Von Angst und Wegen

Wenn ihr uns kennt, wisst ihr, dass Kalle ein ängstlicher Hunde ist. Bis jetzt habe ich mich an das Thema Angst auf diesem Blog noch nicht herangewagt, weil es so vielschichtig und komplex ist, dass ich fürchte, ihm nicht gerecht zu werden. Deshalb gleich vorweg: Wie immer bin ich keine Hundetrainerin, Hundeverhaltenstherapeutin, Tierärztin oder sonst irgendeine Expertin. Ich kann nur gesammeltes Wissen und eigene Erfahrungen weitergeben. Letztere sind hochgradig individuell und haben keinen Anspruch auf Allgemeinheit. Eine komplette Literaturliste findet ihr hier, die wichtigsten Quellen stehen auch noch mal unten.

In diesem Beitrag soll es um den Umgang mit Angst bei Hunden gehen, das heißt um die zentrale Frage: Was hilft gegen Angst? Ich werde versuchen, einen groben Überblick über die Möglichkeiten zu geben, die für uns hilfreich waren und sind. Um mir selbst den Einstieg ein wenig zu erleichtern, fange ich aber mal umgekehrt an: Was hilft nicht? Drei Sätze, die ich immer wieder zu hören bekomme:

„Da muss der durch.“

Sagt wer? Und warum? Gibt es irgendeinen vernünftigen Grund dafür? Vielleicht schon. Vielleicht geht es um eine notwendige, dringende Tierarztbehandlung, für die man Stress und Angst in Kauf nehmen muss. Meistens kann man die furchteinflößenden Situationen aber auflösen oder im Vorhinein vermeiden oder zumindest alles tun, um den Stress so gering wie möglich zu halten. Und wenn das möglich ist, sollten wir das auch tun. Schließlich tragen wir die Verantwortung für unsere Hunde. Und ich sehe nicht, warum sie um jeden Preis „dadurch müssen“. Das hilft nämlich überhaupt nicht. Was uns zur nächsten Aussage führt.

IMG_20180103_155547[1]

„Der merkt dann schon, dass nichts passiert.“

Wäre schön, aber leider funktioniert das im Allgemeinen nicht. Ist die Angst zu groß, ist das Gehirn nicht mehr lernfähig. Seinen Ängsten ausgesetzt zu sein ist für den Hund eine unangenehme Erfahrung, auch wenn von außen betrachtet „nichts passiert“. Dadurch wird die Angst mit der Zeit eher schlimmer als besser. Damit tatsächlich eine Desensibilisierung stattfinden kann, muss das Heranführen an den Reiz so langsam geschehen, dass keine Angstreaktion hervorgerufen wird! (Siehe unten.)

„Tut er dir denn gar nicht leid?“

Halte mich für einen herzlosen Menschen, aber die Antwort ist nein. So viele Hunde (und Menschen und andere Tiere) tun mir furchtbar leid, weil ich ihnen nicht helfen kann. Aber Kalle kann ich helfen. Er hat unfassbares Glück. Er ist die meiste Zeit über ein fröhlicher Hund, tut sich selbst nicht leid und mir auch nicht. Mitleid würde ihm auch kein bisschen helfen. Wie erwähnt beschütze ich ihn. Aber ich packe ihn nicht in Watte. Ein gewisses Maß an Stress ist meiner Meinung nach zumutbar, wenn das der Preis für schöne Erlebnisse ist. Das heißt im Vergleich zu den ersten beiden Punkten: Ich schleppe meinen Hund nicht in die Stadt, nur weil er da angeblich irgendwie durch muss. Aber ich gehe spazieren, auch in fremder Umgebung, in der wir unvorhergesehen mit Angstauslösern konfrontiert werden könnten, um gemeinsam Schönes zu erleben. Und zum Beispiel: Obwohl die Knallerei vor Sylvester Kalle Angst macht, steht er an der Tür, sobald ich die Jacke zum Spaziergang anziehe. Leicht zitternd zwar, aber entschlossen. Vielleicht ist es nur seine Absicht, seine Klientin nicht alleine in die Gefahr ziehen zu lassen. Ich glaube aber tatsächlich, dass ihm auch die Spaziergänge selbst so wichtig sind, dass er dafür seine Angst bis zu einem gewissen Grad in Kauf nimmt.

