Von Chico, Listenrindern und dem Schutz menschlicher Tiere

Wir schreiben das Jahr 2000. Zwei Stiere, genauer gesagt Angus-Rinder, entkommen von ihrer Weide, laufen auf einen Spielplatz und attackieren ein Kind. Das Kind verstirbt an seinen Verletzungen. Untersuchungen ergeben, dass die Besitzer es wohl witzig fanden, die Stiere darauf abzurichten, wehende Tücher anzugreifen. Das T-Shirt des Kindes muss dieses Verhalten auch auf dem Spielplatz ausgelöst haben. Die Politik reagiert sofort. Alle Angus-Rinder werden zu Listenrindern erklärt, die Gesellschaft durch die Medien von ihrer Gefährlichkeit überzeugt. Die Haltung von Listenrindern wird in Zukunft hoch besteuert und ist nur noch unter Auflagen möglich.

18 Jahre später. Der Zuchtbulle Chico (ebenfalls ein Angus-Rind) tötet seine beiden Besitzer. Das Ereignis löst eine Welle der Solidarität und Bestürzung aus. Solidarität nicht für die Opfer, sondern für das Tier, das sie getötet hat. Bestürzung darüber, dass es aufgrund seiner Gefährlichkeit geschlachtet werden soll. Die Besitzer seien ja selbst schuld. Schließlich haben sie Chico nicht artgerecht gehalten. Er musste den ganzen Tag im Stall stehen und durfte nie auf die Weide. Kein Wunder, das der Arme ausgerastet sei, die Besitzer hätten den Tod doch verdient. Free Chico!

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Zum Ausgleich für das schwierige Thema gibt es heute heitere Frühlingsbilder.

Diese Geschichte ist offensichtlich absurd. Natürlich ist sie auch nicht wahr. Aber fast. Ersetzt man „Rind“ durch „Hund“, ist sie so ähnlich passiert. (Angus-Rinder sind übrigens die erste Rasse, die mir eingefallen ist. Mir liegen keine Hinweise auf eine gesteigerte Gefährlichkeit dieser Rasse vor. Nur um das klarzustellen.) Und auch die wahre Geschichte ist absurd.

Hunde sprechen uns emotional an. Viel stärker als beispielsweise Rinder. Das erklärt möglicherweise die stark emotionalen Reaktionen. Wo doch rationales Handeln viel eher angebracht wäre.

Bei Hunden neigen wir zur Vermenschlichung. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch in Ordnung. Aber irgendwann wird es… absurd, wie gesagt. Überspitzt formuliert hat man nach dem Vorfall im Jahr 2000 reagiert, als hätte man es nicht mit einem Unfall, sondern mit dem Attentat einer Organisation zu tun gehabt. Und zwar einer, die nicht Teil des Rechtsstaates ist. Die Verschwörung der Kampfhunde. Plötzlich waren Hunde alleine wegen ihrer Abstammung verdächtig. Viele verloren alleine wegen ihrer Geburt Zuhause und Familie oder sogar ihr Leben. Wollte man seinen Hund behalten, musste man Auflagen erfüllen, erhöhte Steuern zahlen. Die Halter von Listenhunden fühlen sich diskriminiert, verständlicherweise.

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Eine diskriminierte, unverstandene Minderheit ruft Sympathien hervor. Menschen identifizieren sich. Die Stimmung schlägt ins andere Extrem um. Und plötzlich wird ein Hund zu einer Symbolfigur. Wird zum politischen Gefangenen. [1]

All das ist menschlich. Trotzdem müssen wir uns von Vorstellungen lösen, in denen wir uns selbst in Hunde projizieren. Wer einen erwachsenen Menschen respektiert, behandelt ihn nicht wie ein Kind. Wer ein Kind respektiert, behandelt es nicht wie einen Erwachsenen. Und wer einen Hund respektiert, behandelt ihn nicht wie einen Menschen.

Das hier habe ich in der Neuen Presse gefunden:

„Dass er sterben sollte, „stört das Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen, auch meins“, sagt Schwarzfeld. „In Deutschland gibt es keine Todesstrafe“, argumentiert er. „Sollen wir dann nicht auch Chico lieber lebenslänglich geben?“ „ [2]

Als ob es um Strafe und Gerechtigkeit ginge. Es ist ein Hund! Er ist nicht schuldfähig. Er kann keine Verantwortung übernehmen. Und er ist gefährlich.

