Hunde für die Seele

Das Thema der MiDoggy Blogparade für diesen Monat sind Seelenhunde. Nun habe ich ja schon das ein oder andere Mal darüber geschrieben, dass Kalle für mich mein Seelenhund ist. Ganz anders als gewünscht, genauso wie gebraucht. Deshalb war ich erst nicht sicher, ob ich an dieser Blogparade teilnehme. Tatsächlich ist dieses Thema aber für mich unerschöpflich. Ich hoffe, es langweilt euch nicht mittlerweile. Für diesen Text hat mich ein wundervoller Beitrag von Sandra von Dreipunktecharlie beeinflusst: „Charlie ist nichts von dem, was ich wollte.“ Dieser Text hat mich besonders berührt, weil es bei uns eigentlich genauso ist. Nur umgekehrt.

Ganz im Gegensatz zum Team „Lis und Sandra“ waren „Mia und Nora“ zurückhaltend, ruhig, konfliktscheu. Bemüht, immer alles richtig zu machen, am besten nicht aufzufallen. Während Sandra mit Lis auf Einbrecherjagd war, hätten wir uns wohl hinter dem Sofa versteckt. Und dann kam Kalle. Er ist ängstlicher als wir beide zusammen. Aber er zeigt seiner Angst die Zähne.

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Schüchtern?
Kalle ist ganz und gar nicht konfliktscheu. Konflikte ziehen ihn magisch an. Nach unserer ersten heftigeren Auseinandersetzung war ich einigermaßen schockiert. Nicht nur weil meine vorletzte Hose zerrissen war (ich hasse shoppen und die Anzahl meiner gesellschaftsfähigen Hosen normalerweise zwischen zwei und drei), sondern weil ich befürchtete, unsere Beziehung habe sich dadurch verschlechtert. Es war nicht so. Unsere Verbindung war so eng und vertraut wie zuvor. Wir können streiten, einander furchtbar anfauchen, es ändert gar nichts. Eine Entdeckung.

Auch draußen: Wer ihm nicht passt, wird weggeknurrt. Und das ist fast jeder. Grundsätzlich würde ich diese Strategie nicht weiterempfehlen, sie erschwert das Leben schon ein wenig. Aber immerhin ist es authentisch, kompromisslos ehrlich. Weit weg davon, es irgendjemanden recht machen zu wollen. Und ich musste lernen, Nein zu sagen. Nein, der Hund wird nicht gestreichelt. Nein, er möchte nicht spielen. Nein, das muss ich nicht ausprobieren. Und nein Kalle, es wird niemand angebellt. Und Kalle nimmt mich ernst. Auch das ist eine Entdeckung.

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Er kann also doch Freunde finden
Im Gegensatz zu Sandra wollte ich keinen Beschützer. Ich wollte einen freundlichen, fröhlichen Hund. (Eigentlich so einen wie Charlie. 🙂 ) Doch irgendwie habe ich mich daran gewöhnt, einen Bodyguard an meiner Seite zu haben. Wachsam, entschlossen, mutig; immer da, wenn ich ihn brauche. Mit der Tendenz zwar, es gelegentlich ein wenig zu übertreiben, doch absolut zuverlässig, wenn es darauf ankommt.

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Er kann auch ganz albern sein
Und trotzdem, wäre Kalle nur das, würde ich womöglich sagen, dass wir nicht gut zusammen passen. Aber er ist noch viel mehr. Einfühlsam, witzig, sensibel. Er weiß immer, was ich von ihm möchte, meist bevor ich es sagen kann. Vor allem aber berührt er etwas in mir. Julia hat gefragt, was ein Seelenhund für uns sei. Und ganz genau das ist es, glaube ich, was Seelenhunde ausmacht. Dass sie uns berühren, einfach weil sie sie selbst sind. Weil sie sich nicht um unsere Erwartungen kümmern. Und weil sie uns so wahrnehmen und mögen, wie wir sind. Weil sie uns brauchen und dadurch Neues, Gutes in uns zum Vorschein bringen.

