Juni in Kürze

Gute Tat des Monats: Schnecken aus Pfützen gerettet. Warum kriecht man dort hinein? Kann man sich nicht denken, dass man ertrinkt? Kann man überhaupt denken als Schnecke? Ist man so langsam, dass man von der Sturmflut der anschwellenden Pfütze überrascht wird?

Böse Tat des Monats: Bei Hitze Kalle einen Essensbrocken zugeworfen. Zu kurz geworfen. Es stürzte den armen Hund in einen tiefen inneren Konflikt: Steht man auf, um sich das Futter zu holen? Glücklicherweise nahm die Geschichte einen guten Ausgang. Er streckte sich gaaanz weit, machte die Zunge gaaanz lang – und konnte das Aufstehen bei Futteraufnahme vermeiden.

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Rätsel des Monats: Impfe ich gegen Leptospirose oder nicht? Je mehr ich mich informiere, desto unsicherer werde ich. Sollte es nicht eigentlich umgekehrt sein?

Erkenntnis des Monats: Der Trick „auf den Rücken springen“ ist besser für eine Kombination aus kleinerem Hund und größerem Menschen geeignet. Der Hund sollte keine Neigung zum Kopfklettern besitzen. Der Mensch keine Neigung zu Lachanfällen. Beide sollten mit einem besseren Gleichgewichtssinn ausgestattet sein.

Dummheit des Monats: Ganz dummer Fehler in einem Massenplot. Hat mich wochenlange Arbeit gekostet. Zeit ist nicht verschwendet, wenn man etwas gelernt hat. Sage ich mir immer wieder.

Verrücktheit des Monats: Hundekot ist ein echtes Problem. Viele Gemeinden reagieren da vorbildlich. Sie stellen Mülleimer und Kotbeutelspender auf, die rücksichtsvolle Hundebesitzer gerne benutzen. Unsere Gemeinde hat da eine andere Lösung. Es gibt keine Beutelspender und genau zwei Mülleimer. Die stehen jeweils neben einer Bank und quellen über vor Kotbeuteln. Was das Sitzvergnügen auf diesen Bänken deutlich schmälert. Sicher fehlt da das Geld. Das wurde anderweitig äußerst sinnvoll investiert. Diesen Monat war es soweit: Wir gerieten in eine der gefürchteten Kotbeutelkontrollen. Durchgeführt von zwei höchst motivierte Polizisten, die sich samstags abends (!) sicher keine schönere Beschäftigung vorstellen konnten. Kotbeutel dabei zu haben ist ja schon mal ein Anfang. Der zweite Schritt wäre, sie auch zu benutzen. Was wenig Spaß bringt, wenn es keine Möglichkeit zur Entsorgung gibt.

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Buch des Monats: Es war mein Glücksmonat. Zwei neue Bücher meiner beiden Lieblingsautorinnen. Das eine ist „Grey“ von Leonie Swann: Augustus Huff ist Dozent an der Universität von Cambridge. Einer seiner Studenten stürzt in den Tod und hinterlässt Huff eine Menge Unordnung und einen Graupapagei namens Grey. Huff verabscheut Unordnung. Gemeinsam mit Grey beginnt er, den Todesfall – im wahrsten Wortsinn – aufzuklären. Nach den Schafen von Glennkill hatte ich hohe Erwartungen an dieses Buch. Sie wurden nicht enttäuscht. Das zweite Buch ist „Will sei Dank“ von Patricia McConnel. Dazu habe ich einiges zu schreiben. Es wird einen eigenen Artikel geben.

Begegnung des Monats: Mit Kalle Fahrrad gefahren. Fremder Hund kam auf uns zu, ohne Leine. Abgestiegen, sich neben Kalle aufgebaut, den anderen warnend angeschaut. Er bleib stehen. Machte dann probeweise noch ein paar Schritte in unsere Richtung. Kalle angeschaut: sein Part. Er hob leise grollend die Lefzen, schaffte es ruhig zu bleiben, keine Hysterie dieses Mal. Fremder Hund beeindruckt, machte einen Bogen um uns. Perfekt, Kleiner. Dann der Besitzer. Auf meinen Gruß ein giftiges: „Hab den Hund nicht gesehen!“ „Kein Problem, ist doch alles gut gegangen.“ Erst irritiert gewesen: Wäre ein „Guten Morgen“ zu viel verlangt? Doch eigentlich war er wie Kalle: Sicher greift mich jemand an, da wehre ich mich gleich mal vorsichtshalber.

