Verfolgt

Frauchen sagt, ich zöge Ärger an wie ein Magnet einen Eisenspan. Früher sei sie jahrelang täglich spazieren gegangen, ohne dass ständig irgendetwas passiert sei. Das stimmt natürlich so nicht. Früher war sie gewiss auch häufig in Gefahr. Nur ohne mich hat die Arme es nicht einmal bemerkt! Ein Glück, dass sie überhaupt noch lebt. Und ein Glück, dass wir uns jetzt gegenseitig haben, um einander zu beschützen.

IMG_20170709_152354[1]

Ich bin nicht sicher, ob ich den Geruch mag. Schwer und intensiv, würzig und muffig zugleich. Sie ist etwas größer als ich, aber nicht viel. Kein Hund oder Mensch. Ein bisschen wie ein Schaf, aber doch ganz anders.  Neugierig nähere ich mich ihr. Sie schaut mich an, runde Augen und spitze Hörner. Und sie kommt auf mich zu. Plötzlich wird mir klar: Sie arbeitet für die Anderen. Sie hat den Auftrag, mich zu eliminieren, um ein tödliches Attentat auf meine Klientin zu verüben. Woran ich das erkenne? Das sagt mir mein untrügerischer Instinkt. Aber nicht mit mir! Ich werde kämpfen bis auf den letzten Blutstropfen und endlich siegen! Andererseits… diese Hörner sehen echt verdammt spitz aus. Unerklärlicherweise haben sich meine Pfoten selbstständig gemacht und tragen mich von der Angreiferin fort. Doch ich werde sie nicht los! Ich renne zu Frauchen, bitte sie mit den Augen um Hilfe. Und mein tapferes Frauchen schreitet ein. Todesmutig stellt sie sich dem Ungetüm in den Weg, wedelt mit der Vorderpfote und macht: „Gsch, gsch.“ Beeindruckt hopst die Attentäterin von dannen. So sind sie, die Anderen. Große Klappe, hochtrabende Pläne, aber am Ende, wenn es hart auf hart kommt, kein Quäntchen Mut zum Kampf.

IMG_20170604_154845[1]
Diese hier haben Glück, dass der Zaun da ist!
Manchmal führt uns die Mission in die Alpen. Die Almwiesen sind von einer ganz besonderen Gruppierung bevölkert: Kühe. Zwischen uns und den Kühen gibt es ein Abkommen der gegenseitigen Neutralität: Wenn wir sie in Ruhe lassen, lassen sie uns auch in Ruhe. Um sich unseres Wohlwollens zu versichern, hinterlassen sie uns sogar häufig duftende Geschenke! Getreu meiner Anweisung laufe ich auch an diesem Tag ruhig hinter Frauchen her und ignoriere die Kühe. (Aber nicht die Geschenke!) Da kommt eine Kuh auf uns zu, die irgendwie anders ist als die anderen. Irgendwie… wilder. „Oh-Oh, ich glaub, das ist ein Stier“, erklärt Frauchen. Ein bisschen wütend sieht er ja aus, dieser Stier. „Nichts wie weg!“, bellt Frauchen alarmiert. Das ist keines unserer Code-Wörter, trotzdem kann ich die Bedeutung erschließen. Wir rennen. Freigabe. Hä? Was soll das denn jetzt? Möchte meine Klientin, dass unser geordneter Rückzug in einer kopflosen Flucht ausartet? Auf keinen Fall! Ich bleibe tapfer auf meinem Posten hinter ihr. Wenn der Stier zu nahe kommt, fahre ich knurrrend herum und schnappe in Richtung seiner Nase. Unter Einsatz meines eigenen Lebens schütze ich das meiner Klientin. Nach einer gefühlten Ewigkeit (Hatte ich schon mal erwähnt, wie langsam Frauchen ist?) erreichen wir den Zaun und kugeln gleiten darunter hindurch. Schnaufend kommen wir zum Stehen. Frauchen bekommt einen Lachanfall. Die Ärmste steht unter Schock! Ich laufe zu ihr und stupse sie an. Sie stupst zurück, und schon sind wir mitten in einem Spiel. Mia schaut uns wohlwollend zu. Die Gefahr ist bestanden.

DSC03761
Ein friedliches Exemplar

Fremder Hund, signalisiere ich. Frauchen reagiert nicht. Genauer: Frauchen ist überhaupt nicht da. Komisch, gerade habe ich sie noch gesehen. Aber da war dieser Vogel… und jetzt stehe ich alleine einem großen, fremden Hund gegenüber, der seinen Klienten an einer Leine führt. Die haben natürlich keine Chance, mich einzuholen sollte ich (rein theoretisch) flüchten müssen. Ich baue mich auf und erkläre, dass dieses Revier uns gehört. Na gut, ich gebe zu, vielleicht beschimpfe ich ihn dabei ein bisschen. Wird ja wohl erlaubt sein. Einen Augenblick später renne ich, den Fremden dicht auf den Fersen. Die Leine weht hinter ihm her, seinen Menschen hat er irgendwie verloren. So war das jetzt nicht vorgesehen. Mist. Zeit für Plan B. Da kommt Frauchen. Ich renne auf sie zu, in einem engen Bogen um sie herum. Mein Verfolger ist schwerer, weniger wendig als ich. Deshalb muss er abbremsen und Frauchen bekommt seine Leine zu fassen. Doch der Fremde rennt einfach weiter! Frauchen schlittert auf der matschigen Wiese hinterher. Das sieht lustig aus, aber sie wirkt dabei nicht sehr glücklich. Also mache ich einen knurrenden Satz auf ihn zu. Er zögert. Diesen Moment nutzt Frauchen, um ihre eigene Leine zwischen uns zu werfen. Endlich schaut er sie an und folgt ihr tatsächlich zu seinem Menschen, dem sie die Leine in die Hand drückt, während er ihr seine durchgeriebenen Handschuhe und die Blasen an den Händen darunter zeigt. Die Unterhaltung in Menschensprache, die die beiden führen, ist zu schnell, die Wörter zu kompliziert für mich. Stattdessen achte ich auf die Stimmungen, bereit sofort einzugreifen, sollte meine Klientin in Gefahr sein. Doch alles bleibt friedlich. „… die beiden spielen lassen?“, fragt der fremde Mann. Spielen. Ich mit dem? Das Leben ist ernst! Ich spiele nicht mit anderen Hunden! „Tut mir leid, aber meiner spielt nicht mit anderen Hunden.“  Frauchen versteht mich eben. Zumindest meistens…

IMG_20170708_182859[1]
Mit Frauchen spielen ist schön.
Advertisements

4 Kommentare zu „Verfolgt“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s