Ein Hund und die Schule 3 – Spielgruppe

Im Vergleich zu Hundebegegnungen draußen haben Spielgruppen entscheidende Vorteile. Wenn ich keine Leine in der Hand halte, die mich mit Kalle verbindet, muss er selbst diese Verbindung halten. Ich kann weggehen, ohne dass er versucht, mich in die entgegengesetzte Richtung zu zerren. Dann muss er mitkommen. Mich alleine gehen zu lassen, kommt für ihn nicht in Frage. Durch die höhere Anzahl an Hunden sinkt die Aufmerksamkeit, die einzelne Artgenossen auf ihn richten. Außerdem habe ich die Gewissheit, dass ich Konflikte unter den Hunden nicht alleine lösen muss, da die anwesenden Trainerinnen ein Auge auf alle haben.

Trotzdem waren die ersten Stunden recht anstrengend. Ich musste praktisch ständig in Bewegung bleiben (natürlich immer mit vierbeinigem Anhang), Bögen und Schleifen laufen, um Frontalbegegnungen aus dem Weg zu gehen und spielenden Hunden auszuweichen. Blieb ich stehen, nutzte Kalle meinen Standort als Ausgangspunkt für Ausfälle gegenüber jedem Hund, der in die Nähe unserer imaginären Festung kam.

DSC04021
Bei Hundebegegnungen komme ich nicht zum Fotografieren. Daher an dieser Stelle ein paar Frisbee-Bilder.

Aber es wurde besser. Kontakt wollte Kalle noch immer nicht, spielen erst recht nicht. Jeder, der ihn beschnüffeln wollte, bekam eins auf den Deckel. Doch er entspannte sich zusehends. Andere durften an ihm vorbeilaufen, ohne dass es zu Explosionen kam. Die ersten Minuten einer Stunde musste ich weiterhin kreiseln. Aber sobald sich der erste Trubel gelegt hatte, konnte ich mich hinsetzen und Kalle legte sich ruhig neben mich. Auch ich wurde entspannter. Irgendwann hatte ich angefangen, die anderen Hunde mit Kalles Augen zu sehen und als Bedrohung wahrzunehmen. Doch das waren sie nicht. Sie waren einfach Hunde. Und ich liebe Hunde!

DSC04019

Ich begann, Kontakt zu anderen Hunden aufzunehmen, hier einen freundlichen Blick auszutauschen, dort ein Ohr zu kraulen. Kalle ließ mich gewähren, obwohl er immer ein wachsames Auge darauf hatte, was sich fremde Hunde bei mir erlauben durften und was nicht. Wer mich anspringen wollte, wurde verjagt. Ich hatte die Hoffnung, dass Kalle ebenfalls irgendwann Kontakt zulassen würde, möglicherweise sogar Freunde finden würde. Leider vergeblich. Auch nach über einem Jahr blieb er auf Abstand und beobachtete nur.

DSC03988

Auch ich beobachtete. Und ich lernte von den Hunden, was ich von Menschen nicht gelernt hatte. Wenn ein Hund einen Konflikt zwischen zwei anderen lösen will, ruft er nicht „Sitz“ und hofft, dass die beiden ihren sich anbahnenden Streit unterbrechen. Schon gar nicht brüllt er „Nein!!!“ oder schimpft. Er versucht nicht, sie durch Futter voneinander abzulenken. Sondern er stellt sich dazwischen und und schaut sie fest an. Ist er willensstark und souverän, lassen die anderen voneinander ab und wenden sich anderen Dingen zu, ohne dass er aktiv etwas tun muss. Ich versuche, das nachzuahmen, und fühle mich lächerlich. Es sieht ganz sicher albern aus. Aber erstaunlicherweise funktioniert es häufig. Wenn heute auf Spaziergängen freilaufende Hunde auf uns zu kommen, genügt meistens ein Schritt auf sie zu in Verbindung mit diesem Blick, um sie auf Abstand zu halten. (Manchmal allerdings auch nicht.) Auch Kalle gebe ich so zu verstehen, dass er sich zurückhalten soll. Ich fordere kein bestimmtes Verhalten mehr (wie Sitz), sondern lasse ihn selbst eine Alternative finden, mit der er sich wohlfühlt. Manchmal ist das tatsächlich Sitz (wenn der Raum begrenzt ist), häufiger jedoch betont langsames Bogenlaufen und am Boden schnüffeln, das dem anderen zeigt, dass kein Kontakt gewünscht ist. Für dieses Verhalten lob ich ihn verbal.