Glücksmoment des Monats: Den ersten Kirschbaum mit reifen Früchten entdeckt. Eine der wenigen Speisen, für die wir die Begeisterung teilen. Eine für dich, eine für dich, eine für mich. Mit kirschgefüllten Bäuchen im Gras gesessen. Sommer.

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Ein Hund und die Schule 3 – Spielgruppe

Im Vergleich zu Hundebegegnungen draußen haben Spielgruppen entscheidende Vorteile. Wenn ich keine Leine in der Hand halte, die mich mit Kalle verbindet, muss er selbst diese Verbindung halten. Ich kann weggehen, ohne dass er versucht, mich in die entgegengesetzte Richtung zu zerren. Dann muss er mitkommen. Mich alleine gehen zu lassen, kommt für ihn nicht in Frage. Durch die höhere Anzahl an Hunden sinkt die Aufmerksamkeit, die einzelne Artgenossen auf ihn richten. Außerdem habe ich die Gewissheit, dass ich Konflikte unter den Hunden nicht alleine lösen muss, da die anwesenden Trainerinnen ein Auge auf alle haben.

Trotzdem waren die ersten Stunden recht anstrengend. Ich musste praktisch ständig in Bewegung bleiben (natürlich immer mit vierbeinigem Anhang), Bögen und Schleifen laufen, um Frontalbegegnungen aus dem Weg zu gehen und spielenden Hunden auszuweichen. Blieb ich stehen, nutzte Kalle meinen Standort als Ausgangspunkt für Ausfälle gegenüber jedem Hund, der in die Nähe unserer imaginären Festung kam.

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Bei Hundebegegnungen komme ich nicht zum Fotografieren. Daher an dieser Stelle ein paar Frisbee-Bilder.

Aber es wurde besser. Kontakt wollte Kalle noch immer nicht, spielen erst recht nicht. Jeder, der ihn beschnüffeln wollte, bekam eins auf den Deckel. Doch er entspannte sich zusehends. Andere durften an ihm vorbeilaufen, ohne dass es zu Explosionen kam. Die ersten Minuten einer Stunde musste ich weiterhin kreiseln. Aber sobald sich der erste Trubel gelegt hatte, konnte ich mich hinsetzen und Kalle legte sich ruhig neben mich. Auch ich wurde entspannter. Irgendwann hatte ich angefangen, die anderen Hunde mit Kalles Augen zu sehen und als Bedrohung wahrzunehmen. Doch das waren sie nicht. Sie waren einfach Hunde. Und ich liebe Hunde!

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Ich begann, Kontakt zu anderen Hunden aufzunehmen, hier einen freundlichen Blick auszutauschen, dort ein Ohr zu kraulen. Kalle ließ mich gewähren, obwohl er immer ein wachsames Auge darauf hatte, was sich fremde Hunde bei mir erlauben durften und was nicht. Wer mich anspringen wollte, wurde verjagt. Ich hatte die Hoffnung, dass Kalle ebenfalls irgendwann Kontakt zulassen würde, möglicherweise sogar Freunde finden würde. Leider vergeblich. Auch nach über einem Jahr blieb er auf Abstand und beobachtete nur.

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Auch ich beobachtete. Und ich lernte von den Hunden, was ich von Menschen nicht gelernt hatte. Wenn ein Hund einen Konflikt zwischen zwei anderen lösen will, ruft er nicht „Sitz“ und hofft, dass die beiden ihren sich anbahnenden Streit unterbrechen. Schon gar nicht brüllt er „Nein!!!“ oder schimpft. Er versucht nicht, sie durch Futter voneinander abzulenken. Sondern er stellt sich dazwischen und und schaut sie fest an. Ist er willensstark und souverän, lassen die anderen voneinander ab und wenden sich anderen Dingen zu, ohne dass er aktiv etwas tun muss. Ich versuche, das nachzuahmen, und fühle mich lächerlich. Es sieht ganz sicher albern aus. Aber erstaunlicherweise funktioniert es häufig. Wenn heute auf Spaziergängen freilaufende Hunde auf uns zu kommen, genügt meistens ein Schritt auf sie zu in Verbindung mit diesem Blick, um sie auf Abstand zu halten. (Manchmal allerdings auch nicht.) Auch Kalle gebe ich so zu verstehen, dass er sich zurückhalten soll. Ich fordere kein bestimmtes Verhalten mehr (wie Sitz), sondern lasse ihn selbst eine Alternative finden, mit der er sich wohlfühlt. Manchmal ist das tatsächlich Sitz (wenn der Raum begrenzt ist), häufiger jedoch betont langsames Bogenlaufen und am Boden schnüffeln, das dem anderen zeigt, dass kein Kontakt gewünscht ist. Für dieses Verhalten lob ich ihn verbal.