Diese Vermenschlichung finde ich nicht richtig, aber doch irgendwie verständlich. Was ich nicht verstehe, sind die Wut und der Hass, die Chicos verstorbenen Besitzern entgegenschlägt. Denn auch wenn mich rücksichtsloses Verhalten, egal ob gegenüber Menschen oder anderen Tieren, traurig macht: Deshalb wünsche ich doch niemandem etwas Schlechtes. Hat mal jemand von diesen Leuten an die Angehörigen gedacht, die nicht „nur“ mit zwei Todesfällen, sondern auch noch mit irrationalen Anfeindungen zu kämpfen haben?

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Es gibt hier keinen Konflikt zwischen zwei Gruppen (Menschen und Tiere), in denen man Partei für eine Seite ergreifen könnte oder müsste. Es gibt uns menschliche Tiere und es gibt andere Tiere, für die wir die Verantwortung tragen. Wie Elena und Marie von Andershund schreiben: „In dieser Geschichte gibt es drei Opfer, zwei Menschen und einen Hund.“ [3]

Wie ein Weiterleben Chicos für ihn und diejenigen, die mit ihm umgehen müssen, bedeuten würde, wissen die beiden sehr viel besser als ich. Ich kann nur empfehlen, ihren Beitrag zu diesem Thema zu lesen.

Möchte ich also, dass Chico stirbt? Nein.

Halte ich es für notwendig? Ja.

Der Tierschutz hat hier für mich keine Grenze erreicht. Tierschutz hat keine Grenzen. Menschen sind Tiere. Und unsere Artgenossen. Wenn etwas also Menschen gefährdet, statt sie zu schützen, dann ist das kein Tierschutz. Ganz einfach.

Und wenn man wirklich helfen möchte, dann nicht, indem man irgendwelche Petitionen unterschreibt oder laut tönt, man würde Chico sofort aufnehmen. Die Tierheime sind voller „schwieriger“ Hunde, die gut in einen normalen Alltag integrierbar sind. Sie warten auf ein gutes, verantwortungsvolles Zuhause oder auch sachkundige Menschen, die, solange sie im Tierheim wohnen, mit ihnen spazieren gehen. Einrichtungen, die sich um nicht vermittelbare Hunde kümmern, benötigen finanzielle Unterstützung, um Hunde aufnehmen zu können, die andernfalls getötet werden (und die selbst nie jemanden getötet haben, nicht in den Medien landen und keine Petitionen bekommen).

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Und, um zu den anfangs erwähnten Rindern zurückzukommen: Sie und alle anderen sogenannten Nutztiere haben ebenfalls unseren Schutz verdient. Über unser Konsumverhalten können wir ebenfalls viel zum Tierschutz beitragen – gegen die Ausbeutung menschlicher und nicht-menschlicher Tiere. Richtig verstandener Tierschutz engagiert sich für alle Tiere. Nicht, blind für alle anderen, ausschließlich für Hunde.

Der Tierschutzgedanke wird stärker. Das ist gut so. Wir scheinen langsam zu begreifen, dass wir nur verlieren, wenn wir uns immer weiter von den anderen Tieren entfernen. Wir müssen nur noch eine Art ganzheitlichen Ansatz der Umsetzung finden. Tierschutz, der jedes Tier als das respektiert, was es ist. Egal, ob Mensch, Hund oder Schwein. Tierschutz, der Verantwortung übernimmt. Wenn wir aufhören, die Augen zu verschließen oder uns in Anschuldigungen gegen andere zu verlieren, sondern jeder Einzelne verantwortungsvoll handeln, bin ich zuversichtlich, dass wir es schaffen.

Nachtrag: Kurz nachdem ich diesen Beitrag fertig gestellt hatte, habe ich erfahren, dass Chico eingeschläfert wurde. Es war die richtige Entscheidung. Mögen alle drei Opfer Frieden finden.

 

[1] http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/chico-aus-hannover-hunde-eine-liebe-die-alles-ueberlagert-kommentar-a-1202430.html, 16.04.18

[2] http://www.neuepresse.de/Hannover/Meine-Stadt/Er-soll-auf-einen-Gnadenhof, 16.04.18

[3] https://www.anders-hund.de/der-traurige-fall-chico/, 16.04.18

 

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Korrekturen in der Hundeerziehung

Das Thema dieses Beitrags ist möglicherweise ein wenig kontrovers. Es geht um Korrekturen (d.h. in diesem Fall ein Einwirken auf den Hund, das ein bestimmtes Verhalten unterbricht oder im Ansatz verhindert) in der Hundeerziehung. Erlaubt oder nicht erlaubt?

Meine Antwort auf diese Frage ist die folgende: Es kommt darauf an. Geht es um Konditionierung oder Kommunikation?