IMG_20171217_152937[1]

Die schwierigere Frage ist natürlich: Was hilft dann?

Bindung und Führung

Wenn es etwas gibt, das für mich einer Universallösung jedes Problems am nächsten kommt, dann ist das die Bindung. Gerade für Angsthunde sind Bindung und Vertrauen enorm wichtig. Sie verhindern, dass der Hund in seiner Panik versinkt oder kopflos flüchtet. Mit einer guten Bindung kannst du deinem Hund Vorbild und verlässlicher Schutz sein. Wenn er die Erfahrung macht, dass du in jeder Situation eine Lösung weißt, die ihm hilft, ist das eine enorme Entlastung für ihn. Sobald Kalle irgendetwas unheimlich oder erschreckend findet, schaut er als erstes zu mir, um sich Hilfe zu suchen. Ich entscheide dann sofort, wie wir reagieren. Manchmal ist keine Reaktion erforderlich, beispielsweise wenn es entfernt geknallt hat. Dann kommentiere ich nur „Das ist in Ordnung“ und wir machen normal weiter, was wir unterbrochen hatten. In anderen Situation müssen wir zum Beispiel zur Seite ausweichen oder, wenn Weitergehen nicht zumutbar wäre, umdrehen und uns von dem Auslöser entfernen. Oder aber wir gehen hin und schauen uns die Sache gemeinsam an, etwa bei einem gruseligen Gegenstand. Mit Führung meine ich aber nicht nur das Treffen von Entscheidungen, sondern auch einfach das Vorneweggehen. Kalle ist sehr viel entspannter, wenn ich dafür sorge, dass er hinter mir läuft. Erstens sieht er mich dann die ganze Zeit und zweitens werde ich als Erste gefressen, wenn hinter dem nächsten Busch ein Zombie hervorspringt. Beim Mantrailing, wo er ja vorne laufen sollte, war seine Botschaft oft ganz klar: „Da müssen wir entlang. Aber ich gehe nicht vor.“

Leine

Als ehemaliger Straßenhund fand Kalle die Leine anfangs äußerst doof. Und er war erstaunlich gut darin, sie in kürzester Zeit durchzubeißen. Dann stand ich plötzlich mit einem losen Leinenende in der Hand da und musste zusehen, dass ich den Hund wieder einfange. Im Laufe der Zeit jedoch hat sich seine Einstellung zur Leine komplett gewandelt. Heute ist sie keine Einschränkung mehr für ihn, sondern seine Verbindung zu mir. Natürlich ist dir klar, dass du deinen Hund in kritischen Situationen zu seinem eigenen Schutz immer mit der Leine sichern solltest. Aber die Leine kann noch mehr! Du kannst eine dauerhafte leichte Verbindung zu deinem Hund herstellen, die ihm Sicherheit vermittelt, indem du einen ganz sachten Zug aufrechterhälst. Du kannst deinen Hund sanft in die gewünschte Richtung dirigieren, sodass er sich gehalten und sicher geführt fühlt. Obwohl ich grundsätzlich nichts gegen Halsbänder habe, würde ich für ängstliche Hunde übrigens unbedingt ein Geschirr empfehlen. Das erwähnte Dirigieren wird dadurch deutlich einfacher und angenehmer für den Hund. Außerdem kann es immer passieren, dass der Hund sich so erschreckt, dass er in die Leine rennt, was mit Halsband unangenehm wäre.

