Warum ich mich nicht durchsetzen möchte

Anfängerkurs Programmierung vor zwei Jahren. Mein Kommilitone neben mir hat ein Problem. Sein Programm läuft nicht. Er schimpft auf seinen Computer. Schon seit einer ganzen Weile. Das erscheint mir nicht als die erfolgversprechendste Methode der Problemlösung. Ich werfe einen Blick auf seinen Code und teile ihn mit, dass er in Zeile Weiß-ich-jetzt-nicht-mehr einen Fehler hat. (Ja, ich weiß, wie man sich beliebt macht.) Nachdem er den Fehler korrigiert hat, funktioniert es wundersamerweise.

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Ein paar Wochen später. Ich möchte Kalle das Vorsitzen beim Apportieren beibringen. Normalerweise bin ich ein Freund von freiem Formen. Nun hat er aber sein Spielzeug zwischen den Zähnen, und wenn ich warte, bis er Sitz von sich aus anbietet, würde ihm schnell langweilig werden. Er würde mitsamt Spielzeug abhauen. Also gebe ich stattdessen das Wortsignal, sobald er vor mir steht. Er läuft drei Schritte rückwärts, schwenkt mit dem Hinterteil um, geht rückwärts ins Fuß und setzt sich neben mein Bein. Hm. Ich entferne mich von ihm, rufe ihn, sage „Sitz“, sobald er vor mir steht. Das gleiche Spiel. Nach dem dritten Mal bin ich kurz davor, ungeduldig zu werden. Seit wann heißt denn Sitz nicht mehr „Setz dich an Ort und Stelle“, sondern „Lauf erstmal woanders hin“? Da kommt mir die Situation im Programmierkurs in den Sinn. Ich werfe einen Blick auf den „Code“ meiner Signale und merke sofort, dass ich einen Fehler mache. Im Vorhaben, das Spielzeug aufzunehmen, bevor er es fallen lässt, beuge ich mich ein winziges bisschen nach vorne. Dadurch nehme ich den Raum vor mir ein. Er kann sich gar nicht mehr dort hinsetzen! Deshalb weicht er in das aus, was er kennt und was dem Geforderten aus seiner Sicht am nächsten kommt. Beim nächsten Mal achte ich darauf, meinen Oberkörper gerade zu halten und mein Gewicht etwas nach hinten zu verlagern. Nachdem ich meinen Fehler korrigiert habe, funktioniert es wundersamerweise.

Es passiert mir nur sehr selten, dass ich etwas auf Anhieb fehlerfrei mache. Es geht darum, die Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Beim Programmieren und Rechnen ist das selbstverständlich. Auch beim Hundetraining sollte es so sein. Wenn etwas nicht funktioniert, sollte man doch zuerst bei sich selbst nach Fehlern suchen.

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Unsere liebe Hundetrainerin sah das anders. Ich solle jetzt „ruhig mal wütend werden“, als Kalle das Platz verweigerte. Es gibt Dinge auf dieser Welt, die mich wütend machen. (So unfassbar wütend, das ich die ganze Zeit schreien könnte. Wenn es denn irgendetwas nützen würde.) Ein Hund, der sich gerade nicht hinlegen möchte, gehört nicht dazu. Das ist mir relativ egal. Ich werde ja auch nicht wütend, wenn er gerade keine Lust auf „Flummi“ oder „Winke-Winke“ hat. (Für ihn ist das eine so ernsthaft wie das andere. Tatsächlich habe ich noch niemanden so ernsthaft winken sehen wie meinen Hund…) Wenn man auch nur ansatzweise grob oder ungeduldig mit Kalle umgeht, zieht er sich in sein inneres Schneckenhaus zurück. Er dreht den Kopf zur Seite, sieht einen nicht mehr an und reagiert überhaupt nicht mehr. Dann hilft es, wenn man ihm Raum gibt, sich von ihm entfernt, ein bisschen herumalbert, hüpft, ihn freundlich ruft und sich freut, wenn er kommt. Es hilft logischerweise überhaupt nicht, noch ungeduldiger zu werden.

Warum sollte ich ersteres nicht machen? Weil ich ja „Platz“ gesagt hatte. Weil ich mich durchsetzen muss.

