Patricia McConnell: Will sei Dank

Bereits seit Längerem versprochen, kommt hier endlich mein Artikel zu dem neuen Buch meiner Lieblingshundebuchautorin Patricia McConnell (The Other End of the Leash). „Will sei Dank“ („The Education of Will“) sind die Memoiren einer besonderen Frau mit einem besonderen Hund.

Patricia McConnel ist professionelle Hundetrainerin und promovierte Verhaltensbiologin, hat langjährige Erfahrung mit schwierigen, insbesondere aggressiven Hunden. Will ist ein sorgsam ausgewählter Bordercollie aus einer hervorragenden Arbeitslinie, der als Welpe bei ihr einzieht. Er bringt sie an den Rand der Verzweiflung. So nahe, dass sie kurz davor ist, ihn abzugeben. Sie tut es nicht, sondern kämpft für ihn und sich, gegen seine Ängste und ihre eigenen. Darum geht es in diesem Buch. Es ist ein Buch über Traumata bei Mensch und Hund. Und deren Überwindung.

IMG_20170722_161717[1]

„Ich kann sein Gesicht, das er in diesem Moment zeigte, nicht anders als mit dem Wort „verrückt“ beschreiben. Er sah so wütend und böse aus, als sei er geradezu besessen. Und doch war dies der gleiche Hund wie der, dessen Gesicht so weich und liebevoll sein konnte, dass ich manchmal meine gerade aktuelle Beschäftigung unterbrechen, mich zu ihm herunterbeugen und meinen Kopf an seinen lehnen musste.“

Kommt uns das irgendwie bekannt vor, Kalle? Was ich beim Lesen immer wieder dachte: Will ist wie Kalle. Nur noch extremer. Ein Extremkalle. Auf der einen Seite wahnsinnig liebevoll, anhänglich, verschmust, gehorsam. Auf der anderen Seite ängstlich, ungeheuer schreckhaft und manchmal (ausgelöst durch andere Hunde) hemmungslos wütend. Patricia McConnell beschreibt es so, dass das Gehirn durch ein Trauma in einen Zustand ständiger Alarmbereitschaft gebracht wird, sodass es alle Reize als potentielle Gefahr deutet. Dass Kalle immer in einer Agentengeschichte zu leben scheint, ist dann womöglich ein Zeichen eines solchen Traumas.

IMG_20170804_152627[1]

Jetzt wollte ich aber eigentlich nicht über Kalle schreiben, sondern über das Buch. Also hier mein Eindruck:

Daten:

Titel: Will sei Dank. Memoiren einer Frau mit Hund

Originaltitel: The Education of Will. A mutual memoir of a woman and her dog.

Verlag (deutsche Ausgabe): Kynos

Erscheinungsjahr: 2017

Aufbau:

Das Buch erzählt zwei Geschichten. Einmal die von Will, seinem Training, seinen Fortschritten und manchmal auch Rückschritten. Und die von Patricia McConnell, ihren eigenen traumatischen Erfahrungen, über die sie sehr offen schreibt, und ihrer eigenen Therapie. Diese beiden Stränge wechseln sich in den Kapiteln ab. Zwischendurch gibt es Anekdoten aus ihrem Berufsalltag als Problemhundetrainerin.

Das hat mir gut gefallen:

Ich liebe Patricia McConnels Schreibstil. Da könnte sie auch ein Buch über Steckrübenanbau schreiben, das würde ich trotzdem lesen. Dieses Buch hat mich berührt, weil es uns so sehr betrifft, weil ich Kalle in so vielem wiedererkenne. Ich bewundere ihre Offenheit und Ehrlichkeit im Hinblick auf ihre Vergangenheit und ihre eigenen Ängste. Sie steht zu ihren Entscheidungen, obwohl sie auf ihrem Blog stark dafür kritisiert wurde, insbesondere zu der Abgabe zweier Hunde, die sie nacheinander als Zweithund zu Will geholt hatte, die sich im Zusammenleben mit ihm aber nicht wohlfühlten und umgekehrt. Und ich bewundere den Mut, mit dem sie gegen ihre eigenen Ängste ankämpft, um das Leben für sich selbst und Will besser zu machen.

Das hat mir weniger gut gefallen:

Einige Passagen sind mehr oder weniger wörtlich aus vorangegangenen Büchern übernommen. Das ist ein bisschen schade, besonders wenn man diese ohnehin schon so oft gelesen hat, dass man sie abschnittsweise auswendig kennt. 🙂

Das habe ich gelernt:

Auch professionelle Hundetrainer sind Menschen. (Überraschung!) Auch wenn man Hundetraining technisch perfekt beherrscht, wird man von seinen eigenen Ängsten beeinflusst und gehindert. Das ist ein Stück beruhigend, dass es auch Profis so ergehen kann. Aber wenn man nicht aufgibt, kann man gegen Ängste ankommen.

Kalle hat möglicherweise ein Trauma erlebt. Da er natürlich nicht darüber sprechen kann, bleibt nur ein verhaltenstherapeutischer Ansatz. Im Grunde das, was wir ohnehin schon tun. Ich werde dabeibleiben und weiterhin Geduld und Verständnis für ihn haben.

IMG_20170807_143425[1]

Ein anderer Aspekt ist das Verurteilen von Hundebesitzern. Weil ihr Hund Probleme hat. Weil sie ihren Hund aus irgendwelchen Gründen abgeben müssen. Wie schnell ist man dabei, ihnen Schuld zuzuschreiben! Ich kann für Kalles Probleme leicht Erklärungen finden, die in seiner schlimmen Vergangenheit liegen müssen. Aber auch gut sozialisierte Welpen vom Züchter können Probleme bereiten, ohne dass daran notwendigerweise der Besitzer schuld ist. Und auch wenn man einen Zweithund noch so sorgfältig auswählt, können sich die Dinge anders entwickeln als vorhergesehen. Verständnis und Mitgefühl sind oft viel eher angebracht als Schuldzuweisungen.

Fazit:

Ein tolles Buch, aus dem ich einiges mitgenommen habe. Für alle, die einen traumatisierten Hund haben, die mehr über Traumata erfahren wollen, die Patricia McConnell besser kennen lernen wollen oder einfach gut geschriebene Bücher mögen.