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Konditionierung bedeutet, dass ein vormals neutraler Reiz mit einem besetzten Reiz verknüpft wird. Wenn man seinem Hund etwas beibringen möchte, das er nicht von Natur aus beherrscht (z.B. sich auf ein bestimmtes Signal hinzusetzen), funktioniert das über Konditionierung. In diesem Fall ist jede Korrektur eine Korrektur zu viel! Bevor ich das weiter ausführe, möchte ich ein paar Begriffe klären.

Positve Verstärkung: Das erwünschte Verhalten wird durch Hinzufügen eines angenehmen Reizes bestärkt. Zum Beispiel gibst du deinem Hund ein Leckerchen, wenn er sich bei der Begrüßung hinsetzt, anstatt an dir hochzuspringen.

Negative Verstärkung: Das erwünschte Verhalten wird durch Wegnehmen eines unangenehmen Reizes bestärkt. Du siehst das Problem: Damit man diesen Reiz wegnehmen kann, muss er erst mal da sein. Siehe nächster Punkt.

Positive Strafe: Das unerwünschte Verhalten wird durch Hinzufügen eines unangenehmen Reizes bestraft. Zum Beispiel wirfst du einen Schlüsselbund neben deinen Hund, wenn er an dir hochspringt. Mal ganz abgesehen davon, dass es nicht nett ist, sich zu erschrecken, bringt dieses Vorgehen weitere Probleme mit sich. Denn wer sagt, dass dein Hund die unangenehme Erfahrung wirklich mit dem Hochspringen verknüpft – und nicht etwa mit der Tasche, die du in der Hand hast, oder gar mit dir selbst?

Negative Strafe: Das unerwünschte Verhalten wird durch Wegnehmen/Vorenthalten eines angenehmen Reizes bestraft. Zum Beispiel entziehst du deinem Hund deine Aufmerksamkeit, wenn er an dir hochspringt.

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In entspannter, freundlicher Atmosphäre lernt es sich am besten.
Lernen sollte immer durch eine Kombination aus positiver Verstärkung und negativer Strafe stattfinden. („Negative Strafe“ hört sich natürlich erstmal „negativ“ an – das ist vermutlich der Grund, warum dieser Begriff so selten benutzt wird, während man „positive Verstärkung“ an jeder Ecke liest.) Nur dann kann dein Hund in entspannter Atmosphäre lernen, Selbstbewusstsein entwickeln und sich selbst in das Training einbringen. Jede Korrekturmaßnahme dämpft die Motivation des Hundes und ist langfristig kontraproduktiv. Eine Ausnahme kann ein „Falschsignal“ sein, eine konditionierte negative Strafe [1]. So wie man einen sekundären Verstärker (z.B. den Klicker) trainieren kann, kann man auch ein Signal für „falsch“ konditionieren. Nach diesem Signal gibt es dann eben keine Belohnung. Es ist wie das „Kalt“ beim Topfschlagen und zeigt dem Hund, dass er noch nicht auf dem richtigen Weg ist. Das kann selbstbewussten Hunden helfen, schwierige Tricks zu lernen, ist aber nicht notwendig. Mia kennt beispielsweise eines, Kalle nicht, da er sich zu schnell verunsichern lässt. Es ist ganz wichtig, dass dieses Signal vollkommen neutral gegeben wird, um nicht in den Bereich der positiven Strafe zu kommen.

Also: Im Allgemeinen keine Korrekturen, wenn es um das Erlernen neuer Verhaltensweisen geht.

Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Das Leben besteht nicht nur aus Konditionierung. Jedes intelligente Lebewesen kann konditioniert werden, Hunde aber verfügen zusätzlich über ein hochkomplexes Sozialverhalten. Und das kommt ohne Klicker aus! Jeder Hund weiß, was es bedeutet, wenn ein anderer ihn anknurrt. Hier habe ich schon mal einen Artikel über das Knurren und seine positiven Seiten geschrieben. Das Schöne ist, dass auch wir Menschen es nutzen können. Hunde erkennen Menschen als vollwertige Sozialpartner an – und wir können in ihrer eigenen Sprache mit ihnen kommunizieren. Die menschliche Entsprechung des Knurrens bezeichne ich hier als Abbruchsignal.

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Wichtig: Manchmal wird ein Signal, das über positive Strafe in Form von Schreckreizen trainiert wurde, ebenfalls als Abbruchsignal bezeichnet. Das meine ich hier nicht! Schreckreize haben in der Hundeerziehung nichts verloren. Warum ihre Anwendung keine gute Idee ist, erklären beispielsweise Julie und Bonnie in diesem Beitrag sehr gut.

Warum brauche ich ein Abbruchsignal?