Das Anzeigen fremder Hunde auf Entfernung belohne ich mit Futter. In der Situation selbst jedoch lasse ich die Leckerchen in der Tasche, damit wir uns auf die zwischenhundliche Kommunikation konzentrieren können. Hin und wieder versucht Kalle, sich knurrend an mir vorbei zu schieben und den anderen zu provozieren. Dann schiebe ich einfach zurück. Und zwar so lange, bis das Knurren aufhört.

Bleiben die Situationen, in denen der fremde Hund trotz meiner Bitte nicht auf Abstand bleibt. Ist er jung und übermütig, lasse ich Kalle nun eine Ansage machen. Dazu genügt ein kleiner Schritt zur Seite. Kalle stemmt sich dann in die Leine und knurrt, als gelte es, mein Leben gegen einen Grizzly zu verteidigen. Meist ist der andere Hund fasziniert von dieser Darbietung, hütet sich jedoch, sich in Zahnreichweite zu begeben. Da Kalle sich schnell in so etwas hineinsteigert, unterbreche ich ihn gleich wieder mit „Das reicht.“, schiebe ihn wieder zurück und gehe mit ihm weiter. Ist der andere Hund jedoch selbst unsicher und hält uns für eine Bedrohung oder ist auf Ärger aus, lasse ich Kalle hinter mir, kniee mich auf den Boden, halte ihn mit einer Hand am Geschirr fest. Dann rufe ich den anderen Hund zu mir. Kommt er nicht bis zu mir, ist alles gut. Kommt er doch, lobe ich ihn freundlich, halte ihn vorsichtig fest und achte dabei darauf, dass ich immer zwischen den Hunden bleibe. Ich erzähle beiden Hunden, wie absolut großartig sie sind, und halte sie beide auf Armlänge auseinander. Dann warte ich, bis der Besitzer seinen Hund abholt. Dieses Vorgehen ist vielleicht nicht optimal, aber das beste und konfliktärmste, das mir einfällt.

Und mit diesem Zustand können wir sehr gut leben.

Ein Hund und die Schule 2 – Einzelstunden

Also machte ich mich auf die Suche. Eine Hundeschule, die erreichbar war und eine gut geführte Spielgruppe für erwachsene Hunde anbot. Schließlich fand ich eine. Voraussetzung für die Teilnahme an den Spielstunden war die Buchung von Einzelstunden. Das war vollkommen in Ordnung für mich, eine Gelegenheit, mehr zu lernen.

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Motiviert

Die erste Einzelstunde. Leider hatten wir etwas Pech mit unserer Trainerin. Sie war gerade erst in diesen Beruf eingestiegen und irgendwie ein wenig planlos. In der ersten Stunde wollte sie meinen Hund mit Angstproblematik an einen Baum binden, damit er Frustrationstoleranz lernt. Dumm wie ich bin, dachte ich mir, die wird es schon wissen, und band ihn tatsächlich an diesen Baum. (Ich schäme mich noch heute dafür. Und bin Kalle dankbar, dass er mir trotz meiner Blödheit noch vertraut.) Allerdings entfernte ich mich nicht von ihm (wie ich eigentlich sollte), sondern blieb neben ihm stehen. Trotzdem bekam er natürlich Panik und ich bestand endlich darauf, diese Übung zu beenden. Alles in allem kein guter Start.