Da sein

Das Unschöne an der Angst ist das Gefühl der Hilflosigkeit, das mit ihr einhergeht. Nicht nur beim Betroffenen, sondern auch demjenigen, der versucht zu helfen. Man kann seinen Hund nicht komplett vor Angst bewahren, manchmal kann man nicht einmal mehr tun, als man bereits versucht hat, um die Angst zu lindern. Aber die gute Nachricht ist: Alleine durch deine Anwesenheit hilfst du deinem Hund. Das sagt dir womöglich schon dein Gefühl. Ich selbst habe auch immer gerne wissenschaftliche Belege: Laut einer Studie von David Tuber an Tierheimhunden dämpft die Anwesenheit eines bekannten Menschen den Anstieg des Glukokortikoidspiegels (hinter diesem lustigen Namen verbergen sich Stresshormone wie etwa Cortisol) und das Unruheverhalten, die durch Unterbringung in einer unbekannten Umgebung entstehen. [1] Du brauchst dich also nicht hilflos zu fühlen, auch wenn du mal nichts weiter tun kannst, als einfach nur da zu sein. Denn das ist schon enorm viel.

IMG_20171203_145421[1]

Körperkontakt

Wie viel Körperkontakt ein Hund braucht und möchte, ist sehr individuell. Wenn dein Hund Körperkontakt sucht, solltest du das auf jeden Fall zulassen. Gleichzeitig wäre es aber nicht gut, sich aufzudrängen. Wenn Kalle draußen ängstlich stehen bleibt, stelle ich mich oft direkt neben ihn. Er überbrückt dann die fehlenden Zentimeter und lehnt sich an mein Bein. Dadurch entspannt er so weit, dass wir weitergehen können. Auch zuhause lasse ich ihn immer selbst entscheiden, wie viel er Nähe er möchte. Massagen können ebenfalls helfen, sich zu entspannen. An Sylvester habe habe ich zum ersten Mal Tellington TTouch ausprobiert und fand es sehr hilfreich, Kalle lag (zumindest vor zwölf Uhr) entspannt und mit geschlossenen Augen auf der Seite, während ich ihn massiert habe, obwohl ich es unprofessionell und teilweise recht intuitiv gemacht habe.

Stimmungsübertragung

Deine eigene Stimmung überträgt sich auf deinen Hund. Strahlst du Selbstbewusstsein und Zuversicht aus, färbt das auch auf deinen Hund ab. So weit die Theorie. Immer wieder begegne ich Leuten, die das für die Realität halten: Ich muss nur die richtige Ausstrahlung haben, schon sind meine Probleme erledigt. Das sieht man ja so im Fernsehen. Diese Leute haben in der Regel Hunde, die von Natur aus fröhlich und selbstsicher sind, und sind der festen Überzeugung, dies sei allein ihr Verdienst durch ihre tolle Ausstrahlung. Stimmungsübertragung ist eine tolle Sache und funktioniert innerhalb gewisser Grenzen wunderbar. Aber du kannst noch so selbstbewusst auftreten: Die Ängste deines Hundes werden dadurch nicht weggezaubert. Und wo wir schon beim Zaubern sind: Bislang habe ich es noch nicht geschafft, mir große Selbstsicherheit herbeizuzaubern. Was ich dagegen gut kann, ist Ruhe auszustrahlen und auf Tiere zu übertragen. Ich kann Kalle aus Hektik und Panik herausholen, ihn beruhigen, sodass er zugänglich für vernünftige Entscheidungen wird. Erst wollte ich versuchen, das hier im Einzelnen zu beschreiben, aber dann habe ich gemerkt, dass es vermutlich ziemlich zwecklos ist, da das einfach bei jedem anders ist. Vielleicht kannst du ebenfalls gut Ruhe übertragen, vielleicht auch tatsächlich Selbstsicherheit, Zuversicht oder etwas ganz anderes. All das ist gut. Dein Hund braucht genau dich und deine Stärken.

Ablenkung

Ist die Angst nicht zu groß, kann Ablenkung helfen. Zum Beispiel, indem du einfache Tricks abrufst, die dein Hund gut beherrscht und die ihm Spaß machen. Vielleicht kennst du das von dir selbst: Man fühlt sich besser, wenn man etwas zu hat. Durch die Erfolgserlebnisse und viel Lob wird außerdem das Selbstbewusstsein des Hundes wieder aufgebaut.

