Ein Hund und die Schule 2 – Einzelstunden

Also machte ich mich auf die Suche. Eine Hundeschule, die erreichbar war und eine gut geführte Spielgruppe für erwachsene Hunde anbot. Schließlich fand ich eine. Voraussetzung für die Teilnahme an den Spielstunden war die Buchung von Einzelstunden. Das war vollkommen in Ordnung für mich, eine Gelegenheit, mehr zu lernen.

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Motiviert

Die erste Einzelstunde. Leider hatten wir etwas Pech mit unserer Trainerin. Sie war gerade erst in diesen Beruf eingestiegen und irgendwie ein wenig planlos. In der ersten Stunde wollte sie meinen Hund mit Angstproblematik an einen Baum binden, damit er Frustrationstoleranz lernt. Dumm wie ich bin, dachte ich mir, die wird es schon wissen, und band ihn tatsächlich an diesen Baum. (Ich schäme mich noch heute dafür. Und bin Kalle dankbar, dass er mir trotz meiner Blödheit noch vertraut.) Allerdings entfernte ich mich nicht von ihm (wie ich eigentlich sollte), sondern blieb neben ihm stehen. Trotzdem bekam er natürlich Panik und ich bestand endlich darauf, diese Übung zu beenden. Alles in allem kein guter Start.

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Rückruf mit Abkenkung

Ich schaffte es nicht, der Trainerin zu vermitteln, wo eigentlich unser Problem lag. Nicht in mangelnder Bindung, nicht in mangelndem Gehorsam, sondern in beidseitiger Unsicherheit, eben ganz besonders bei Hundebegegnungen. Ich bekam eine Liste mit Hausstandsregeln. Zu diesem Zeitpunkt war ich froh, dass Kalle nicht mehr ständig in Alarmbereitschaft war und entspannt liegen blieb, wenn ich zu Hause an ihm vorbei ging. Jetzt sollte ich ihn aufstehen lassen, wenn ich vorbei wollte. Nur um zu beweisen, dass ich es konnte. Ich sollte ihn nicht auf das Sofa lassen, weil er sonst die Weltherrschaft übernehmen würde. Ich sollte in draußen an der Leine nicht markieren lassen, dabei war ich doch froh, dass er sich endlich für seine Umgebung interessierte, statt ständig in Fluchtbereitschaft zu sein. Es mag Hunde geben, die derart auf Status aus sind, dass man ihnen auf diese Art zeigen muss, dass sie nicht die Welt beherrschen. Kalle gehört nicht dazu. Er möchte sich nicht durch Türen drängen oder auf Spaziergängen den Weg bestimmen. Sondern ist froh, wenn ich voraus gehe. Was ich auch tue. Natürlich braucht gerade ein unsicherer Hund Führung, aber doch nicht in Form von sinnlosen Regeln, die nur den eigenen Status betonen sollen. Sondern in Form von Schutz und klaren Grenzen. Ich kann eine Schüssel voller Wurst auf den Boden stellen, Kalle mit einem kurzen Blich darauf hinweisen, dass sie mir gehört, und den Raum verlassen. Kalle würde sich nie in die Nähe dieser Wurst begeben! Er wird entweder liegen bleiben oder die Schüssel ignorieren und mir folgen. Ich bekam die Empfehlung, keine Bälle zu werfen, weil der Hund sich dann von mir entfernt und etwas Positives damit verknüpft. Aber hey, genau das wollte ich doch. Die Welt geht nicht unter, wenn Kalle sich ein Stück von mir entfernt. Ich sterbe nicht, er stirbt nicht, und dann kann er mit seiner Beute zu mir zurück kommen! Natürlich schadet exzessives Ballspielen der körperlichen und seelischen Gesundheit eines Hundes, aber doch nicht hin und wieder einen Ball zu werfen.

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Ablegen

Nach der ersten Stunde überlegte ich, das Ganze abzubrechen. Aber irgendwie hatte ich keine wirkliche Alternative zu dieser Hundeschule. Ich überlegte, darum zu bitten, mit einer erfahreneren Trainerin arbeiten zu dürfen und darauf eben etwas länger zu warten. Aber ich traute mich nicht. Ich meine, jeder fängt einmal an und jeder hält seine eigenen Probleme für die größten und wichtigsten. Sicher waren die Trainerinnen untereinander befreundet und ich konnte ja nicht erzählen, dass unsere Trainerin offensichtlich nicht in der Lage war, Angst von Frust zu unterscheiden. Also beschloss ich weiterzumachen. Und nie wieder zu denken, irgendjemand wisse irgendetwas, das Kalle betrifft, besser als ich.

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Rückwärts geht auch

Die weiteren Stunden waren besser als die erste, obwohl wir nie an der eigentlichen Problematik arbeiteten. Um ehrlich zu sein, wollte ich das auch nicht mehr. Wir übten Sitz, Platz, Bleib, Aus und Rückruf. In allen diesen Dingen waren wir gut (Kalle konnte das meiste längst), holten uns unser Lob ab und waren zufrieden. Ich gab vor, mich in die Hausregeln zu halten, und hörte mir an, welch positive Auswirkungen dies auf seinen Gehorsam hätte. Die einzige hilfreiche Stunde war die, in der wir mit dem Hund der Trainerin arbeiteten. Klein und irgendwo zwischen alt und scheintot, stellte dieser nicht mal in Kalles Augen eine Bedrohung dar und die beiden konnten entspannt nebeneinander herlaufen. Wobei ich mir nicht sicher war, ob der Kleine Kalle überhaupt wahrnahm. Ich verstand, warum die Trainerin unsere Probleme nicht nachvollziehen konnte.

Hätte es hiermit geendet, hätte ich die ganze Aktion für eine Verschwendung von Zeit und Geld gehalten. Aber endlich konnten wir an der Spielstunde teilnehmen.

Fortsetzung folgt!

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5 Kommentare zu „Ein Hund und die Schule 2 – Einzelstunden“

  1. Ich war vor zwanzig Jahren mit meiner damaligen Hündin mal auf dem Hundeplatz des örtlichen DSH Vereins… und empfinde es immer noch als Wunder, was Hunde uns verzeihen.
    Dass du das nicht angenommen hast und Kalle auch nicht am Baum allein gelassen hast, finde ich bewundernswert. Da hast du mehr Rückgrat als ich damals.
    Herzliche Grüße
    Stephie

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    1. Danke. In dieser Hinsicht bin ich froh, nicht zwanzig Jahre früher geboren zu sein. Da war es sicher noch viel schwieriger, weil der allgemeine Standpunkt noch mehr in Richtung Der-muss-gehorchen ging – und es weniger Möglichkeiten gab, sich unabhängig von solchen Vereinen zu informieren.
      Herzliche Grüße,
      Nora

      Gefällt 1 Person

      1. Nee, ist ja schon schlimm genug dass man daran sein Geld verschwendet. Noch schlimmer, wenn die dadurch beim Hund noch was kaputt machen. Gut dass du genau wusstest dass es so nicht in Ordnung ist und da aufgepasst hast.

        Gefällt 1 Person

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