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Rückruf mit Abkenkung

Ich schaffte es nicht, der Trainerin zu vermitteln, wo eigentlich unser Problem lag. Nicht in mangelnder Bindung, nicht in mangelndem Gehorsam, sondern in beidseitiger Unsicherheit, eben ganz besonders bei Hundebegegnungen. Ich bekam eine Liste mit Hausstandsregeln. Zu diesem Zeitpunkt war ich froh, dass Kalle nicht mehr ständig in Alarmbereitschaft war und entspannt liegen blieb, wenn ich zu Hause an ihm vorbei ging. Jetzt sollte ich ihn aufstehen lassen, wenn ich vorbei wollte. Nur um zu beweisen, dass ich es konnte. Ich sollte ihn nicht auf das Sofa lassen, weil er sonst die Weltherrschaft übernehmen würde. Ich sollte in draußen an der Leine nicht markieren lassen, dabei war ich doch froh, dass er sich endlich für seine Umgebung interessierte, statt ständig in Fluchtbereitschaft zu sein. Es mag Hunde geben, die derart auf Status aus sind, dass man ihnen auf diese Art zeigen muss, dass sie nicht die Welt beherrschen. Kalle gehört nicht dazu. Er möchte sich nicht durch Türen drängen oder auf Spaziergängen den Weg bestimmen. Sondern ist froh, wenn ich voraus gehe. Was ich auch tue. Natürlich braucht gerade ein unsicherer Hund Führung, aber doch nicht in Form von sinnlosen Regeln, die nur den eigenen Status betonen sollen. Sondern in Form von Schutz und klaren Grenzen. Ich kann eine Schüssel voller Wurst auf den Boden stellen, Kalle mit einem kurzen Blich darauf hinweisen, dass sie mir gehört, und den Raum verlassen. Kalle würde sich nie in die Nähe dieser Wurst begeben! Er wird entweder liegen bleiben oder die Schüssel ignorieren und mir folgen. Ich bekam die Empfehlung, keine Bälle zu werfen, weil der Hund sich dann von mir entfernt und etwas Positives damit verknüpft. Aber hey, genau das wollte ich doch. Die Welt geht nicht unter, wenn Kalle sich ein Stück von mir entfernt. Ich sterbe nicht, er stirbt nicht, und dann kann er mit seiner Beute zu mir zurück kommen! Natürlich schadet exzessives Ballspielen der körperlichen und seelischen Gesundheit eines Hundes, aber doch nicht hin und wieder einen Ball zu werfen.

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Ablegen

Nach der ersten Stunde überlegte ich, das Ganze abzubrechen. Aber irgendwie hatte ich keine wirkliche Alternative zu dieser Hundeschule. Ich überlegte, darum zu bitten, mit einer erfahreneren Trainerin arbeiten zu dürfen und darauf eben etwas länger zu warten. Aber ich traute mich nicht. Ich meine, jeder fängt einmal an und jeder hält seine eigenen Probleme für die größten und wichtigsten. Sicher waren die Trainerinnen untereinander befreundet und ich konnte ja nicht erzählen, dass unsere Trainerin offensichtlich nicht in der Lage war, Angst von Frust zu unterscheiden. Also beschloss ich weiterzumachen. Und nie wieder zu denken, irgendjemand wisse irgendetwas, das Kalle betrifft, besser als ich.

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Rückwärts geht auch

Die weiteren Stunden waren besser als die erste, obwohl wir nie an der eigentlichen Problematik arbeiteten. Um ehrlich zu sein, wollte ich das auch nicht mehr. Wir übten Sitz, Platz, Bleib, Aus und Rückruf. In allen diesen Dingen waren wir gut (Kalle konnte das meiste längst), holten uns unser Lob ab und waren zufrieden. Ich gab vor, mich in die Hausregeln zu halten, und hörte mir an, welch positive Auswirkungen dies auf seinen Gehorsam hätte. Die einzige hilfreiche Stunde war die, in der wir mit dem Hund der Trainerin arbeiteten. Klein und irgendwo zwischen alt und scheintot, stellte dieser nicht mal in Kalles Augen eine Bedrohung dar und die beiden konnten entspannt nebeneinander herlaufen. Wobei ich mir nicht sicher war, ob der Kleine Kalle überhaupt wahrnahm. Ich verstand, warum die Trainerin unsere Probleme nicht nachvollziehen konnte.

Hätte es hiermit geendet, hätte ich die ganze Aktion für eine Verschwendung von Zeit und Geld gehalten. Aber endlich konnten wir an der Spielstunde teilnehmen.

Fortsetzung folgt!

Ein Hund und die Schule 1: Heimtraining

Bei Mia war alles ganz einfach. Sie kam als Welpe in unsere Familie, besuchte den Junghundekurs in der ortsansässigen Hundeschule. Dort lernte sie Sitz, Platz, Bleib und Fuß und einigermaßen zuverlässig auf Rückruf zu kommen. In den Pausen spielte sie mit den anderen Hunden. Wir gingen gemeinsam mit „Mitschülern“ spazieren, machten eine Weile Agility. Im Haus gab es ein paar Regeln, die sie nie in Frage stellte. Draußen hörte sie nicht perfekt, aber allemal gut genug, um ohne Ärger oder Gefahren durch den Alltag zu kommen. Auch wir Kinder konnten gut mit ihr spazieren gehen. Vielleicht mal der eine oder andere Beller, wenn ein angeleinter Hund sie anblaffte, aber ansonsten machte sie nie irgendwelchen Ärger. Diese kleine Streberin…