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„Du musst dich durchsetzen.“ Wie oft habe ich diesen Satz als Kind gehört. Ich mochte ihn nie und mag ihn auch heute nicht. In der Schule sollte ich mich durchsetzen. Beim Sport sollte ich mich durchsetzen. Gegenüber den anderen Kindern sollte ich mich durchsetzen. Und erst recht gegenüber Tieren. Ich habe mich immer gefragt: Warum denn? Wenn mein Arbeitspartner bei einem gemeinsamen Projekt etwas anders machen möchte als ich, möchte ich doch seine Gründe verstehen. Vielleicht ist sein oder ihr Ansatz ja tatsächlich besser als meiner. Wenn mein Pferd einen bestimmten Weg nicht gehen möchte, hat das vielleicht einen guten Grund. Vielleicht lauert hinter dem nächsten Busch ja tatsächlich eine Gefahr. Und wenn mein Hund sich nicht hinlegen möchte, hat das vielleicht ebenfalls einen guten Grund. Vielleicht ist ihm der Boden unangenehm oder er fühlt sich in dieser Position angreifbar. Oder ich habe eben einen Fehler gemacht und ihm missverständliche Signale gegeben. Womit sich der Kreis schließt.

Und wenn es nun wirklich wichtig ist, dass er etwas tut oder eben nicht? Dann ist die Situation eine andere. Wenn ich verhindere, dass Kalle zu anderen Hunden läuft und sie anbellt, dann setze ich nicht mich durch. Ich setze ein Prinzip, einen Wert durch. Es geht hier um Rücksichtnahme, Respekt vor dem Freiraum der anderen und Verantwortung für Kalles Sicherheit. Damit habe ich keine Probleme. Was mich stört, ist dieses sinnentleerte Sich-Durchsetzen, dass im Grunde nur dem eigenen Ego dient.

In unserer Gesellschaft gilt Durchsetzungsfähigkeit als Stärke. Möglicherweise ist sie das bis zu einem gewissen Grad. Aber ich halte Selbstkritik und die Fähigkeit, Dinge aus der Perspektive meines Gegenübers zu betrachten, für wichtiger. Indem man es sich zugesteht, Fehler zu machen, gewinnt man an Freiheit. Indem man auf andere (egal ob Mensch oder Tier) eingeht, gewinnt man an Vertrauen. Man verliert nichts, wenn man sich nicht immer durchsetzt. Im Gegenteil.

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Freiheit, Gleichheit, Hundekuchen

Ich möchte, dass meine Hunde frei sind. Ich möchte, dass sie meine gleichwertigen Freunde sind. Die meisten Ratgeber zum Thema Hundeerziehung meinen jedoch, dass die Positionen im Rudel klar sein müssen. Dass man die Führung übernehmen muss, damit die Hunde das nicht selbst tun. Muss ich meinen Traum von Freiheit, Gleichheit, Hundekuchen aufgeben?

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Muss ich wirklich alles selbst entscheiden, während meine Hunde meinungslos hinter mir hertrotten? Ich glaube nicht. Die meisten Entscheidungen treffen wir gemeinsam mittels Stimmungsübertragung. Wenn wir beispielsweise im Sommer spazieren gehen, merke ich, wenn Kalle Pause machen möchte. Dann möchte ich ebenfalls Pause machen, denn ich will ja nicht, dass er sich überanstrengt. Also wähle ich einen Baum aus, unter den wir uns setzen können. In diesem Moment liegt Kalle bereits dort. Wie auch in vielen anderen Situationen kann ich nicht sagen, wer diese Entscheidung letztendlich getroffen hat. Ich glaube tatsächlich, dass wir es zusammen waren.

Mein kleines Rudel ist nicht basisdemokratisch organisiert. Wollen beide Hunde eine Katze jagen und ich nicht, so tun wir es nicht. Auch machen wir uns nicht die Mühe, uns an jeder Kreuzung darüber abzustimmen, welchen Weg wir nehmen. Der Aufwand würde sich ohne besonderen Grund nicht lohnen, daher gebe ich die Richtung einfach vor. Ganz ohne Regeln geht es auch nicht. Aber keine dieser Regeln ist willkürlich oder dient nur meinem eigenen Interesse. Alle haben einen Sinn, der die Sicherheit der Gruppe oder den Freiraum anderer Wesen bewahren soll.