IMG_20180103_091401[1]

Training

Natürlich ist es auch möglich und sehr sinnvoll, durch Training gezielt an den Ängsten deines Hundes zu arbeiten. Um den Rahmen dieses Blogbeitrags nicht völlig zu sprengen, erwähne ich nur die Möglichkeiten, ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Sehr detaillierte Anleitungen findest du beispielsweise in [2]. Möglicherweise werde ich auch in einem späteren Beitrag noch mal näher auf die einzelnen Punkte eingehen.

  • Desensibilisierung: Schrittweises Heranführen an den Auslöser, indem man immer knapp unterhalb der Schwelle bleibt, oberhalb der eine Angstreaktion ausgelöst wird.
  • Gegenkonditionierung (klassisch): Gleiches Prinzip wie Desensibilisierung, nur dass hier der Auslöser noch zusätzlich durch einen Verstärker positiv verknüpft wird, meist durch Futter.
  • operante Gegenkonditionierung: Wie oben, allerdings muss der Hund für das Futter zuerst etwas tun, beispielsweise deine Hand berühren.

Das möchte ich hier nicht ohne den folgenden Warnhinweis stehen lassen: Konditionierung funktioniert in beide Richtungen. Wird dein Hund etwa gerne gestreichelt, könntest du auf die Idee kommen, ihn zu streicheln, wenn er mit dem Angstauslöser konfrontiert wird, um letzteren positiv zu verknüpfen. Wird aber nun eine Angstreaktion bei deinem Hund ausgelöst, verknüpft er möglicherweise das negative Gefühl mit dem Streicheln und wird sich in Zukunft unwohl fühlen, alleine wenn du ihn streichelst. Deshalb ist es enorm wichtig, in einem Bereich zu bleiben, in dem keine oder nur eine ganz schwache Angstreaktion hervorgerufen wird und sehr attraktive Verstärker zu verwenden wie sehr leckeres Futter. Dieses kann man ständig wechseln, um nicht versehentlich eine bestimmte Futtersorte negativ zu verknüpfen.

Unterstützende Maßnahmen

Daneben gibt es noch ein paar Möglichkeiten, wie du deinen Hund zusätzlich unterstützen kannst. Gute Erfahrungen haben wir mit einem Hunde-Shirt („Thundershirt“) gemacht. Mit Shirt ist Kalle deutlich entspannter, der Unterschied ist selbst für Skeptiker wie mich klar erkennbar. Der Nachteil ist allerdings, dass diese Shirts im Sommer zu warm sind. Stattdessen ziehe ihm dann einfach sein Geschirr an, damit erziele ich den gleichen Effekt. Außerdem verwenden wir ein Pheromonspray, von dem ich zwar den Eindruck habe, dass es etwas hilft, ohne aber eine zweifelsfreie Aussage treffen zu können. Es sind einfach zu viele Effekte, die da mit hinein spielen. Das Gleiche gilt für die Beruhigung mit klassischer Musik. Es sei noch erwähnt, dass man Ängste auch mit Kräutern, Bachblüten, homöopathischen oder schulmedizinischen Medikamenten behandeln kann. Damit habe ich aber keine Erfahrungen, da solltest du mit einem Tierarzt oder -heilpraktiker sprechen.

Trösten?