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Dann kam Kalle. Und Kalle hatte Angst. Vor Menschen, Hunden, Geräuschen, Bewegungen, Gegenständen, allem. Vor dem Autofahren natürlich auch. An den Besuch einer Hundeschule war nicht zu denken. Einmal ließen wir einen mobilen Hundetrainer kommen, der uns mit gewichtiger Miene mitteilte, dass Kalle ein zur Flucht tendierender Hund sein (worauf wir nie selbst gekommen wären) und uns einige Übungen zeigte (was durchaus hilfreich war). Außerdem empfahl er für ängstliche Hunde eine Flexi-Leine (was eine kleine Katastrophe war)[1].

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Für uns ist die Schleppleine die bessere Wahl

Ich beschloss, erst einmal alleine an seinen größten Ängsten zu arbeiten. Geholfen hat mir da „Der ängstliche Hund“ von Nicole Wilde. Sie beschreibt die Methoden der Gewöhnung sowie klassischen und operanten Gegenkonditionierung sehr gut und gibt Hilfestellung zu genau ausgearbeiteten Trainingsplänen. Bei konkreten Ängsten hilft das sehr gut. Das Auto und Gegenstände wie Plastikplanen, Schirme, etc. waren relativ schnell kein Problem mehr. Anders bei Menschen. Da es so viele verschiedene gibt, die sich alle anders verhalten, anders aussehen, anders riechen, andere Geräusche machen, ist diese kleinschrittige Herangehensweise hier nicht sehr erfolgreich. Nicole Wilde empfiehlt, einen Hund seinen Ängsten nicht im Alltag auszusetzen, während die Gegenkonditionierung stattfindet. In Amerika ist es nicht so üblich wie hier, täglich mit Hunden spazieren zu gehen. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, einem jungen Hund über Wochen oder Monate hinweg die Spaziergänge zu versagen, nur weil da draußen überall Angstauslöser herumliefen. Also entschied ich mich für die „Leine-dran-und-losmarschiert“-Methode. In der ersten Zeit habe ich ihn regelrecht hinter mir hergeschleift. Aber: Wir sind an fremden Menschen vorbeigegangen (zunächst in einigem Abstand) und wurden nicht gefressen. „Aha“, denkt sich der Hund, „diesmal ist nichts passiert. Aber das nächste Mal bestimmt!“ Es hat eine ganze Weile gedauert, bis er freiwillig an Fremden vorbei ist. Davon abgesehen fand er schnell Spaß an Spaziergängen und stand schon nach kurzer Zeit wedelnd an der Tür, wenn ich das Geschirr hervorholte.

Zu Hause fühlte er sich sehr schnell sicher und war dort ein normaler junger Hund mit einer Menge Blödsinn im Kopf. Allerdings nur solange draußen alles ruhig war. Zu Beginn ließ ihn jedes Geräusch von außerhalb aus der Haut fahren und in ohrenbetäubendem Gebell explodieren. Von alleine fand er kaum aus diesem Zustand heraus. Jede Nacht musste ich mehrmals aufstehen, um den Hund zu beruhigen. Das ging durch Berührungen und ruhiges Festhalten immer ganz gut. Heute muss ich nur noch den Raum betreten, wenn er sich in einen Bellanfall hineingesteigert hat (was mittlerweile nur noch seltener vorkommt), damit er sich entspannt hinlegt („Puh, Frauchen übernimmt, dann kann ich ja weiterschlafen.“)

Dinge wie Sitz und Platz und eine Menge weiterer Kunststückchen übte ich zu Hause und später dann auf ruhigen Wiesen bei den Spaziergängen. Kalle ist clever, lernbegierig und verfressen, von daher hatte ich da keine Schwierigkeiten. Bleiben konnte er sofort, er reagiert sehr sensibel auf Körpersprache und ein leichtes Vorbeugen des Oberkörpers genügt bereits, um ihn an einer Stelle zu halten. Frustrationstoleranz war ohnehin nie ein Problem. In einer Tötungsstation lernt ein Hund nicht viel, das aber schon…

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An Tricks hat er immer Spaß. Hier beim Umrunden.

