Von Chico, Listenrindern und dem Schutz menschlicher Tiere

Wir schreiben das Jahr 2000. Zwei Stiere, genauer gesagt Angus-Rinder, entkommen von ihrer Weide, laufen auf einen Spielplatz und attackieren ein Kind. Das Kind verstirbt an seinen Verletzungen. Untersuchungen ergeben, dass die Besitzer es wohl witzig fanden, die Stiere darauf abzurichten, wehende Tücher anzugreifen. Das T-Shirt des Kindes muss dieses Verhalten auch auf dem Spielplatz ausgelöst haben. Die Politik reagiert sofort. Alle Angus-Rinder werden zu Listenrindern erklärt, die Gesellschaft durch die Medien von ihrer Gefährlichkeit überzeugt. Die Haltung von Listenrindern wird in Zukunft hoch besteuert und ist nur noch unter Auflagen möglich.

18 Jahre später. Der Zuchtbulle Chico (ebenfalls ein Angus-Rind) tötet seine beiden Besitzer. Das Ereignis löst eine Welle der Solidarität und Bestürzung aus. Solidarität nicht für die Opfer, sondern für das Tier, das sie getötet hat. Bestürzung darüber, dass es aufgrund seiner Gefährlichkeit geschlachtet werden soll. Die Besitzer seien ja selbst schuld. Schließlich haben sie Chico nicht artgerecht gehalten. Er musste den ganzen Tag im Stall stehen und durfte nie auf die Weide. Kein Wunder, das der Arme ausgerastet sei, die Besitzer hätten den Tod doch verdient. Free Chico!

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Zum Ausgleich für das schwierige Thema gibt es heute heitere Frühlingsbilder.

Diese Geschichte ist offensichtlich absurd. Natürlich ist sie auch nicht wahr. Aber fast. Ersetzt man „Rind“ durch „Hund“, ist sie so ähnlich passiert. (Angus-Rinder sind übrigens die erste Rasse, die mir eingefallen ist. Mir liegen keine Hinweise auf eine gesteigerte Gefährlichkeit dieser Rasse vor. Nur um das klarzustellen.) Und auch die wahre Geschichte ist absurd.

Hunde sprechen uns emotional an. Viel stärker als beispielsweise Rinder. Das erklärt möglicherweise die stark emotionalen Reaktionen. Wo doch rationales Handeln viel eher angebracht wäre.

Bei Hunden neigen wir zur Vermenschlichung. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch in Ordnung. Aber irgendwann wird es… absurd, wie gesagt. Überspitzt formuliert hat man nach dem Vorfall im Jahr 2000 reagiert, als hätte man es nicht mit einem Unfall, sondern mit dem Attentat einer Organisation zu tun gehabt. Und zwar einer, die nicht Teil des Rechtsstaates ist. Die Verschwörung der Kampfhunde. Plötzlich waren Hunde alleine wegen ihrer Abstammung verdächtig. Viele verloren alleine wegen ihrer Geburt Zuhause und Familie oder sogar ihr Leben. Wollte man seinen Hund behalten, musste man Auflagen erfüllen, erhöhte Steuern zahlen. Die Halter von Listenhunden fühlen sich diskriminiert, verständlicherweise.

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Eine diskriminierte, unverstandene Minderheit ruft Sympathien hervor. Menschen identifizieren sich. Die Stimmung schlägt ins andere Extrem um. Und plötzlich wird ein Hund zu einer Symbolfigur. Wird zum politischen Gefangenen. [1]

All das ist menschlich. Trotzdem müssen wir uns von Vorstellungen lösen, in denen wir uns selbst in Hunde projizieren. Wer einen erwachsenen Menschen respektiert, behandelt ihn nicht wie ein Kind. Wer ein Kind respektiert, behandelt es nicht wie einen Erwachsenen. Und wer einen Hund respektiert, behandelt ihn nicht wie einen Menschen.

Das hier habe ich in der Neuen Presse gefunden:

„Dass er sterben sollte, „stört das Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen, auch meins“, sagt Schwarzfeld. „In Deutschland gibt es keine Todesstrafe“, argumentiert er. „Sollen wir dann nicht auch Chico lieber lebenslänglich geben?“ „ [2]

Als ob es um Strafe und Gerechtigkeit ginge. Es ist ein Hund! Er ist nicht schuldfähig. Er kann keine Verantwortung übernehmen. Und er ist gefährlich.

Diese Vermenschlichung finde ich nicht richtig, aber doch irgendwie verständlich. Was ich nicht verstehe, sind die Wut und der Hass, die Chicos verstorbenen Besitzern entgegenschlägt. Denn auch wenn mich rücksichtsloses Verhalten, egal ob gegenüber Menschen oder anderen Tieren, traurig macht: Deshalb wünsche ich doch niemandem etwas Schlechtes. Hat mal jemand von diesen Leuten an die Angehörigen gedacht, die nicht „nur“ mit zwei Todesfällen, sondern auch noch mit irrationalen Anfeindungen zu kämpfen haben?