Die Sache mit dem Trösten ist immer ein Streitthema. Allerdings habe ich manchmal den Eindruck, dass ein Teil des Streits einfach in verschiedenen Definitionen von Trösten begründet ist. Manchmal sehe ich Hunde, die an der Leine ängstlich vor fremden Menschen zurückweichen. Dann drehen sich die Besitzer zu ihren Hunden um, beugen sich über sie, patschen ihnen von oben mit der Hand auf den Kopf und sagen etwas wie „Was hast du denn, du musst doch keine Angst haben.“ Trösten in dieser Form ist sicher falsch! Nicht weil man die Ängste des Hundes durch einen Verstärker bestätigt, sondern weil der „Trost“ selbst als unangenehm empfunden wird. Selbst wenn man es höflicher machen würde: Der Hund möchte in dieser Situation vermutlich keine soziale Zuwendung, sondern eine Lösung seines Problems. Das Beste wäre wohl, dem Hund Schutz zu bieten, indem man sich mit dem Rücken zum Hund zwischen ihn und den fremden Menschen stellt. Anders sieht es aus, wenn die scheinbare Bedrohung weniger konkret ist und bereits alles für den Schutz des Hundes getan ist, beispielsweise an Sylvester. Man ist sicher im Haus, die Rollläden sind heruntergelassen, alle Maßnahmen getroffen und man kann nichts weiter tun, als die Knallerei abzuwarten. Ob und wie man jetzt trösten sollte, hängt meiner Meinung nach stark vom Hund ab. Du selbst kannst deinen Hund am besten einschätzen. Vielleicht möchte er kuscheln, vielleicht möchte er einfach nur neben dir liegen oder vielleicht möchte er sich auch zurückziehen und einfach seine Ruhe haben. All das ist in Ordnung. Wichtig ist, nichts zu dramatisieren und die Bedürfnisse deines Hundes wahrzunehmen und zu respektieren. Möglicherweise hast du wie ich das Bedürfnis, kleine, verängstigte Wesen in den Arm zu nehmen und an dich zu drücken. Wir sollten dieses Bedürfnis jedoch nicht über die Interessen des kleinen Wesens stellen, das vielleicht ganz andere Vorstellungen von hilfreichen Trost hat.

IMG_20180101_091158[1]

Der eigene Weg

Ich kenne einige Leute, denen Hausarbeit hilft, wenn sie angespannt und nervös sind. Bei mir verstärkt das die Anspannung. Wenn meine Gedanken nicht beschäftigt sind, fangen sie an zu kreisen und mich verrückt zu machen. Ich löse in so einem Fall gerne Gleichungen im Kopf, das erfordert Konzentration und wirkt auf mich entspannend. Sicher gibt es Leute, denen das überhaupt nicht helfen würde. Wir sind alle verschieden. Bei Hunden ist das nicht anders. Kalle braucht Weite und Übersicht, um zu entspannen, andere Hunde brauchen ein sicheres Versteck. Du kannst selbst herausfinden, was deinem Hund gut tut. Lass dich nicht verunsichern, wenn andere es anders machen. Alles was ich bisher geschrieben habe, ist das, was für uns richtig ist. Immer wieder behaupten Leute, ihr eigener Weg sei der einzig richtige. Das ist natürlich Quatsch. Ich habe dir einen Teil unseres Weges gezeigt. Wenn dir das hilft, euren eigenen zu finden, würde mich das sehr glücklich machen.

 

Literatur

[1] D. S. Tuber, M. B. Hennesy, S. Sanders and J. A. Miller (1996): Behavioural and glucocorticoid responses of adult domestic dogs (Canis familiaris) to companionship and social separation, Journal of Comparative Psychology, 110(1), 103-108

[2] Nicole Wilde (2006): Help for Your Fearful Dog: A Step-by-Step Guide to Helping Your Dog Conquer His Fears. Deutsche Ausgabe: Der ängstliche Hund, Kynos, 2008

[3] Patricia McConnell (2007): For the Love of a Dog. Deutsche Ausgabe: Liebst du mich auch?, Kynos, 2008

[4] Udo Gansloßer und Kate Kitchenham (2012): Forschung trifft Hund, Kosmos

Advertisements

Warum ich mich nicht durchsetzen möchte

Anfängerkurs Programmierung vor zwei Jahren. Mein Kommilitone neben mir hat ein Problem. Sein Programm läuft nicht. Er schimpft auf seinen Computer. Schon seit einer ganzen Weile. Das erscheint mir nicht als die erfolgversprechendste Methode der Problemlösung. Ich werfe einen Blick auf seinen Code und teile ihn mit, dass er in Zeile Weiß-ich-jetzt-nicht-mehr einen Fehler hat. (Ja, ich weiß, wie man sich beliebt macht.) Nachdem er den Fehler korrigiert hat, funktioniert es wundersamerweise.