In den ersten Tagen verteidigte er sein Futter (durchaus verständlich). Nachdem er sich aber an regelmäßige Mahlzeiten, die ihm niemand streitig machte, gewöhnt hatte, ließ das schnell nach. Ich warf ihm hin und wieder, während er fraß, besondere Leckerbissen zu und trainierte mit dem Futterbeutel, dann war das Thema erledigt.

Das einzige weiterbestehende „Problem“ zu Hause ist seine Wachsamkeit. Das erfordert aber nur ein gutes Management. Bei Besuch bekommt er klare Anweisungen und wird vorsichtshalber angeleint. Damit kann man sehr gut leben.

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Zwischen den beiden gab es nie Konflikte

Zurück zu den Spaziergängen. Hier war nämlich noch nicht alles in Butter. Während er bei Menschen schon deutlich entspannter war und gut auf operante Gegenkonditionierung ansprach („Hier“ und „Sitz“ oder „Touch“, je nach Situation), oft sogar bereits von sich aus Alternativverhalten anbot, sah das bei Hundebegegnungen anders aus. Weil nämlich viele freilaufend Hunde, die alle nichts taten und deshalb nicht zurückgerufen wurden, ihn bedrängten, obwohl er diesen Kontakt nicht wollte. Ich hätte das nicht zulassen dürfen, hätte sie irgendwie verjagen müssen, aber damals kam mir das übertrieben vor. Ich wollte keine Konflikte. Ich wollte, dass alle sich lieb hatten. Als Kalle zunehmend selbstsicherer wurde, begann er, die Sache selbst zu regeln. Knurren und Pöbeln fühlt sich besser an und sorgt für angemessenen Abstand. Und wenn der andere Hund nicht wie gewünscht reagierte, wurden die Signale eben verstärkt. Und wer sich in Zahnreichweite begab, hatte eben Pech gehabt.

An diesem Punkt kam ich nicht weiter. Wie sollte ich ein Alternativverhalten aufbauen, wenn das Gezeter zum Erfolg führte, ruhiges Verhalten dagegen zur neugierigen Annäherung des jeweiligen Tut-Nix, was bei Kalle ein negatives Gefühl auslöste? Jetzt brauchten wir eine Hundeschule, damit er entspannten Kontakt zu Artgenossen lernen konnte. Mittlerweile klappte das Autofahren gut und er war in Gegenwart fremder Menschen entspannt genung, um lernen zu können. Also ab in die Schule.

Fortsetzung folgt!

[1] In den Hauptrollen: eine selbstaufrollende Leine, ein ungeschicktes Frauchen, ein panischer Hund und eine Herde erschrockener Kühe

Mai in Kürze

Gute Tat des Monats: Entlaufenen Hund gefunden. Hund suchenden Mann gefunden. Mann mitgeteilt, wo Hund ist. Hund und Mann suchende Frau gefunden. Frau mitgeteilt, wo Hund und Mann sind. Hoffe, sie haben sich alle gefunden.

Böse Tat des Monats: Kalle bei Begegnung mit Hundegruppe angeleint. Der arme Hund darf nie spielen. Doch, doch, natürlich möchte er spielen. Alle Hunde spielen gerne.

Rätsel des Monats: Wenn man mit einem Kampfmops an der Flexileine spazieren geht. Und sich dieser Mops auf den kurz gehaltenen, grummelnden, dreimal so großen Schätersky stürzt. Warum kann man dann nicht einfach mal auf diesen Einrastknopf drücken?

Erkenntnis des Monats: Ich habe ein Dominanzproblem mit meinem Computer. Wenn er mein Gleichungssystem lösen soll (Input: FindRoots[…]) gibt dieses dreiste Ding mir den Befehl einfach zurück (Output: FindRoots[…]). Finde deine Nullstellen doch selbst, soll das vermutlich heißen. Ich werde ihn nicht mehr mit aufs Sofa nehmen und immer erst mit Strom versorgen, nachdem ich gegessen habe. Der muss wissen, wo sein Platz ist.

Dummheit des Monats: Abendspaziergang gemacht. Kamera nicht mitgenommen. Spielende Fuchswelpen beobachtet. Und keine Kamera dabei gehabt.

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Verrücktheit des Monats: „Mein Hund, dein Hund“ auf VOX. Nicht-Experten kritisieren sich gegenseitig und behaupten alle miteinander, dass der eigene Weg der einzig richtige und alle anderen verantwortungslos und überhaupt ganz böse seien. Die üblichen Kriegsgebiete: Erziehung, Barfen, Impfen, Kastration.