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Es gibt hier keinen Konflikt zwischen zwei Gruppen (Menschen und Tiere), in denen man Partei für eine Seite ergreifen könnte oder müsste. Es gibt uns menschliche Tiere und es gibt andere Tiere, für die wir die Verantwortung tragen. Wie Elena und Marie von Andershund schreiben: „In dieser Geschichte gibt es drei Opfer, zwei Menschen und einen Hund.“ [3]

Wie ein Weiterleben Chicos für ihn und diejenigen, die mit ihm umgehen müssen, bedeuten würde, wissen die beiden sehr viel besser als ich. Ich kann nur empfehlen, ihren Beitrag zu diesem Thema zu lesen.

Möchte ich also, dass Chico stirbt? Nein.

Halte ich es für notwendig? Ja.

Der Tierschutz hat hier für mich keine Grenze erreicht. Tierschutz hat keine Grenzen. Menschen sind Tiere. Und unsere Artgenossen. Wenn etwas also Menschen gefährdet, statt sie zu schützen, dann ist das kein Tierschutz. Ganz einfach.

Und wenn man wirklich helfen möchte, dann nicht, indem man irgendwelche Petitionen unterschreibt oder laut tönt, man würde Chico sofort aufnehmen. Die Tierheime sind voller „schwieriger“ Hunde, die gut in einen normalen Alltag integrierbar sind. Sie warten auf ein gutes, verantwortungsvolles Zuhause oder auch sachkundige Menschen, die, solange sie im Tierheim wohnen, mit ihnen spazieren gehen. Einrichtungen, die sich um nicht vermittelbare Hunde kümmern, benötigen finanzielle Unterstützung, um Hunde aufnehmen zu können, die andernfalls getötet werden (und die selbst nie jemanden getötet haben, nicht in den Medien landen und keine Petitionen bekommen).

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Und, um zu den anfangs erwähnten Rindern zurückzukommen: Sie und alle anderen sogenannten Nutztiere haben ebenfalls unseren Schutz verdient. Über unser Konsumverhalten können wir ebenfalls viel zum Tierschutz beitragen – gegen die Ausbeutung menschlicher und nicht-menschlicher Tiere. Richtig verstandener Tierschutz engagiert sich für alle Tiere. Nicht, blind für alle anderen, ausschließlich für Hunde.

Der Tierschutzgedanke wird stärker. Das ist gut so. Wir scheinen langsam zu begreifen, dass wir nur verlieren, wenn wir uns immer weiter von den anderen Tieren entfernen. Wir müssen nur noch eine Art ganzheitlichen Ansatz der Umsetzung finden. Tierschutz, der jedes Tier als das respektiert, was es ist. Egal, ob Mensch, Hund oder Schwein. Tierschutz, der Verantwortung übernimmt. Wenn wir aufhören, die Augen zu verschließen oder uns in Anschuldigungen gegen andere zu verlieren, sondern jeder Einzelne verantwortungsvoll handeln, bin ich zuversichtlich, dass wir es schaffen.

Nachtrag: Kurz nachdem ich diesen Beitrag fertig gestellt hatte, habe ich erfahren, dass Chico eingeschläfert wurde. Es war die richtige Entscheidung. Mögen alle drei Opfer Frieden finden.

 

[1] http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/chico-aus-hannover-hunde-eine-liebe-die-alles-ueberlagert-kommentar-a-1202430.html, 16.04.18

[2] http://www.neuepresse.de/Hannover/Meine-Stadt/Er-soll-auf-einen-Gnadenhof, 16.04.18

[3] https://www.anders-hund.de/der-traurige-fall-chico/, 16.04.18

 

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Der Blog hat Geburtstag

Heute ist ein besonderer Tag. Ein erster Geburtstag. Am neunten April 2017 ging mein erster Beitrag auf diesem Blog online. Das ist nun ein Jahr her. Unglaublich, wie die Zeit vergeht.

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Das schönste Thema.
Angefangen habe ich, um zu schreiben. Über Hunde zu schreiben, weil Hunde natürlich das schönste und spannendste Thema überhaupt sind. Um meine Gedanken loszuwerden, zu sortieren und einfach, weil das Schreiben mir Spaß macht. Nach einem Jahr hat meine Freude daran nicht nachgelassen. Im Gegenteil, sie ist sogar größer geworden. Und das liegt an euch. Denn würde ich ohne Leser, ohne Rückmeldung in den „leeren Raum“ schreiben – ich hätte längst wieder aufgehört.

Begeistert bin ich von meinen Bloggerkolleginnen, vom freundlichen Austausch und von eurer Hilfsbereitschaft und natürlich von euren eigenen Blogs. Ich habe so viel von euch gelernt.

An dieser Stelle könnte ich nun weiter auf das letzte Jahr zurückblicken. Fast habe ich den Eindruck, dass ich auf diesem Blog ständig zurückblicke. Deshalb möchte ich heute stattdessen mal nach vorne schauen.

Wie geht es weiter? Nun, so ähnlich wie bisher, denke ich. Ich schreibe, was mir in den Kopf kommt. Nach wie vor werde ich euch keine professionellen Ratschläge zur optimalen Hundehaltung geben können. Ich werde weiterhin versuchen, so ehrlich und nah an unserem Leben wie möglich zu berichten. Nicht jeder Text wird einen Mehrwert haben, und keiner den Anspruch auf die vollständige und einzige Wahrheit (was immer das ist). Ich hoffe sehr, dass ich trotz anstehender Masterarbeit weiterhin die Zeit haben werde, in gewohnter Regelmäßigkeit zu bloggen. Noch mehr hoffe ich, dass ihr weiterhin dabei seid, lest, kommentiert, uns begleitet. Ich freue mich wahnsinnig auf das nächste Jahr des Bloggens mit euch!