 

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Fridolin

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Sie sah sie nicht, so sehr sie sich auch anstrengte. Sie betrachtete das silberne Ahornblatt, blickte auf die kahle Stelle an der Wand und versuchte sich das Gefühl in Erinnerung zu rufen, wie sie sich mit der Kette um den Hals betrachtet hatte in dem Spiegel, der ihr mittlerweile unerträglich geworden war, sich vielleicht nicht schön, aber doch recht hübsch gefunden hatte. Die Schönheit des Anhängers war verschwunden, so wie alle Schönheit verschwunden war.  Langsam legte sie die Kette auf den Nachttisch zurück und ließ sich wieder auf ihr Kissen sinken. Sie hatte aufstehen wollen, hatte es wirklich versucht, wenigstens für ein Glas Wasser, doch schon der Weg in die Küche kam ihr wie eine Chinareise vor, unvorstellbar das momentan zu schaffen. Fridolin der Dackel, der zusammengerollt neben ihrem Kissen geschlafen hatte, krabbelte zu ihr herüber und leckte ihr Ohr. Er musste schrecklich hungrig sein, sie war die schlechteste Hundehalterin der Welt. Seine dunkelbraunen Augen blickten sie mit einer Wärme und Zuneigung an, die sie nicht im Geringsten verdient hatte. Und in diesem Blick sah sie – nicht die Schönheit zwar, doch eine Ahnung ihrer Existenz, als ob sie bloß irgendwo versteckt wäre, als ob sie sie irgendwie wiederfinden könnte. Plötzlich wurde ihr klar, dass sie für ihn nach China reisen und in die Küche gehen würde, um Futter in seinen Napf zu füllen, dass sie für ihn durch die Sahara wandern und nach draußen gehen würde, um ihn spazieren zu führen, und dass sie vielleicht, ganz vielleicht auch für ihn zum Mond fliegen würde, zum Telefon greifen und eine Nummer wählen und sich auf die Suche nach der verlorenen Schönheit machen würde.

Wieder mal im letzten Moment ein Beitrag zu den abc.etüden. Die Graphik ist von  ludwigzeidler.de.

Warum ich mich nicht durchsetzen möchte

Anfängerkurs Programmierung vor zwei Jahren. Mein Kommilitone neben mir hat ein Problem. Sein Programm läuft nicht. Er schimpft auf seinen Computer. Schon seit einer ganzen Weile. Das erscheint mir nicht als die erfolgversprechendste Methode der Problemlösung. Ich werfe einen Blick auf seinen Code und teile ihn mit, dass er in Zeile Weiß-ich-jetzt-nicht-mehr einen Fehler hat. (Ja, ich weiß, wie man sich beliebt macht.) Nachdem er den Fehler korrigiert hat, funktioniert es wundersamerweise.

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Ein paar Wochen später. Ich möchte Kalle das Vorsitzen beim Apportieren beibringen. Normalerweise bin ich ein Freund von freiem Formen. Nun hat er aber sein Spielzeug zwischen den Zähnen, und wenn ich warte, bis er Sitz von sich aus anbietet, würde ihm schnell langweilig werden. Er würde mitsamt Spielzeug abhauen. Also gebe ich stattdessen das Wortsignal, sobald er vor mir steht. Er läuft drei Schritte rückwärts, schwenkt mit dem Hinterteil um, geht rückwärts ins Fuß und setzt sich neben mein Bein. Hm. Ich entferne mich von ihm, rufe ihn, sage „Sitz“, sobald er vor mir steht. Das gleiche Spiel. Nach dem dritten Mal bin ich kurz davor, ungeduldig zu werden. Seit wann heißt denn Sitz nicht mehr „Setz dich an Ort und Stelle“, sondern „Lauf erstmal woanders hin“? Da kommt mir die Situation im Programmierkurs in den Sinn. Ich werfe einen Blick auf den „Code“ meiner Signale und merke sofort, dass ich einen Fehler mache. Im Vorhaben, das Spielzeug aufzunehmen, bevor er es fallen lässt, beuge ich mich ein winziges bisschen nach vorne. Dadurch nehme ich den Raum vor mir ein. Er kann sich gar nicht mehr dort hinsetzen! Deshalb weicht er in das aus, was er kennt und was dem Geforderten aus seiner Sicht am nächsten kommt. Beim nächsten Mal achte ich darauf, meinen Oberkörper gerade zu halten und mein Gewicht etwas nach hinten zu verlagern. Nachdem ich meinen Fehler korrigiert habe, funktioniert es wundersamerweise.

Es passiert mir nur sehr selten, dass ich etwas auf Anhieb fehlerfrei mache. Es geht darum, die Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Beim Programmieren und Rechnen ist das selbstverständlich. Auch beim Hundetraining sollte es so sein. Wenn etwas nicht funktioniert, sollte man doch zuerst bei sich selbst nach Fehlern suchen.