Wir leben (leider) in einer Welt, die Hunde sehr einschränkt. Sie dürfen nicht jagen, ihr Revier nicht uneingeschränkt verteidigen, nicht die läufige Hündin des Nachbarn besuchen und nicht alles fressen, was ihnen unter die Nase kommt. Irgendwie müssen wir ihnen das verständlich machen. Und das geht am schönsten und einfachsten in ihrer eigenen Sprache. Natürlich kann man jedes Mal ein Alternativverhalten trainieren. Aber wenn man dein Hund jedes Mal, wenn er unerwünschtes Verhalten zeigt, ein alternatives Signal bekommt (Hier, Sitz, etc.), hat er nie die Chance zu lernen, was er eigentlich nicht machen soll. Im Gegenteil: Wurde das Signal wirklich rein über positive Verstärkung trainiert, wirkt es selbst als sekundärer Verstärker! [1] Dein Hund wird also das Verhalten, das er in diesem Moment zeigte, mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder zeigen. Sofern die Belohnung attraktiv genug für ihn ist. Ist sie das nicht, ist er wohl eher genervt, weil du immer ausgerechnet dann rufst, wenn es gerade spannend wird…

Beispiel:

Jahrelang sprang Mia am Kaninchenzaun hoch und erschreckte die Kleinen dadurch. Jedes Mal ließ ich sie sitzen, um das zu verhindern. Gab ich das Kommando rechtzeitig, funktionierte es. War ich zu spät, sprang sie gegen den Zaun. Wenn sie saß, fand sie die Gesamtsituation ziemlich doof. Das teilte sie mir auch lautstark mit. Jahrelang war ich genervt von diesem Verhalten. Dann las ich „Wanja und die wilden Hunde“ von Maja Nowak [2]. Mir ging auf, dass ich ihr in all der Zeit kein einziges Mal mitgeteilt hatte, was ich eigentlich nicht möchte. Ich schob sie ein Mal körpersprachlich vom Zaun weg. Warnte sie noch zwei Mal mit einem Zischen, wenn sie sich wieder näherte. Seitdem ist dieses Thema erledigt. Das Schöne ist, dass ich ihr nicht vorschreibe, was sie tun muss („Sitz“). Es gibt eine bestimmte Sache, die sie aus gutem Grund nicht tun soll. Ansonsten kann sie machen, was sie möchte. Kein Frust, kein Gejammer mehr!

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Warum ein Zischen?

Einfach so. Deinem Hund ist das Geräusch vollkommen unwichtig. Da ich mittlerweile sehr vertraut mit meinen Hunden bin, benötige ich häufig gar kein Geräusch mehr. Ein Blick reicht aus. Am Anfang und in kritischen Situationen hilft ein Geräusch aber, sich zu fokussieren und die Aufmerksamkeit des Hundes auf sich zu lenken. Es sollte kein Wort sein, weil wir Wörter häufig leichtfertig gebrauchen und ins „Quasseln“ kommen. Ansonsten kannst du dir ein beliebiges Geräusch aussuchen. Ich verwende je nach Situation „Scht“, „Sssss“, „T-t-t“ oder Ähnliches.

Und was unterscheidet ein Abbruchsignal jetzt konkret von einem konditionierten Strafreiz?

Du. Auch ein Computer kann einen Hund konditionieren. Ein Abbruchsignal ist aber mehr als eine simple Reizverknüpfung. Dahinter stehst du mit deiner Überzeugung, deiner Körpersprache und Ausstrahlung. Dein Hund reagiert nicht darauf, weil er eine Strafe fürchtet, sondern weil du ihm glaubwürdig zeigst, dass er deinen Entscheidungen vertrauen kann. Das heißt, du musst selbst davon überzeugt sein, dass deine Entscheidung in diesem Moment richtig ist, und bereit sein, sie freundlich durchzusetzen. Beispielsweise durch Körpersprache oder mittels einer Schleppleine. Das Wichtige ist, dass du immer ruhig und liebevoll bist. Wirst du laut oder grob, wirkst du nicht kompetent. Du erkennst den Unterschied an der Körpersprache des Hundes: Während er auf Strafreize bzw. Zurechtweisung ängstlich beschwichtigend reagiert, bleibt seine Körperhaltung bei einem richtig gegebenen Abbruchsignal entspannt neutral.