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Auf zu neuen Abenteuern!
Obwohl ich schon einige Ideen für neue Themen habe, ist noch vieles offen. Habt ihr irgendwelche Wünsche oder Vorlieben? Mehr (oder weniger) Hundegeschichten, Lustiges, Nachdenkliches, Alltag, Training, Trickanleitungen, Buchrezensionen, …? Spezielle Themenwünsche? Ich freue mich über jede Anregung!

Korrekturen in der Hundeerziehung

Das Thema dieses Beitrags ist möglicherweise ein wenig kontrovers. Es geht um Korrekturen (d.h. in diesem Fall ein Einwirken auf den Hund, das ein bestimmtes Verhalten unterbricht oder im Ansatz verhindert) in der Hundeerziehung. Erlaubt oder nicht erlaubt?

Meine Antwort auf diese Frage ist die folgende: Es kommt darauf an. Geht es um Konditionierung oder Kommunikation?

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Konditionierung bedeutet, dass ein vormals neutraler Reiz mit einem besetzten Reiz verknüpft wird. Wenn man seinem Hund etwas beibringen möchte, das er nicht von Natur aus beherrscht (z.B. sich auf ein bestimmtes Signal hinzusetzen), funktioniert das über Konditionierung. In diesem Fall ist jede Korrektur eine Korrektur zu viel! Bevor ich das weiter ausführe, möchte ich ein paar Begriffe klären.

Positve Verstärkung: Das erwünschte Verhalten wird durch Hinzufügen eines angenehmen Reizes bestärkt. Zum Beispiel gibst du deinem Hund ein Leckerchen, wenn er sich bei der Begrüßung hinsetzt, anstatt an dir hochzuspringen.

Negative Verstärkung: Das erwünschte Verhalten wird durch Wegnehmen eines unangenehmen Reizes bestärkt. Du siehst das Problem: Damit man diesen Reiz wegnehmen kann, muss er erst mal da sein. Siehe nächster Punkt.

Positive Strafe: Das unerwünschte Verhalten wird durch Hinzufügen eines unangenehmen Reizes bestraft. Zum Beispiel wirfst du einen Schlüsselbund neben deinen Hund, wenn er an dir hochspringt. Mal ganz abgesehen davon, dass es nicht nett ist, sich zu erschrecken, bringt dieses Vorgehen weitere Probleme mit sich. Denn wer sagt, dass dein Hund die unangenehme Erfahrung wirklich mit dem Hochspringen verknüpft – und nicht etwa mit der Tasche, die du in der Hand hast, oder gar mit dir selbst?

Negative Strafe: Das unerwünschte Verhalten wird durch Wegnehmen/Vorenthalten eines angenehmen Reizes bestraft. Zum Beispiel entziehst du deinem Hund deine Aufmerksamkeit, wenn er an dir hochspringt.

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In entspannter, freundlicher Atmosphäre lernt es sich am besten.
Lernen sollte immer durch eine Kombination aus positiver Verstärkung und negativer Strafe stattfinden. („Negative Strafe“ hört sich natürlich erstmal „negativ“ an – das ist vermutlich der Grund, warum dieser Begriff so selten benutzt wird, während man „positive Verstärkung“ an jeder Ecke liest.) Nur dann kann dein Hund in entspannter Atmosphäre lernen, Selbstbewusstsein entwickeln und sich selbst in das Training einbringen. Jede Korrekturmaßnahme dämpft die Motivation des Hundes und ist langfristig kontraproduktiv. Eine Ausnahme kann ein „Falschsignal“ sein, eine konditionierte negative Strafe [1]. So wie man einen sekundären Verstärker (z.B. den Klicker) trainieren kann, kann man auch ein Signal für „falsch“ konditionieren. Nach diesem Signal gibt es dann eben keine Belohnung. Es ist wie das „Kalt“ beim Topfschlagen und zeigt dem Hund, dass er noch nicht auf dem richtigen Weg ist. Das kann selbstbewussten Hunden helfen, schwierige Tricks zu lernen, ist aber nicht notwendig. Mia kennt beispielsweise eines, Kalle nicht, da er sich zu schnell verunsichern lässt. Es ist ganz wichtig, dass dieses Signal vollkommen neutral gegeben wird, um nicht in den Bereich der positiven Strafe zu kommen.

Also: Im Allgemeinen keine Korrekturen, wenn es um das Erlernen neuer Verhaltensweisen geht.

Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Das Leben besteht nicht nur aus Konditionierung. Jedes intelligente Lebewesen kann konditioniert werden, Hunde aber verfügen zusätzlich über ein hochkomplexes Sozialverhalten. Und das kommt ohne Klicker aus! Jeder Hund weiß, was es bedeutet, wenn ein anderer ihn anknurrt. Hier habe ich schon mal einen Artikel über das Knurren und seine positiven Seiten geschrieben. Das Schöne ist, dass auch wir Menschen es nutzen können. Hunde erkennen Menschen als vollwertige Sozialpartner an – und wir können in ihrer eigenen Sprache mit ihnen kommunizieren. Die menschliche Entsprechung des Knurrens bezeichne ich hier als Abbruchsignal.

