das nicht zulassen dürfen, hätte sie irgendwie verjagen müssen, aber damals kam mir das übertrieben vor. Ich wollte keine Konflikte. Ich wollte, dass alle sich lieb hatten. Als Kalle zunehmend selbstsicherer wurde, begann er, die Sache selbst zu regeln. Knurren und Pöbeln fühlt sich besser an und sorgt für angemessenen Abstand. Und wenn der andere Hund nicht wie gewünscht reagierte, wurden die Signale eben verstärkt. Und wer sich in Zahnreichweite begab, hatte eben Pech gehabt.

An diesem Punkt kam ich nicht weiter. Wie sollte ich ein Alternativverhalten aufbauen, wenn das Gezeter zum Erfolg führte, ruhiges Verhalten dagegen zur neugierigen Annäherung des jeweiligen Tut-Nix, was bei Kalle ein negatives Gefühl auslöste? Jetzt brauchten wir eine Hundeschule, damit er entspannten Kontakt zu Artgenossen lernen konnte. Mittlerweile klappte das Autofahren gut und er war in Gegenwart fremder Menschen entspannt genung, um lernen zu können. Also ab in die Schule.

Fortsetzung folgt!

[1] In den Hauptrollen: eine selbstaufrollende Leine, ein ungeschicktes Frauchen, ein panischer Hund und eine Herde erschrockener Kühe

Advertisements

4 Kommentare zu „Ein Hund und die Schule 1: Heimtraining“

  1. Ich glaube jeder hat irgendwo Probleme mit seinem Hund. Wir alle haben ein Problem und das macht uns auch irgendwie liebenswert.
    Ich bin froh das Kylar kein ängstlicher Hund ist. Dafür hat er einfach zu viel Selbstvertrauen und das finde ich ähnlich nervig. Da wird dann kein Nein von einem anderen Hund akzeptiert. Er geht dann wieder und wieder und wieder hin. Ganz nach dem Motto. Wenn du mich erst mal kennst, dann meinst du das gar nicht so. Wir mussten echt immer wenn ein anderer Agend signalisier hat. Ich will das nicht. Kylar aus der Situation raus nehmen. Weil er so frech ärgern geht, das die anderen Besitzer meinen Ihre Hunde wären schuld. Er weiß halt ganz genau wie es geht. Mitlerweile muss ich nur noch NA sagen dann gehen die Ohren nach hinten und er dreht ab. Frechdachs. Frauchen kennt ihre Männer.
    Dein Arikel Motoviert das man weiter an seinen Baustellen arbeiten und nicht aufgibt. Ich wünsche euch viel Glück

    Gefällt 1 Person

    1. Danke dir. Ich glaube, Kylar und Kalle sind in mancher Hinsicht das genaue Gegenteil des jeweils anderen. 🙂

      Ich finde es sehr gut, dass du Kylar in solchen Situationen zurückholst. Unser Leben wäre viel einfacher, wenn alle Hundebesitzer so rücksichtsvoll wären wie du. 🙂

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s