Im Grunde haben meine Hunde und ich häufig die gleichen Interessen. Wenn wir zusammen etwas unternehmen, sind wir innerlich so eng miteinander verbunden, dass meist keine Konflikte entstehen, in denen ich mich durchsetzen müsste. Und wenn wir uns mal nicht einig sind, bemühe ich mich um Interessenausgleich. Ich setze nicht das durch, was ich möchte, sondern das, was für uns alle am besten ist. Ich glaube, meine Hunde kennen den Unterschied.

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Sehr oft habe ich schon folgende Situation erlebt: Wir sehen einen anderen Hund. Kalle wartet auf mich und ich nehme ihn an die Leine. Der andere Hund sieht uns und bleibt stehen. Der Hundebesitzer reagiert nicht. Der Hund läuft auf uns zu. Der Hundebesitzer reagiert nicht. Der Hund hat uns fast erreicht. Jetzt ruft sein Frauchen/Herrchen ihn. Der Hund gehorcht nicht. Das ist nicht allzu erstaunlich, denn er befindet sich bereits in einer sozialen Situation, in der er das Gesicht verlieren würde, wenn er plötzlich umdreht.

Neulich begegneten wir einem jungen Schäferhund mit seinem Herrchen. Der Weg war zu beiden Seiten bewachsen, es gab keine Ausweichmöglichkeit. Kalle und ich blieben so nah wie möglich am Rand stehen. Kalle sah den anderen starr an und forderte einen angemessenen Abstand. Der Schäferhund beschwichtigte und setzte zu einem Bogen an. Leider blaffte das Herrchen „Fuß“ und ging geradewegs auf uns zu. Sein Hund gehorchte und schlich mit abgewandtem Blick an uns vorbei. Kalle schnauzte ihn an, er solle gefälligst Abstand halten, bis ich ihn zurückhielt. Der arme Kerl wusste ja überhaupt nicht, wo hin mit sich. Er versuchte, alles richtig zu machen, und wurde von allen Seiten angemeckert.

Diese Situationen haben eines gemeinsam: Die Menschen hatten sie nicht verstanden. Trotzdem gaben sie Befehle und erwarteten, dass sie befolgt wurden. Das ist nicht nur anmaßend, sondern auch erfolglos und führt langfristig dazu, dass man seine Kompetenz in den Augen des Hundes verliert. Ich nehme mich selbst da nicht aus. Auch ich habe mich schon dabei ertappt, wie ich gedankenlos etwas von meinen Hunden gefordert habe, was weder erforderlich war noch irgendetwas an der aktuellen Situation verbessert hätte. Es passiert so schnell, weil wir Menschen uns für etwas Besseres halten und glauben, wir wüssten alles besser als unsere Hunde. Und weil wir reden, ohne vorher richtig nachgedacht zu haben. Ich versuche zu lernen, alle Entscheidungen bewusst zu treffen, wenn ich schon entscheiden muss. Alle Situationen vorher so genau wie möglich zu erfassen, und zwar aus den Blickwinkeln aller Beteiligten. Und dann zu beurteilen, was für alle am besten ist. So fühle ich mich auch einigermaßen wohl damit, für meine Hunde zu entscheiden, wenn es notwendig wird.

Und was die Gleichwertigkeit angeht: Das sind wir. Davon bin ich überzeugt. Wir haben zwar verschiedene Aufgaben, aber diese sind alle gleich wichtig. Zufällig fällt das Entscheiden in schwierigen Situationen eben in meinen Aufgabenbereich. Das ändert nichts daran, dass wir uns als Freunde auf der gleichen Ebene begegnen können.

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Wo wir gerade beim Thema Freiheit sind: Ich bin auch nicht immer so frei, wie ich es gerne wäre. Zum Beispiel werde ich in der gerade beginnenden Prüfungsphase mehr Zeit mit Lernen und weniger mit Schreiben verbringen, als ich gerne würde. Es kann hier kurzzeitig etwas ruhiger werden. Das wird sich wieder ändern.