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Wichtig: Manchmal wird ein Signal, das über positive Strafe in Form von Schreckreizen trainiert wurde, ebenfalls als Abbruchsignal bezeichnet. Das meine ich hier nicht! Schreckreize haben in der Hundeerziehung nichts verloren. Warum ihre Anwendung keine gute Idee ist, erklären beispielsweise Julie und Bonnie in diesem Beitrag sehr gut.

Warum brauche ich ein Abbruchsignal?

Wir leben (leider) in einer Welt, die Hunde sehr einschränkt. Sie dürfen nicht jagen, ihr Revier nicht uneingeschränkt verteidigen, nicht die läufige Hündin des Nachbarn besuchen und nicht alles fressen, was ihnen unter die Nase kommt. Irgendwie müssen wir ihnen das verständlich machen. Und das geht am schönsten und einfachsten in ihrer eigenen Sprache. Natürlich kann man jedes Mal ein Alternativverhalten trainieren. Aber wenn man dein Hund jedes Mal, wenn er unerwünschtes Verhalten zeigt, ein alternatives Signal bekommt (Hier, Sitz, etc.), hat er nie die Chance zu lernen, was er eigentlich nicht machen soll. Im Gegenteil: Wurde das Signal wirklich rein über positive Verstärkung trainiert, wirkt es selbst als sekundärer Verstärker! [1] Dein Hund wird also das Verhalten, das er in diesem Moment zeigte, mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder zeigen. Sofern die Belohnung attraktiv genug für ihn ist. Ist sie das nicht, ist er wohl eher genervt, weil du immer ausgerechnet dann rufst, wenn es gerade spannend wird…

Beispiel:

Jahrelang sprang Mia am Kaninchenzaun hoch und erschreckte die Kleinen dadurch. Jedes Mal ließ ich sie sitzen, um das zu verhindern. Gab ich das Kommando rechtzeitig, funktionierte es. War ich zu spät, sprang sie gegen den Zaun. Wenn sie saß, fand sie die Gesamtsituation ziemlich doof. Das teilte sie mir auch lautstark mit. Jahrelang war ich genervt von diesem Verhalten. Dann las ich „Wanja und die wilden Hunde“ von Maja Nowak [2]. Mir ging auf, dass ich ihr in all der Zeit kein einziges Mal mitgeteilt hatte, was ich eigentlich nicht möchte. Ich schob sie ein Mal körpersprachlich vom Zaun weg. Warnte sie noch zwei Mal mit einem Zischen, wenn sie sich wieder näherte. Seitdem ist dieses Thema erledigt. Das Schöne ist, dass ich ihr nicht vorschreibe, was sie tun muss („Sitz“). Es gibt eine bestimmte Sache, die sie aus gutem Grund nicht tun soll. Ansonsten kann sie machen, was sie möchte. Kein Frust, kein Gejammer mehr!

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Warum ein Zischen?

Einfach so. Deinem Hund ist das Geräusch vollkommen unwichtig. Da ich mittlerweile sehr vertraut mit meinen Hunden bin, benötige ich häufig gar kein Geräusch mehr. Ein Blick reicht aus. Am Anfang und in kritischen Situationen hilft ein Geräusch aber, sich zu fokussieren und die Aufmerksamkeit des Hundes auf sich zu lenken. Es sollte kein Wort sein, weil wir Wörter häufig leichtfertig gebrauchen und ins „Quasseln“ kommen. Ansonsten kannst du dir ein beliebiges Geräusch aussuchen. Ich verwende je nach Situation „Scht“, „Sssss“, „T-t-t“ oder Ähnliches.

Und was unterscheidet ein Abbruchsignal jetzt konkret von einem konditionierten Strafreiz?

Du. Auch ein Computer kann einen Hund konditionieren. Ein Abbruchsignal ist aber mehr als eine simple Reizverknüpfung. Dahinter stehst du mit deiner Überzeugung, deiner Körpersprache und Ausstrahlung. Dein Hund reagiert nicht darauf, weil er eine Strafe fürchtet, sondern weil du ihm glaubwürdig zeigst, dass er deinen Entscheidungen vertrauen kann. Das heißt, du musst selbst davon überzeugt sein, dass deine Entscheidung in diesem Moment richtig ist, und bereit sein, sie freundlich durchzusetzen. Beispielsweise durch Körpersprache oder mittels einer Schleppleine. Das Wichtige ist, dass du immer ruhig und liebevoll bist. Wirst du laut oder grob, wirkst du nicht kompetent. Du erkennst den Unterschied an der Körpersprache des Hundes: Während er auf Strafreize bzw. Zurechtweisung ängstlich beschwichtigend reagiert, bleibt seine Körperhaltung bei einem richtig gegebenen Abbruchsignal entspannt neutral.