IMG_20170523_080143[1]

Ein paar Wochen später. Ich möchte Kalle das Vorsitzen beim Apportieren beibringen. Normalerweise bin ich ein Freund von freiem Formen. Nun hat er aber sein Spielzeug zwischen den Zähnen, und wenn ich warte, bis er Sitz von sich aus anbietet, würde ihm schnell langweilig werden. Er würde mitsamt Spielzeug abhauen. Also gebe ich stattdessen das Wortsignal, sobald er vor mir steht. Er läuft drei Schritte rückwärts, schwenkt mit dem Hinterteil um, geht rückwärts ins Fuß und setzt sich neben mein Bein. Hm. Ich entferne mich von ihm, rufe ihn, sage „Sitz“, sobald er vor mir steht. Das gleiche Spiel. Nach dem dritten Mal bin ich kurz davor, ungeduldig zu werden. Seit wann heißt denn Sitz nicht mehr „Setz dich an Ort und Stelle“, sondern „Lauf erstmal woanders hin“? Da kommt mir die Situation im Programmierkurs in den Sinn. Ich werfe einen Blick auf den „Code“ meiner Signale und merke sofort, dass ich einen Fehler mache. Im Vorhaben, das Spielzeug aufzunehmen, bevor er es fallen lässt, beuge ich mich ein winziges bisschen nach vorne. Dadurch nehme ich den Raum vor mir ein. Er kann sich gar nicht mehr dort hinsetzen! Deshalb weicht er in das aus, was er kennt und was dem Geforderten aus seiner Sicht am nächsten kommt. Beim nächsten Mal achte ich darauf, meinen Oberkörper gerade zu halten und mein Gewicht etwas nach hinten zu verlagern. Nachdem ich meinen Fehler korrigiert habe, funktioniert es wundersamerweise.

Es passiert mir nur sehr selten, dass ich etwas auf Anhieb fehlerfrei mache. Es geht darum, die Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Beim Programmieren und Rechnen ist das selbstverständlich. Auch beim Hundetraining sollte es so sein. Wenn etwas nicht funktioniert, sollte man doch zuerst bei sich selbst nach Fehlern suchen.

IMG_20171103_080358[1]

Unsere liebe Hundetrainerin sah das anders. Ich solle jetzt „ruhig mal wütend werden“, als Kalle das Platz verweigerte. Es gibt Dinge auf dieser Welt, die mich wütend machen. (So unfassbar wütend, das ich die ganze Zeit schreien könnte. Wenn es denn irgendetwas nützen würde.) Ein Hund, der sich gerade nicht hinlegen möchte, gehört nicht dazu. Das ist mir relativ egal. Ich werde ja auch nicht wütend, wenn er gerade keine Lust auf „Flummi“ oder „Winke-Winke“ hat. (Für ihn ist das eine so ernsthaft wie das andere. Tatsächlich habe ich noch niemanden so ernsthaft winken sehen wie meinen Hund…) Wenn man auch nur ansatzweise grob oder ungeduldig mit Kalle umgeht, zieht er sich in sein inneres Schneckenhaus zurück. Er dreht den Kopf zur Seite, sieht einen nicht mehr an und reagiert überhaupt nicht mehr. Dann hilft es, wenn man ihm Raum gibt, sich von ihm entfernt, ein bisschen herumalbert, hüpft, ihn freundlich ruft und sich freut, wenn er kommt. Es hilft logischerweise überhaupt nicht, noch ungeduldiger zu werden.

Warum sollte ich ersteres nicht machen? Weil ich ja „Platz“ gesagt hatte. Weil ich mich durchsetzen muss.