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Unsere liebe Hundetrainerin sah das anders. Ich solle jetzt „ruhig mal wütend werden“, als Kalle das Platz verweigerte. Es gibt Dinge auf dieser Welt, die mich wütend machen. (So unfassbar wütend, das ich die ganze Zeit schreien könnte. Wenn es denn irgendetwas nützen würde.) Ein Hund, der sich gerade nicht hinlegen möchte, gehört nicht dazu. Das ist mir relativ egal. Ich werde ja auch nicht wütend, wenn er gerade keine Lust auf „Flummi“ oder „Winke-Winke“ hat. (Für ihn ist das eine so ernsthaft wie das andere. Tatsächlich habe ich noch niemanden so ernsthaft winken sehen wie meinen Hund…) Wenn man auch nur ansatzweise grob oder ungeduldig mit Kalle umgeht, zieht er sich in sein inneres Schneckenhaus zurück. Er dreht den Kopf zur Seite, sieht einen nicht mehr an und reagiert überhaupt nicht mehr. Dann hilft es, wenn man ihm Raum gibt, sich von ihm entfernt, ein bisschen herumalbert, hüpft, ihn freundlich ruft und sich freut, wenn er kommt. Es hilft logischerweise überhaupt nicht, noch ungeduldiger zu werden.

Warum sollte ich ersteres nicht machen? Weil ich ja „Platz“ gesagt hatte. Weil ich mich durchsetzen muss.

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„Du musst dich durchsetzen.“ Wie oft habe ich diesen Satz als Kind gehört. Ich mochte ihn nie und mag ihn auch heute nicht. In der Schule sollte ich mich durchsetzen. Beim Sport sollte ich mich durchsetzen. Gegenüber den anderen Kindern sollte ich mich durchsetzen. Und erst recht gegenüber Tieren. Ich habe mich immer gefragt: Warum denn? Wenn mein Arbeitspartner bei einem gemeinsamen Projekt etwas anders machen möchte als ich, möchte ich doch seine Gründe verstehen. Vielleicht ist sein oder ihr Ansatz ja tatsächlich besser als meiner. Wenn mein Pferd einen bestimmten Weg nicht gehen möchte, hat das vielleicht einen guten Grund. Vielleicht lauert hinter dem nächsten Busch ja tatsächlich eine Gefahr. Und wenn mein Hund sich nicht hinlegen möchte, hat das vielleicht ebenfalls einen guten Grund. Vielleicht ist ihm der Boden unangenehm oder er fühlt sich in dieser Position angreifbar. Oder ich habe eben einen Fehler gemacht und ihm missverständliche Signale gegeben. Womit sich der Kreis schließt.

Und wenn es nun wirklich wichtig ist, dass er etwas tut oder eben nicht? Dann ist die Situation eine andere. Wenn ich verhindere, dass Kalle zu anderen Hunden läuft und sie anbellt, dann setze ich nicht mich durch. Ich setze ein Prinzip, einen Wert durch. Es geht hier um Rücksichtnahme, Respekt vor dem Freiraum der anderen und Verantwortung für Kalles Sicherheit. Damit habe ich keine Probleme. Was mich stört, ist dieses sinnentleerte Sich-Durchsetzen, dass im Grunde nur dem eigenen Ego dient.

In unserer Gesellschaft gilt Durchsetzungsfähigkeit als Stärke. Möglicherweise ist sie das bis zu einem gewissen Grad. Aber ich halte Selbstkritik und die Fähigkeit, Dinge aus der Perspektive meines Gegenübers zu betrachten, für wichtiger. Indem man es sich zugesteht, Fehler zu machen, gewinnt man an Freiheit. Indem man auf andere (egal ob Mensch oder Tier) eingeht, gewinnt man an Vertrauen. Man verliert nichts, wenn man sich nicht immer durchsetzt. Im Gegenteil.