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Gerade habe ich Futter geworfen und ihm durch einen Blick mitgeteilt, dass er nicht hinterherlaufen darf. Seine Körperhaltung bleibt aufrecht und locker.
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Zum Vergleich: Hier hat er sich gerade erschreckt, weil er gegen den Ast gestoßen ist und dieser sich bewegt hat. Seine Körpersprache ist ganz anders als oben: Er weicht zurück, dreht sich weg und duckt den Hinterkörper ab.
Weil man den Ablauf auf dem Bild natürlich nicht sieht, kannst du dir das (leider etwas verwackelte) Video vom Futter-Werfen auf Instagram anschauen. Die Leckerchen, die er nicht nimmt, habe ich durch einen Blick und Körpersprache zum Tabu erklärt. Kalle zeigt kein Beschwichtigungsverhalten. Würde ich Beschwichtigungssignale bemerken, wüsste ich, dass ich etwas falsch gemacht habe.

Muss ich dafür eine Führungspersönlichkeit sein?

Nein. Das weiß ich, weil ich selbst kein besonders selbstsicherer Mensch bin. Ich kann es trotzdem. Und dann kannst du es schon lange. Natürlich schadet ein bisschen Selbstbewusstsein nicht. Aber wenn du überzeugt bist, dass das, was du erreichen möchtest, das Beste für deinen Hund ist, kommt das von alleine.

Beispiel:

Oben hatte ich das Anspringen erwähnt. Hier würde ich kein Abbruchsignal verwenden. Einfach weil mir der Anlass nicht wichtig genug ist. Zwar möchte ich keine schmutzige Kleidung haben – aber dann ist er doch so süß und freut sich so und eigentlich meine ich es gar nicht so ernst. Wen stören schon ein paar Pfotenabdrücke? Ich löse das Problem, indem ich mich direkt auf den Boden setze. Dann muss er mich gar nicht erst anspringen.

Also ist das so eine Art Wundermittel und alle Probleme erledigen sich von selbst?

Obwohl in Fernsehsendungen manchmal dieser Anschein erweckt wird, ist es wohl nicht überraschend, dass dem nicht so ist. Ein Hund mit starkem Jagdtrieb wird das Jagen nicht lassen, nur weil du ihm ein paar Mal mitteilst, dass er es nicht soll. Du wirst trotzdem trainieren müssen und aufmerksam bleiben, wenn du ihn von der Leine lässt. Instinkte und tief verankerte Gewohnheiten lassen sich nicht einfach abgewöhnen. Auch heute noch muss ich Kalle bei jedem Pferdeapfel von Neuem erklären, dass er nicht in den Mund gehört. Und wenn er einen Feldhasen sieht, bin ich froh, dass er an der Schleppleine ist.

Beispiel:

Eines von Kalles Hauptproblemen sind bekanntlich Hundebegegnungen. Durch ein sanftes „Sch“ im richtigen Moment und Bogenlaufen sind Begegnungen an der Leine kein Problem mehr. Der Bogen ist hier übrigens entscheidend: Kalle hat ein Recht auf den Abstand, den er braucht. Würde ich ihm das verwehren, könnte ich nicht erwarten, dass er meiner Entscheidung vertraut. Ist der Weg zu schmal, bringe ich ihn so weit wie möglich an den Rand und stelle mich vor ihn, um ihn zu schützen. Ist der andere Hund nicht angeleint, verbiete ich Kalle das Bellen/Knurren nicht, wenn ich nicht sicher bin, dass ich den anderen selbst fernhalten kann. Wenn ich den Ablauf der Begegnung bestimmen möchte, muss ich dafür sorgen, dass Kalles Bedürfnisse durch mein Handeln erfüllt werden.

So viel zu diesem Thema von meiner Seite. Neben meinen Erfahrungen stammt das eingeflossene Wissen aus diversen Büchern, die du teilweise unten und vollständig in der Literaturliste findest. Wie denkst du darüber?

 

Literatur

[1] Theby, Viviane: Die Hunde-Uni, Kynos, 2008

[2] Nowak, Maike Maja: Wanja und die wilden Hunde, Goldmann, 2012

[3] Löckenhoff, Ursula: Dogwalk, Kosmos, 2017

 

März in Kürze

Zwölftelblick:

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Gute Tat des Monats: Netten Hund vor Kalle beschützt. Kalle vor weniger nettem Hund beschützt. Eigentlich nicht wirklich gute Taten, sondern selbstverständlich. Mir fällt aber nichts Besseres ein. Komisch, für die böse Tat weiß ich immer sofort etwas, bei der guten muss ich meistens länger überlegen…

Böse Tat des Monats: Ohne die Hunde weg gewesen. Schon wieder. Kalle, der die Aufbruchsstimmung registriert, an mir klebt, sich riesig freut, dass ich ihn mitnehme. Dann setze ich ihn bei meiner Mutter ab und fahre ohne ihn weiter. Der Blick, mit dem er mir nachschaut. Furchtbar schlechtes Gewissen. Natürlich fühlt er sich wohl bei meiner Mutter. Aber er mag es gar nicht, dass seine Klientin ohne ihn auf Mission geht.

Rätsel des Monats: Warum hat der Tag eigentlich nicht mehr Stunden?

Erkenntnis des Monats: Manchmal reagiert sie nicht, wenn man sie anspricht. Manchmal wacht sie nicht auf, wenn wir spazieren gehen wollen. Ich habe Mühe, sie zu wecken. Manchmal bleibt sie trotzdem lieber liegen. Mia wird alt. Es macht mich traurig.