Das Anzeigen fremder Hunde auf Entfernung belohne ich mit Futter. In der Situation selbst jedoch lasse ich die Leckerchen in der Tasche, damit wir uns auf die zwischenhundliche Kommunikation konzentrieren können. Hin und wieder versucht Kalle, sich knurrend an mir vorbei zu schieben und den anderen zu provozieren. Dann schiebe ich einfach zurück. Und zwar so lange, bis das Knurren aufhört.

Bleiben die Situationen, in denen der fremde Hund trotz meiner Bitte nicht auf Abstand bleibt. Ist er jung und übermütig, lasse ich Kalle nun eine Ansage machen. Dazu genügt ein kleiner Schritt zur Seite. Kalle stemmt sich dann in die Leine und knurrt, als gelte es, mein Leben gegen einen Grizzly zu verteidigen. Meist ist der andere Hund fasziniert von dieser Darbietung, hütet sich jedoch, sich in Zahnreichweite zu begeben. Da Kalle sich schnell in so etwas hineinsteigert, unterbreche ich ihn gleich wieder mit „Das reicht.“, schiebe ihn wieder zurück und gehe mit ihm weiter. Ist der andere Hund jedoch selbst unsicher und hält uns für eine Bedrohung oder ist auf Ärger aus, lasse ich Kalle hinter mir, kniee mich auf den Boden, halte ihn mit einer Hand am Geschirr fest. Dann rufe ich den anderen Hund zu mir. Kommt er nicht bis zu mir, ist alles gut. Kommt er doch, lobe ich ihn freundlich, halte ihn vorsichtig fest und achte dabei darauf, dass ich immer zwischen den Hunden bleibe. Ich erzähle beiden Hunden, wie absolut großartig sie sind, und halte sie beide auf Armlänge auseinander. Dann warte ich, bis der Besitzer seinen Hund abholt. Dieses Vorgehen ist vielleicht nicht optimal, aber das beste und konfliktärmste, das mir einfällt.

Und mit diesem Zustand können wir sehr gut leben.

Advertisements

4 Kommentare zu „Ein Hund und die Schule 3 – Spielgruppe“

  1. Super! Da zeigt sich wieder mal wie Beharrlichkeit und Geduld zum Erfolg führen kann. Ob der Weg optimal ist, ist ja letztendlich egal. Er muss ja nur zu deinem Hund und dir passen und für euch der richtige sein! 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Danke, das stimmt. 🙂
      Vorhin habe ich deinen Artikel gelesen. Im Vergleich zu euch hatten wir ja richtig Glück mit unserer Hundeschule. Aber da dein Blog „Vom Angsthund zum Traumhund“ heißt, nehme ich an, dass auch eure Geschichte einen glücklichen Ausgang hat. 🙂

      Gefällt mir

  2. Was bin ich froh gleich an eine gute Hundeschule geraten zu sein, ich weiß nicht ob ich mich getraut hätte gegen den Rat einer Trainerin zu handeln, selbst wenn mir das Bauchschmerzen bereitet hätte. :/
    Bei mir und Aileen hilft bei Hundebegegnungen „Click für Blick“ und Abstand ganz gut. Ich wüsste ehrlich gesagt gar nicht wie ich sie zurückhalten sollte und gleichzeitig den anderen Hund fernhalten. Das würde mich wohl überfordern. 😀 Zum Glück sind aber auch noch nicht so viele freilaufende Hunde auf uns zu gerannt.

    Gefällt 1 Person

    1. Da hast du ja Glück, dass nicht so häufig Hunde in euch hineinrennen. Vielleicht sollte ich umziehen… 🙂
      Leider interessiert sich Kalle in solchen Situationen nicht so sehr für Futter. Die Theorie sieht vor, dann den Abstand zu vergrößern, nur leider respektieren das viele Hunde und Menschen nicht und kommen uns hinterher. Aber toll, dass es bei euch funktioniert! 🙂

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s