IMG_20170616_161421[1]

„Du musst dich durchsetzen.“ Wie oft habe ich diesen Satz als Kind gehört. Ich mochte ihn nie und mag ihn auch heute nicht. In der Schule sollte ich mich durchsetzen. Beim Sport sollte ich mich durchsetzen. Gegenüber den anderen Kindern sollte ich mich durchsetzen. Und erst recht gegenüber Tieren. Ich habe mich immer gefragt: Warum denn? Wenn mein Arbeitspartner bei einem gemeinsamen Projekt etwas anders machen möchte als ich, möchte ich doch seine Gründe verstehen. Vielleicht ist sein oder ihr Ansatz ja tatsächlich besser als meiner. Wenn mein Pferd einen bestimmten Weg nicht gehen möchte, hat das vielleicht einen guten Grund. Vielleicht lauert hinter dem nächsten Busch ja tatsächlich eine Gefahr. Und wenn mein Hund sich nicht hinlegen möchte, hat das vielleicht ebenfalls einen guten Grund. Vielleicht ist ihm der Boden unangenehm oder er fühlt sich in dieser Position angreifbar. Oder ich habe eben einen Fehler gemacht und ihm missverständliche Signale gegeben. Womit sich der Kreis schließt.

Und wenn es nun wirklich wichtig ist, dass er etwas tut oder eben nicht? Dann ist die Situation eine andere. Wenn ich verhindere, dass Kalle zu anderen Hunden läuft und sie anbellt, dann setze ich nicht mich durch. Ich setze ein Prinzip, einen Wert durch. Es geht hier um Rücksichtnahme, Respekt vor dem Freiraum der anderen und Verantwortung für Kalles Sicherheit. Damit habe ich keine Probleme. Was mich stört, ist dieses sinnentleerte Sich-Durchsetzen, dass im Grunde nur dem eigenen Ego dient.

In unserer Gesellschaft gilt Durchsetzungsfähigkeit als Stärke. Möglicherweise ist sie das bis zu einem gewissen Grad. Aber ich halte Selbstkritik und die Fähigkeit, Dinge aus der Perspektive meines Gegenübers zu betrachten, für wichtiger. Indem man es sich zugesteht, Fehler zu machen, gewinnt man an Freiheit. Indem man auf andere (egal ob Mensch oder Tier) eingeht, gewinnt man an Vertrauen. Man verliert nichts, wenn man sich nicht immer durchsetzt. Im Gegenteil.

Freiheit, Gleichheit, Hundekuchen

Ich möchte, dass meine Hunde frei sind. Ich möchte, dass sie meine gleichwertigen Freunde sind. Die meisten Ratgeber zum Thema Hundeerziehung meinen jedoch, dass die Positionen im Rudel klar sein müssen. Dass man die Führung übernehmen muss, damit die Hunde das nicht selbst tun. Muss ich meinen Traum von Freiheit, Gleichheit, Hundekuchen aufgeben?

IMG_20170524_155903[1]

Muss ich wirklich alles selbst entscheiden, während meine Hunde meinungslos hinter mir hertrotten? Ich glaube nicht. Die meisten Entscheidungen treffen wir gemeinsam mittels Stimmungsübertragung. Wenn wir beispielsweise im Sommer spazieren gehen, merke ich, wenn Kalle Pause machen möchte. Dann möchte ich ebenfalls Pause machen, denn ich will ja nicht, dass er sich überanstrengt. Also wähle ich einen Baum aus, unter den wir uns setzen können. In diesem Moment liegt Kalle bereits dort. Wie auch in vielen anderen Situationen kann ich nicht sagen, wer diese Entscheidung letztendlich getroffen hat. Ich glaube tatsächlich, dass wir es zusammen waren.

Mein kleines Rudel ist nicht basisdemokratisch organisiert. Wollen beide Hunde eine Katze jagen und ich nicht, so tun wir es nicht. Auch machen wir uns nicht die Mühe, uns an jeder Kreuzung darüber abzustimmen, welchen Weg wir nehmen. Der Aufwand würde sich ohne besonderen Grund nicht lohnen, daher gebe ich die Richtung einfach vor. Ganz ohne Regeln geht es auch nicht. Aber keine dieser Regeln ist willkürlich oder dient nur meinem eigenen Interesse. Alle haben einen Sinn, der die Sicherheit der Gruppe oder den Freiraum anderer Wesen bewahren soll.