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Dummheit des Monats: Einmal nicht aufgepasst. Kalle beim Füttern versehentlich freigegeben, nachdem er sich heimlich einen Schritt von der Stelle, an der er warten sollte, weg bewegt hat. Hatte er seit Jahren nicht mehr versucht. Nun diskutiert er jeden Abend mit mir um diesen Schritt. Testet, ob ich merke, wenn er sich bewegt. Abend für Abend schicke ich ihn zurück und versuche, Geduld zu haben. Schließlich glaubt er, unser Leben hänge von meiner Kompetenz ab. (Gut, dass es das nicht wirklich tut, sonst wären wir sicher schon mehrfach gestorben.) Wie könnte ich es auch schaffen, uns vor mörderischen Joggern zu schützen, wenn ich nicht einmal den Überblick über die korrekte Futterwartestelle behalten kann?

Verrücktheit des Monats: Die drei Stufen des Wahnsinns:

  1. Mit dem Hund reden.
  2. Mit dem Kaninchen reden.
  3. Mit der Spinne reden.

Ich beim Putzen: „Keine Angst, ich möchte dir nichts tun. Schau mal, dein Netz ist doch ganz verstaubt, damit fängst du doch gar nicht mehr gut. Ich mache es weg und du baust dir ein schönes neues, ja?“

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Begegnung des Monats: Eine virtuelle Begegnung, nämlich mit Pinterest. Nach dem Beitrag von The Pell-Mell Pack darüber habe ich mir fest vorgenommen, mir einen Account zu erstellen. Auch wenn ich während Stephies Challenge leider auf Retreat war und keine Zeit hatte. Jetzt über die Osterfeiertage kümmere ich mich endlich darum. Macht mehr Spaß, als ich gedacht hatte.

Glücksmoment des Monats: Zum ersten Mal in diesem Jahr draußen in der warmen Sonne sitzen.

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Frohe Ostern!

Die doppelte Portion Glück oder Mussten es wirklich gleich zwei sein?

Zweithund, eine gute Idee? Diese Frage stellt Julia von miDoggy diesen Monat zur Blogparade.

Mussten es wirklich gleich zwei sein? Das frage ich mich durchaus manchmal. Besonders, wenn ich mit zwei Hunden (von denen einer altersbedingte Gelenkprobleme  hat und nicht viele Treppen laufen sollte und der andere ängstlich ist und eine ruhige Umgebung braucht) in Frankfurt eine Wohnung suche. Wenn ich mich frage, wie ich Hundehaltung und Uni in Zukunft vereinbaren soll. Einen Hund könnte ich mit zur Uni nehmen. Aber zwei? Manchmal kommt es mir heute so vor, als sei die Entscheidung für Kalle nicht besonders durchdacht gewesen. Doch das war sie eigentlich.

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Die Voraussetzungen für einen Zweithund waren lehrbuchmäßig erfüllt. Der Ersthund mit acht Jahren gefestigt, sozialverträglich, nicht perfekt, aber vollkommen alltagstauglich erzogen. Level 1 der Hundeerziehung completed, Zeit für Level 2. Während Mia bewusst als einfacher Anfängerhund ausgesucht wurde, durfte es jetzt ein Hund „mit Vergangenheit“ sein. Ein Rüde, ähnliche Größe und Statur. Laufbedürfnis und Temperament sollten zusammen passen. Das heißt ein sportlicher Hund, der gerne unterwegs ist, aber zuhause zur Ruhe kommt und sie nicht ununterbrochen nervt. Sensibel sollte er sein, Trampeligkeit mag sie gar nicht. Kalle erfüllt all das. Die beiden verstehen sich gut, es gibt keinerlei Streitigkeiten zwischen ihnen.

An dieser Stelle ein kurzer Einschub:

Über Gleichberechtigung zwischen Hund und Mensch habe ich ja bereits geschrieben. Aber was ist eigentlich mit den Hunden untereinander? Das Lehrbuch sagt, dass ich einen Hund bevorzugen muss, um sie oder ihn als Ranghöchsten zu bestärken. Das wirft direkt zwei Fragen auf.

Erstens: Welchen?

Mia, weil sie älter, eine Hündin und selbstbewusster ist?

Kalle, weil er immer vorne steht, wenn sie auf ihr Futter warten, sie ohne Protest ihrerseits aus meiner Nähe verdrängen kann und über jede ihrer Markierungen seinerseits markiert (und umgekehrt nie)?

Zweitens: Möchte ich das?

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Die Antwort auf die erste Frage kenne ich nicht. Sie interessiert mich auch nicht. Die Antwort auf die zweite Frage lautet nämlich Nein. Ich behandele meine Hunde gleichberechtigt. Dadurch haben sie keinen erkennbaren Schaden genommen. Es gibt auch keine Konflikte zwischen ihnen. Das mag am großen Altersunterschied liegen, am verschiedenen Geschlecht der beiden oder einfach daran, dass sie bislang nicht so viel Interesse an der Weltherrschaft gezeigt haben, wie ihnen gerne unterstellt wird.

Ich behandele sie nicht gleich. Kalle braucht mehr Nähe, mehr Sicherheit, einen engeren Rahmen. Mia benötigt einen gewissen Freiraum. Aber ich bevorzuge keinen allgemein, versuche keine Rangordnung durchzusetzen. Stattdessen belohne ich rücksichtsvolles, „faires“ Verhalten. Wer dem anderen Futter oder Spielzeug überlässt, bekommt etwas Neues. Es gibt genügend Liegeplätze für alle, und ich kann zwei Hunde gleichzeitig kuscheln. So entstehen Konflikte gar nicht erst. Damit ist das Zusammenleben der beiden sehr harmonisch.