Parallelwelt in _.214

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Hyperknall, er hatte tatsächlich Hyperknall gesagt. Dieses Wort existierte nicht einmal, dessen war sie sich sicher. Bei allem Respekt vor deren Arbeit hatte sie die explosiven Vorlieben einiger ihrer Kollegen aus dem Nachbargebäude nie ganz nachvollziehen können. Langsam goss sie flüssigen Stickstoff in das Behältnis und betrachtete die eiskalte Wüste aus Nebel, die sich schlagartig bildete, Wanderdünen im Zeitraffer und Oasen aus Flüssigkeit, die in Sekundenschnelle verdampften. Sie füllte nochmals nach und lehnte sich dann zurück, um auf das Wunder des verschwindenden Widerstands zu warten, das die Messgeräte anzeigen würden, sobald die kritische Temperatur erreicht wäre. Gewiss, sie konnte die Schönheit nicht bestreiten. Und trotzdem, ihr Reich war es nicht. Erst als sie wieder in ihrem Büro im Theoriegebäude war – solide Bücher statt empfindlicher Instrumente, leise summende Computern statt aufdringlich brummender Vakuumpumpen – war sie zu Hause. Genau hier, umgeben von Gleichungen, in denen die Welt lag, fühlte sie sich pudelwohl.

Hihi, diese abc.etüden machen irgendwie Spaß. Und diesmal kam ja auch ein Hund in einem der Wörter vor, passt also zu mir, oder? Obwohl ich dem Wort Hyperknall tatsächlich noch nie begegnet bin. Die Illustration ist wieder von ludwigzeidler.de.

Oktober in Kürze

Gute Tat des Monats: Leine festgehalten. Obwohl die Versuchung groß war, ein kleines bisschen nachzugeben. Stimmungsübertragung funktioniert ja in beide Richtungen. Und dieser eine Hund regt Kalle ganz besonders auf. Mich regen die dazugehörigen Menschen auf, weil sie so gar keine Einsicht, kein Verständnis zeigen. Dieser Hund läuft immer frei, hört kein bisschen und provoziert Kalle mit Absicht, immer knapp außerhalb der Reichweite der Leine bleibend. Aber wenn ich ein kleines bisschen nachgeben würde…

Böse Tat des Monats: Mich über dummen Kommentar geärgert, statt ihn zu ignorieren. („Warum lassen Sie den nicht einfach mal von der Leine?“) Muss an meiner emotionalen Kontrolle arbeiten. Sicher hat das Schicksal mir Kalle geschickt, damit ich zu einer buddhistischen Ruhe finde. Wenn ich mich über jemanden ärgere, knurrt er denjenigen an. Zumindest muss ich dann nicht mehr erklären. „Genau deshalb“ reicht.

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Und noch eine böse Tat: Versucht, Mia für Halloween zu verkleiden. Äh, ja.
Rätsel des Monats: Interpretiere ich Kalles Signale falsch? Mirko Tomasini in Tiere suchen ein Zuhause. (Die Sendung findet ihr hier.) Freut Kalle sich bei der Begrüßung überhaupt nicht, mich zu sehen? Drückt er seinen Kopf wirklich deshalb in meinen Bauch, um ihn niedriger zu halten als meinen? (Meine Nase steckt in seinem Fell.) Das fände ich sehr traurig. Aber er drückt sich doch an mich? Legt er sich nicht deshalb auf den Rücken, damit ich seinen Bauch kraulen kann, sondern um Kontakt aus dem Weg zu gehen? Aber er schaut mir doch in die Augen? Er zieht meine Hand mit der Pfote zu sich! Drückt sich die Qualität einer Beziehung wirklich so sehr im Spiel aus? Kalle ist ziemlich passiv beim Spielen (egal ob mit Mia oder mir). Ich kann zwar eine Weile mit ihm spielen, aber so ganz ungezwungen ist es nie. Beim Mantrailing habe ich mal einen Hund getroffen, mit dem ich auf Anhieb wundervoll spielen konnte. („Diese kindliche Ausgelassenheit fehlt uns einfach“, kommentierte eine Teilnehmerin. Tja, schade für euch!) Wir waren uns zwar sympathisch – aber ich hatte sicher keine bessere Beziehung zu ihm als zu meinen eigenen Hunden. Ich beschließe, trotz allem meiner Intuition zu vertrauen und anzunehmen, dass wir eine gute Beziehung haben. Und diesen Bindungstest hätten wir in jedem Fall bestanden. Keiner meiner Hunde würde mit einem Fremden mitgehen.

Erkenntnis des Monats: Gegenkonditionierung ist eine tolle Sache. Man sollte es nur nicht übertreiben. Sonst kann man nicht mehr saugen, ohne dass die Hunde kommen und futtern wollen.