Im Grunde haben meine Hunde und ich häufig die gleichen Interessen. Wenn wir zusammen etwas unternehmen, sind wir innerlich so eng miteinander verbunden, dass meist keine Konflikte entstehen, in denen ich mich durchsetzen müsste. Und wenn wir uns mal nicht einig sind, bemühe ich mich um Interessenausgleich. Ich setze nicht das durch, was ich möchte, sondern das, was für uns alle am besten ist. Ich glaube, meine Hunde kennen den Unterschied.

IMG_20170527_211934[1]

Sehr oft habe ich schon folgende Situation erlebt: Wir sehen einen anderen Hund. Kalle wartet auf mich und ich nehme ihn an die Leine. Der andere Hund sieht uns und bleibt stehen. Der Hundebesitzer reagiert nicht. Der Hund läuft auf uns zu. Der Hundebesitzer reagiert nicht. Der Hund hat uns fast erreicht. Jetzt ruft sein Frauchen/Herrchen ihn. Der Hund gehorcht nicht. Das ist nicht allzu erstaunlich, denn er befindet sich bereits in einer sozialen Situation, in der er das Gesicht verlieren würde, wenn er plötzlich umdreht.

Neulich begegneten wir einem jungen Schäferhund mit seinem Herrchen. Der Weg war zu beiden Seiten bewachsen, es gab keine Ausweichmöglichkeit. Kalle und ich blieben so nah wie möglich am Rand stehen. Kalle sah den anderen starr an und forderte einen angemessenen Abstand. Der Schäferhund beschwichtigte und setzte zu einem Bogen an. Leider blaffte das Herrchen „Fuß“ und ging geradewegs auf uns zu. Sein Hund gehorchte und schlich mit abgewandtem Blick an uns vorbei. Kalle schnauzte ihn an, er solle gefälligst Abstand halten, bis ich ihn zurückhielt. Der arme Kerl wusste ja überhaupt nicht, wo hin mit sich. Er versuchte, alles richtig zu machen, und wurde von allen Seiten angemeckert.

Diese Situationen haben eines gemeinsam: Die Menschen hatten sie nicht verstanden. Trotzdem gaben sie Befehle und erwarteten, dass sie befolgt wurden. Das ist nicht nur anmaßend, sondern auch erfolglos und führt langfristig dazu, dass man seine Kompetenz in den Augen des Hundes verliert. Ich nehme mich selbst da nicht aus. Auch ich habe mich schon dabei ertappt, wie ich gedankenlos etwas von meinen Hunden gefordert habe, was weder erforderlich war noch irgendetwas an der aktuellen Situation verbessert hätte. Es passiert so schnell, weil wir Menschen uns für etwas Besseres halten und glauben, wir wüssten alles besser als unsere Hunde. Und weil wir reden, ohne vorher richtig nachgedacht zu haben. Ich versuche zu lernen, alle Entscheidungen bewusst zu treffen, wenn ich schon entscheiden muss. Alle Situationen vorher so genau wie möglich zu erfassen, und zwar aus den Blickwinkeln aller Beteiligten. Und dann zu beurteilen, was für alle am besten ist. So fühle ich mich auch einigermaßen wohl damit, für meine Hunde zu entscheiden, wenn es notwendig wird.

Und was die Gleichwertigkeit angeht: Das sind wir. Davon bin ich überzeugt. Wir haben zwar verschiedene Aufgaben, aber diese sind alle gleich wichtig. Zufällig fällt das Entscheiden in schwierigen Situationen eben in meinen Aufgabenbereich. Das ändert nichts daran, dass wir uns als Freunde auf der gleichen Ebene begegnen können.

IMG_20170630_161604[1]

Wo wir gerade beim Thema Freiheit sind: Ich bin auch nicht immer so frei, wie ich es gerne wäre. Zum Beispiel werde ich in der gerade beginnenden Prüfungsphase mehr Zeit mit Lernen und weniger mit Schreiben verbringen, als ich gerne würde. Es kann hier kurzzeitig etwas ruhiger werden. Das wird sich wieder ändern.