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Trotzdem gibt es zwei Punkte, die ich mir anders vorgestellt hatte:

  1. Beschäftigung der Hunde miteinander. Das stellt man sich ja so vor. Dann spielen die beiden schön, kuscheln vielleicht ein bisschen und ich muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mal weniger Zeit habe. Nix da. Gespielt wird genau dann, wenn ich beide dazu auffordere und das Spiel aktiv am Laufen halte. Von sich aus kommen sie nie auf die Idee zu spielen. Und kuscheln miteinander sowieso nicht. Da bin nur ich gefragt. Menschen sind einfach besser im Bauchikraulen, schätze ich.
  2. Hundebegegnungen. So ein verträglicher Ersthund ist nur bedingt nützlich bei der Sozialisierung des Zweithundes. Der ist nämlich möglicherweise viel zu sehr beschäftigt, sein Vorbild eifersüchtig zu verteidigen, als dass er sich irgendwelches Verhalten abschauen würde. Seit Kalles Einzug ist zudem Mias Interesse an anderen Hunden stark gesunken. Keiner von beiden legt Wert auf Kontakte zu anderen. Wozu auch, man hat ja einander.

Ein Zweithund bedeutet mehr Arbeit und komplizierteres Planen. Für zwei Hunde braucht man die doppelte Zeit, die doppelte Aufmerksamkeit. Man muss sich mit Hundeverhalten auseinandersetzen, Verantwortung übernehmen, weil sonst die Hunde das tun und zwangsläufig überfordert sind. Ist man dazu bereit, ist das Zusammenleben mit zwei Hunden wunderschön. Ein Hund bedeutet Glück. Und ein zweiter Hund verdoppelt das Glück.

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Es gibt noch eine Frage, die sich hin und wieder in meinen Kopf schleicht. Die ich verdränge, weil ich nicht darüber nachdenken möchte. Mia ist dreizehn. Was wird, wenn sie einmal nicht mehr bei uns ist? Wird es wieder einen Zweithund geben? Ich bin optimistisch und nehme an, dass das noch eine ganze Weile hin ist. Dass ich bis dahin eine fest Arbeitsstelle und eine Wohnung habe. Wenn ich Glück habe, sind bei beidem auch zwei Hunde erlaubt. Wird Kalle sich auf eine andere Hündin einlassen? Die Voraussetzung des Gefestigtseins wird er nie erfüllen, dazu sitzt seine Angst zu tief. Er wird immer viel Aufmerksamkeit und Anleitung benötigen. Wäre es verantwortungslos, dann einen neuen Hund dazuzunehmen? Oder wäre es verantwortungslos, ihn ohne Hundegesellschaft zu lassen? Ein Hund braucht doch Sozialkontakte und auf Spaziergängen lässt er niemanden an sich heran. Auf diese Fragen habe ich bislang keine Antwort. Ich hoffe einfach, dass bis dahin noch viel Zeit ist. Und dass sich dann alles finden wird.

Friedhof der Kuscheltiere

DER NACHFOLGENDE BEITRAG IST FÜR KINDER UND JUGENDLICHE UNTER 16 JAHREN NICHT GEEIGNET. ER ENTHÄLT ANSCHAULICHE BESCHREIBUNGEN BRUTALER KUSCHELTIERMORDE UND ERSCHRECKENDES BILDMATERIAL. EMOTIONAL INSTABILE PERSONEN UND MENSCHEN, DIE KEINE FÜLLWATTE SEHEN KÖNNEN, SOLLTEN VON DER LEKTÜRE ABSTAND NEHMEN. IHR WURDET GEWARNT.

Der größte und unheimlichste Schrecken ist, wenn dir Vertrautes plötzlich fremd ist. Wenn der, den du zu kennen glaubtest, seine dunkle Seite offenbart. Wenn dein bester Freund zum Mörder wird. Wenn du plötzlich Angst vor deinem eigenen Hund hast.

Er beginnt mit den Ohren. Fein säuberlich trennt er sie vom Kopf ab. Eine gerade Linie, wie mit einem Lineal gezogen, jeder Biss präzise gesetzt.

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Präzisionsarbeit.
Danach kommen die Augen. Sorgfältig werden sie aus den Höhlen gebissen. Energisches Reißen, wenn ein Auge sich weigert, seinen angestammten Platz zu verlassen. Zurück bleiben blinde Höhlen und einsame Augäpfel, die blicklos starrend über den Boden rollen.

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Blicklos.
Nun widmet er sich der Nase. Rasiermesserscharfe Zähne entfernen sie restlos aus dem Gesicht. Sofern man die mit klaffenden Löchern versehene Kraterlandschaft noch als Gesicht bezeichnen kann.

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Gesichtslos.
Es folgt die Enthauptung. Gerne würde ich behaupten, dass es wenigstens schnell geht, aber das wäre gelogen. Das Trennen von Kopf und Rumpf ist Millimeterarbeit, durchgeführt mit kalter Genauigkeit und schrecklicher Geduld.