Buch des Monats: „Der Geschmack von Laub und Erde“ von Charles Foster. Der Autor versucht, als Tier zu leben. Ich schwanke zwischen „Der ist verrückt“ und „Das sollten wir alle mal machen“. Auf jeden Fall lesenswert!

Begegnung des Monats: „Beißen die?“ „Nein.“ „Warum sind sie dann an der Leine?“ „Er ist etwas ängstlich bei Hundebegnungen“  „Natürlich stecken Sie ihn mit Ihrer eigenen Angst an!“ Seufz. Wenn ich Angst vor Hunden hätte, warum habe ich dann zwei?

Glücksmoment des Monats: Kontaktliegen mit Kalle im Gras. Die Schwarzschild-Lösung der Einstein’schen Feldgleichungen sagt die Existenz eines Paralleluniversums vorher. Kalle genießt meine Nähe. Die Welt ist erstaunlich und wunderbar.

Wunder des Monats: Kalle erfolgreich vom Zaun abgerufen, während der Nachbarshund auf der anderen Seite kläffte. Der Schätersky schaltete sofort vom Monstermodus in den Futtermodus. Erst dachte ich, es läge an der Hitze. Und dann ein zweites Mal, bei moderater Temperatur. Ich konnte ihn rufen, ablegen und dann sogar ein bisschen Dummyarbeit machen. So stolz auf dich, Kleiner.

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Das Zombinchen

Keks ist kein Hund und gehört damit eigentlich nicht in diesen Blog. Trotzdem bekommt er einen Artikel. Weil er ihn verdient hat.

Keks ist ein Zombinchen. Ein Kaninchen minus ein halbes Ohr, ein Augenlid, eine Viertelnase und ein Stück des Beinchens. Er ist über zwölf Jahre alt und blind, hat eine chronische Zahnwurzelentzündung, eine riesige Portion Lebensfreude und immer Hunger. Er liebt seine Kaninchen-Gefährtin, Freilauf im Garten und Kohl. Er ist neugierig gegenüber Menschen und Hunden. Wenn er meine Schritte hört, kommt er angerannt und setzt die Vorderpfoten auf meinen Fuß. Ich darf nicht weitergehen, bis ich meinen Wegzoll in Form von Essbarem bezahlt habe. Keks liebt das Leben. Und das Leben liebt ihn.

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Keks

Nach dem Tod meines ersten Kaninchens blieb dessen Partner Hoppel (meine Schwester war vier, als sie ihn so getauft hat…) alleine zurück. Fahrt ins nächste Tierheim, ein neuer Partner musste her. Er war acht Jahre alt und hieß Eichi. Seltsamer Name, Umtaufung in „Keks“. Das passt zu seiner Farbe und zu seiner Verfressenheit. Nach einer Eingewöhnungszeit öffneten sich die Gehegetüren. Die Freiheit des Gartens. Keks war begeistert. Wiese, Platz und so viel zu entdecken! Rennen, Haken in der Luft schlagen, überall hinaufklettern, Fressen ohne Ende. Kaninchenglück.

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Vor seiner Erkrankung

Keks und Hoppel bildeten eine liebevolle „schwule Männer-WG“. Zwei Jahre lang, bis der inzwischen zwölfjährige Hoppel ebenfalls verstarb. Das Kekschen blieb allein und traurig zurück. Im November ein Kaninchen zu finden, das an Außenhaltung gewöhnt ist, ist nicht einfach. Der erste Versuch einer Vergesellschaftung schlug fehl. Holly und Keks sahen einander das erste Mal in neutralem Gebiet und gingen aufeinander los. Im Gehege saßen sie in entgegengesetzten Ecken, keiner erlaubte dem anderen, sich zu bewegen. Der sonst so lebensfrohe Keks traute sich tagelang nicht, sich zu rühren.  Schweren Herzens gaben wir Holly zurück. Unverständnis von Seiten der Vermittlungsstelle. Doch es sollte sich noch herausstellen, dass die Entscheidung richtig war. Denn Keks lernte schließlich seine Seelengefährtin kennen: Biskuit. Das erste Kennenlernen im Tierheim verlief gegenteilig zu dem Treffen mit Holly: Keks und Biskuit sahen einander. Sie lief auf ihn zu, schob den Kopf unter seinen, die Nase in seinem Fell. Er lehnte sich an sie. So saßen die beiden minutenlang, bis wir sie zusammen in die Transportbox setzten. Liebe auf den ersten Blick. Sie hatten bisher nicht ein Mal Streit und führen eine leidenschaftliche Beziehung (die deutlich macht, woher der Ausdruck „wie die Karnickel“ kommt – und das in seinem Alter). Da Biskuit nicht an die Außentemperaturen gewöhnt war, mussten sie bis zum Frühjahr im Haus leben. Dann konnten sie endlich nach draußen, Freiheit und gegenseitige Zuneigung. Kaninchenglück.