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Dummheit des Monats: Nicht gut genug aufgepasst. Hund kam von hinten auf Kalle zugerannt, Kalle nicht an der Leine, entgegengerannt und den anderen angebellt. Anderer hat verständlicherweise zurück gemeckert. Als ich ein paar Sekunden später ankam und mich dazwischen stellte, wurde ich von beiden Hunden begrüßt, als hätte ich gerade die Welt gerettet. Dabei waren sie doch erst wegen mir in diese Situation gekommen. Ziemlich schlechtes Gewissen.

Verrücktheit des Monats: Meine Hunde verstehen ein Prinzip, das vielen Menschen unbegreiflich ist. Stellt euch folgenden Versuchsaufbau vor: Ein verschlossener Futterbehälter, ein Hund steht davor. Wenn der Hund nun möchte, dass ich den Behälter öffne, weiß er, dass er aus dem Weg gehen muss. Sonst komme ich da nicht hin. Anders bei vielen Menschen. Sobald im Bus alle Sitzplätze belegt sind, bleiben die Leute in der Tür stehen. Das ist schade, weil dann niemand mehr einsteigen und der Bus nicht weiterfahren kann. Bitte ich darum, doch ein bisschen weiter in den Gang zu gehen, schaut man mich erstaunt an, bevor brav hineingerückt wird.

Begegnung des Monats: Der Hund hat die traurigsten Augen, die ich je gesehen habe. Sein Frauchen meckert ununterbrochen an ihm herum, obwohl er nie etwas tut, was das rechtfertigen könnte. Wenn wir uns begegnen, halte ich seinen Blick fest. Ich möchte, dass er weiß, dass jemand ihn sieht. Neulich kam er zu mir und hat mit der Schnauze meine Hand berührt.

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Glücksmoment des Monats: Über abgegraste Wiesen rennen. Die Welt ist wieder weit, die Luft kühl und Kalle schafft es mittlerweile tatsächlich, die Schafsköttel liegen zu lassen.

Trick: Hilf mir

Ich knie am Boden, die Hände am Rücken gefesselt. „Hilf mir“, flüstere ich. Das lässt sich das Hündchen nicht zweimal sagen. Er rennt zu mir, um mich herum. Mehr oder weniger vorsichtig zieht er meine Hände in Position. Ich fühle, wie sich eine Reihe messerscharfer Zähne zwischen meine Handgelenke schiebt. Höre genüssliches Nagen. Dann bin ich plötzlich frei. Wir freuen uns, was das Zeug hält.

Zu Halloween hat Anika von den Warnowtatzen zur Blogparade „Trick or Treat“ aufgerufen. Ich möchte mich hier mit einem Trick beteiligen, den ich besonders mag. Witzig und möglicherweise irgendwann einmal nützlich. Falls wir überfallen werden oder bei einem Film mitspielen oder so.

Bei dem Trick „Hilf mir“ nagt dein Hund „Fesseln“ an deinen Händen durch. Ich verwende dazu Baumwollstreifen, die ich aus alten T-Shirts schneide. Kunststoffe, die schneidende Fasern bilden, sind aufgrund der Verletzungsgefahr nicht geeignet. Zu Beginn sollten die Streifen sehr schmal sein, bei nagefreudigen Hunden kannst du sie später beliebig verbreitern. Je lieber dein Hund auf Dingen herumkaut, desto einfacher wird ihm dieser Trick fallen. Kauunlustige Hunde möchten ihn vielleicht überhaupt nicht lernen oder nur mit ganz dünnen Streifen. Sollte dein Hund gar keinen Stoff durchkauen wollen, kannst du auch Zeitungspapier nehmen, das er zerreißen kann.

Es folgt meine Schritt-für-Schritt-Anleitung. Sobald ein Schritt sicher funktioniert, kannst du zum nächsten übergehen.