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Kopflos.
Schließlich reißt er die Eingeweide heraus. Er verteilt die Innereien großflächig über den Boden. Nach getaner Arbeit erlischt sein Interesse und er wendet sich gleichgültig anderen Dingen zu.

Was mich am meisten schockiert, sind nicht die Morde selbst. Es ist die mathematische Präzision, die erschreckende Effizienz seines Vorgehens. Denn dies zeigt: Wir haben es hier nicht emotionsgesteuerten Affekthandlungen zu tun. Der Hund ist ein eiskalter Profi.

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Eiskalt.
Einst habe ich hier geschrieben, mein Hund sei ungefährlich. Diese Aussage muss ich nun korrigieren. Mein Hund ist für Lebewesen ungefährlich. Als Kuscheltier aber sollte man ihm nicht in die Quere kommen. Und als Socken… Aber das ist noch mal eine andere Geschichte.

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Besiegt.

Seltsames

Frauchens Stimme reißt mich aus meinem Schlummer: „Hallo.“ Das ist eines unserer Codewörter. Es bedeutet: Fremde auf unserem Revier. Sofort bin ich hellwach. Alarmbellen und gesträubtes Fell. Ich schieße in den Flur, komme schlitternd zum Stehen und schaue mich hektisch um. Wo ist der Eindringling? Frauchen sieht mich stirnrunzelnd an und bedeutet mir, still zu sein. „Entschuldigung, der Hund hat gerade irgendetwas gehört.“ Offenbar spricht sie nicht mit mir. Mittlerweile habe ich die Luft geprüft und bin mir sicher, dass sonst niemand da ist. Ist Frauchen verrückt geworden? Sie redet mit dem Plastik-und-Metall-Ding in ihrer Hand! Verwirrt knurre ich und lehne mich an ihr Bein. Dann antwortet das Ding. Seine Stimme klingt menschlich, aber nicht ganz. Äußerst verwirrend das Ganze. Ich schaue zu Frauchen auf, die beruhigend lächelt. Es scheint keine Gefahr zu bestehen. Ratlos gehe ich wieder schlafen.

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Frauchen tut seltsame Dinge. Einen großen Teil ihrer Zeit verbringt sie mit etwas, das sie „Lernen“ nennt. Dabei starrt sie auf platte Dinger, die entfernt nach Holz riechen, aber doch nicht ganz. Da ich selbst gerne lerne, habe ich das mal ausprobiert. Ich habe so lange und intensiv gestarrt, wie ich konnte. Und habe ich etwas gelernt? Nicht die Bohne! Trotz der offensichtlichen Aussichtslosigkeit lässt sie sich nicht von ihren Lernversuchen abbringen und starrt unermüdlich weiter. Mir ist das ganz recht, denn dabei hat sie die Hände frei! Das bedeutet, sie kann meinen Bauch kraulen. Nebeneinander auf dem Sofa liegen und schmusen, gibt es etwas Schöneres?

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Na ja, eine Sache gibt es, die mindestens genauso schön ist: Essen. Und dabei ist Frauchen erst recht seltsam. Rinderkopfhaut, Kamelpansen und Hühnerfüße werden von ihr genauso verschmäht wie Pferdeäpfel und verweste Regenwürmer (meine persönlichen Lieblingsspeisen). Sie rührt tatsächlich keine Art von Fleisch an. Aus ethischen Gründen, sagt sie.1 Stattdessen isst sie so merkwürdige Dinge wie Tofu und Seitan. (Einmal hat sie mir etwas davon angeboten. Es erinnerte mich an die Gummimatte, die ich in meiner Jugend einmal halb verspeist habe…) Ich sehe es positiv: Sie macht mir nie mein Futter streitig!

Was ich ganz und gar nicht positiv sehe, ist ihre Vorliebe für unappetitliche Gerüche. Einmal habe ich mich an ihr nacktes Bein gelehnt (meine Klientin kann ihr Fell ablegen – eine weitere Merkwürdigkeit) und genoss die kraulende Hand an meinem Ohr. Dann nahm ich den Geruch wahr. Sie hatte übelriechende Schmiere auf ihren Beinen verteilt! (Frangipani-Duft, sagt sie. Keine Ahnung, was das ist, aber es klingt giftig.) Ihr könnt euch mein Gesicht vorstellen, als ich merkte, dass ich das Zeug nun ebenfalls an meinem Fell hatte. Menschen können so eklig sein…

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Und sonst? Es gäbe noch viel Seltsames zu berichten. Wie sie lärmend mit dem Rüssel-Ding durch die Zimmer zieht. Wie sie zu ihrem Vergnügen Futter in das Gummi-mit-Loch-Ding stopft, sodass ich mich dann abmühen muss, um es wieder heraus zu bekommen. Wie sie… eben alle diese unsinnigen Menschen-Dinge tut, die kein vernünftiger Hund je tun würde. Aber lassen wir das. Wir wollen sie ja nicht zu sehr in Verlegenheit bringen.

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1Tische können bei der Nahrungsbeschaffung ein ernstes Problem darstellen. Während Essbares auf dem Sofatisch noch recht gut zu erreichen ist, sieht das beim Küchentisch schon anders aus. Und dieser Etisch muss wirklich ungeheuer hoch sein, wenn sogar Frauchen ihn nicht überwinden kann…