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Biskuit

Dann ging es Keks letzten Sommer plötzlich schlecht. Myxomatose, trotz Impfung (falls Kaninchenbesitzer unter den Lesern sind: Ich kann den Jahresimpfstoff nicht empfehlen).  Empfehlung der Tierärztin, ihn einschläfern zu lassen. Die nächste schwere Entscheidung. Glücklicherweise richtig getroffen. Denn wir beschlossen, ihn leben zu lassen, solange er noch eine Spur von Lebenswillen zeigt. Und Keks kämpfte. Ich kämpfte mit ihm. Wir gewannen. Denn Keks lebt, frisst, hoppelt und liebt. Wer vermisst da schon ein halbes Ohr?

Kaninchenglück.

Mia

Meine Schwester wünscht sich zum Geburtstag einen Hund. Seit „Mein Bruder ist ein Hund“ würde sie mich vermutlich in einen verwandeln, wenn sie könnte. Einen kleinen, weißen Wuschelhund, wie Tobias. Ich möchte eigentlich keinen Hund. Eigentlich möchte ich ein Pferd. Natürlich bekomme ich keines. Warum sollte meine Schwester dann einen Hund bekommen? Außerdem ist sie noch total klein, wird gerade sieben, da kann man sich noch gar nicht um einen kümmern. Das würde dann an mir hängenbleiben. Ich bin nämlich schon groß, schon fast elf. Mein Hund heißt Struppel, ist groß, schwarz und für alle anderen unsichtbar. Aber jetzt ein richtig echter Hund? Ich weiß nicht…

Schließlich bekommt sie keinen Hund, sondern darf mit unserer Mutter mit Tierheimhunden spazieren gehen. Ich komme auch mit. Meine Schwester ist verliebt in die kleine Wuschelhündin Kimba. Die ist aber nur zur Pension da, wird eines Tages wieder von ihrem Besitzer abgeholt.

Einige Zeit später. Wir sind mal wieder unterwegs zum Tierheim. Als wir auf dem Parkplatz halten, sehe ich sie in den Außenzwingern. Den hübschesten, niedlichsten Welpen der Welt. Sie wuselt am Gitter entlang, schiebt Pfoten und Schnauze durch den Draht. Heute morgen gefunden, erfahren wir. Am Polizeizwinger angebunden, ausgesetzt. Wie kann man so etwas Niedliches aussetzen? Wir dürfen mit ihr spazieren gehen. Sie ist sanft und temperamentvoll, zart und voller Energie. Sie ist unser Hund. Mia.

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Vier Wochen muss sie als Fundhund im Tierheim bleiben, bevor sie bei uns einzieht. Ein halbes Jahr hat der ehemalige Besitzer Zeit, sich zu melden und sie zurückzufordern. Niemand meldet sich. Sie gehört zu uns. Endgültig.

Das ist jetzt zwölf Jahre her. Sie liegt neben mir auf dem Sofa, die Schnauze grau, die Augen sanft.

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„Weißt du noch?“, frage ich sie. Wie wir uns das erste Mal gesehen haben. Wie du dich jeden Morgen gefreut hast, dass wir noch alle da waren. Die unzähligen Spaziergänge, gemeinsame Abenteuer. Dass du die Streberin in der Hundeschule warst. Deine Freude an Agility. Als du noch mit anderen Hunden gespielt hast. Wie du Schwalben gejagt hast. Wie du dabei einmal in eine Teich gefallen bist. Die Ferien, deine Freude an den Bergen und am Meer. Als diese Welle dich erwischt hat und deine Freude am Meer dahin war. Wie dein neuer Kumpel Kalle kam und du ihn zwei Wochen lang ignoriert hast, um dich dann plötzlich zum Spielen auf ihn zu stürzen. Weißt du das alles noch?

Sie weiß es nicht mehr. Und das ist in Ordnung, weil sie glücklich ist. Sie schlummert selig auf dem weichen Polster. Sie wird sich über unseren Nachmittagsspaziergang freuen und über das Abendessen. Vielleicht wird sie heute noch einen neuen Trick lernen. Mia, ich liebe dich. Auf die nächsten zwölf Jahre.