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[Anmerkung zu den Fotos: Für diesen Trick braucht man beide Hände. Fotografieren war also nicht ganz einfach. Wir haben es immerhin geschafft, ein paar mehr oder weniger verwackelte Aufnahmen zu machen, indem Kalle ein Ende des Stoffstreifens mit den Pfoten festgehalten hat, sodass ich eine Hand für meine Handykamera hatte. Deshalb liegt er auf den Bildern. Eigentlich haben wir aber im Stehen geübt und das würde ich auch so empfehlen. Mit zusammengebundenen Händen konnte ich aber leider keine Fotos mehr machen…]

  1. Setzte dich auf einen Stuhl oder auf den Boden. Halte den Stoffstreifen mit beiden Händen auf Nasenhöhe des Hundes quer vor dich. Belohne jedes Interesse, das er daran zeigt.
  2. Belohne jede Berührung des Streifens mit der Schnauze.
  3. Belohne jedes Öffnen der Schnauze beim Berühren, auch wenn es anfangs nur ganz wenig ist.
  4. Nun belohnst du nur noch, wenn sich der Streifen zwischen den Hundezähnen befindet.
  5. Als nächstes soll dein Hund verstehen, dass er kauen soll. Das erfordert möglicherweise ein bisschen Geduld auf beiden Seiten. Lass dich an dieser Stelle nicht auf Zerrspiele ein. Beobachte deinen Hund genau: Jedes minimale Öffnen und Schließen des Kiefers ist der Ansatz eines Kauens und sollte belohnt werden. Dadurch kommst du dem echten Kauen immer näher.IMG_20171031_094806[1]
  6. Sobald dein Hund das Prinzip verstanden hat, kannst du die Belohnung in kleinen Schritten immer weiter hinauszögern.
  7. Schließlich ist es so weit: Der Streifen ist durch. Das gibt ein großes Freudenfest.
  8. Lasse deinen Hund ein paar Streifen durchnagen. Wenn du möchtest, kannst du die Breite schrittweise vergrößern. Achte darauf, dass die Belohnung am Ende attraktiv genug ist.
  9. Variiere die Höhe, auf der du den Streifen hältst. Dein Hund darf ihn in die Position ziehen, die ihm am angenehmsten ist.
  10. Binde nun beide Enden des Streifens um jeweils ein Handgelenk. Zunächst sollte genug Platz sein, dass die Hundeschnauze bequem zwischen deine Handgelenke passt.
  11. Verringere nach und nach die Länge des Streifens zwischen deinen Händen. Dabei solltest du natürlich darauf achten, dass deine Hände nicht zwischen die Zähne geraten…IMG_20171031_094842[1]
  12. Sobald der gewünschte Abstand erreicht ist, musst du das Ganze nur noch von vorne nach hinten verlagern. Gehe dazu alle Schritte noch einmal durch, nur dass du den Stoffstreifen nun hinter deinem Rücken hältst. Je nachdem wie schnell dein Hund das Gelernte überträgt, kannst du möglicherweise den ein oder anderen Schritt abkürzen. Manche Hunde sind zunächst verwirrt, wenn sie ihrem Menschen nicht wie gewohnt gegenüberstehen. In diesem Fall kannst du auch erstmal ein paar einfache Tricks mit dem Rücken zu deinem Hund üben. Und noch ein Hinweis: Bitte achte darauf, dass du jeden Knoten, den du produzierst, auch selbst wieder öffnen kannst, falls dein Hund sich plötzlich weigert…
  13. Führe nun noch ein Signal ein und lasse deinen Hund schrittweise aus einiger Entfernung starten, sodass er erst um dich herumlaufen muss. Und schon habt ihr es geschafft!

[Noch eine Nebenbemerkung: Auch für den Oktober wird es natürlich einen Monatsrückblick geben. Damit sich hier die Texte nicht so häufen, wird er aber erst in ein paar Tagen erscheinen.]

Fremdentod [abc.etüden]

Sonnige Tupfen aus Gold auf braungesprenkelter Rinde, oben blau zwischen herbstfarbenbunt. Der Asphalt ist gleichgültig grau. Die erloschene Laterne wird von einem einsamen Teddybären bewacht, mitgenommen von Regen und Staub, die Blumen daneben verwelkt. Ich kannte dich nicht, dein Tod betrifft mich nicht und trifft mich doch, hier und jetzt, ohne Grund. Es gibt doch so viele wie dich. Ich würde gerne für dich beten, doch das habe ich verlernt, irgendwann, es gelingt nicht mehr. Mein Schlüsselanhänger hat die Form eines Hundes. Ich lege ihn neben deine Laterne, als Unterstützung für den einsamen Bären. Mehr kann ich nicht tun. Was bleibt, ist ein Gefühl der Beklommenheit, das mich noch lange nicht loslässt.

Ein Beitrag zu den abc.etüden. Die Illustration stammt von ludwigzeidler.de.