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Gerade habe ich Futter geworfen und ihm durch einen Blick mitgeteilt, dass er nicht hinterherlaufen darf. Seine Körperhaltung bleibt aufrecht und locker.
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Zum Vergleich: Hier hat er sich gerade erschreckt, weil er gegen den Ast gestoßen ist und dieser sich bewegt hat. Seine Körpersprache ist ganz anders als oben: Er weicht zurück, dreht sich weg und duckt den Hinterkörper ab.
Weil man den Ablauf auf dem Bild natürlich nicht sieht, kannst du dir das (leider etwas verwackelte) Video vom Futter-Werfen auf Instagram anschauen. Die Leckerchen, die er nicht nimmt, habe ich durch einen Blick und Körpersprache zum Tabu erklärt. Kalle zeigt kein Beschwichtigungsverhalten. Würde ich Beschwichtigungssignale bemerken, wüsste ich, dass ich etwas falsch gemacht habe.

Muss ich dafür eine Führungspersönlichkeit sein?

Nein. Das weiß ich, weil ich selbst kein besonders selbstsicherer Mensch bin. Ich kann es trotzdem. Und dann kannst du es schon lange. Natürlich schadet ein bisschen Selbstbewusstsein nicht. Aber wenn du überzeugt bist, dass das, was du erreichen möchtest, das Beste für deinen Hund ist, kommt das von alleine.

Beispiel:

Oben hatte ich das Anspringen erwähnt. Hier würde ich kein Abbruchsignal verwenden. Einfach weil mir der Anlass nicht wichtig genug ist. Zwar möchte ich keine schmutzige Kleidung haben – aber dann ist er doch so süß und freut sich so und eigentlich meine ich es gar nicht so ernst. Wen stören schon ein paar Pfotenabdrücke? Ich löse das Problem, indem ich mich direkt auf den Boden setze. Dann muss er mich gar nicht erst anspringen.

Also ist das so eine Art Wundermittel und alle Probleme erledigen sich von selbst?

Obwohl in Fernsehsendungen manchmal dieser Anschein erweckt wird, ist es wohl nicht überraschend, dass dem nicht so ist. Ein Hund mit starkem Jagdtrieb wird das Jagen nicht lassen, nur weil du ihm ein paar Mal mitteilst, dass er es nicht soll. Du wirst trotzdem trainieren müssen und aufmerksam bleiben, wenn du ihn von der Leine lässt. Instinkte und tief verankerte Gewohnheiten lassen sich nicht einfach abgewöhnen. Auch heute noch muss ich Kalle bei jedem Pferdeapfel von Neuem erklären, dass er nicht in den Mund gehört. Und wenn er einen Feldhasen sieht, bin ich froh, dass er an der Schleppleine ist.

Beispiel:

Eines von Kalles Hauptproblemen sind bekanntlich Hundebegegnungen. Durch ein sanftes „Sch“ im richtigen Moment und Bogenlaufen sind Begegnungen an der Leine kein Problem mehr. Der Bogen ist hier übrigens entscheidend: Kalle hat ein Recht auf den Abstand, den er braucht. Würde ich ihm das verwehren, könnte ich nicht erwarten, dass er meiner Entscheidung vertraut. Ist der Weg zu schmal, bringe ich ihn so weit wie möglich an den Rand und stelle mich vor ihn, um ihn zu schützen. Ist der andere Hund nicht angeleint, verbiete ich Kalle das Bellen/Knurren nicht, wenn ich nicht sicher bin, dass ich den anderen selbst fernhalten kann. Wenn ich den Ablauf der Begegnung bestimmen möchte, muss ich dafür sorgen, dass Kalles Bedürfnisse durch mein Handeln erfüllt werden.

So viel zu diesem Thema von meiner Seite. Neben meinen Erfahrungen stammt das eingeflossene Wissen aus diversen Büchern, die du teilweise unten und vollständig in der Literaturliste findest. Wie denkst du darüber?

 

Literatur

[1] Theby, Viviane: Die Hunde-Uni, Kynos, 2008

[2] Nowak, Maike Maja: Wanja und die wilden Hunde, Goldmann, 2012

[3] Löckenhoff, Ursula: Dogwalk, Kosmos, 2017

 

Die doppelte Portion Glück oder Mussten es wirklich gleich zwei sein?

Zweithund, eine gute Idee? Diese Frage stellt Julia von miDoggy diesen Monat zur Blogparade.

Mussten es wirklich gleich zwei sein? Das frage ich mich durchaus manchmal. Besonders, wenn ich mit zwei Hunden (von denen einer altersbedingte Gelenkprobleme  hat und nicht viele Treppen laufen sollte und der andere ängstlich ist und eine ruhige Umgebung braucht) in Frankfurt eine Wohnung suche. Wenn ich mich frage, wie ich Hundehaltung und Uni in Zukunft vereinbaren soll. Einen Hund könnte ich mit zur Uni nehmen. Aber zwei? Manchmal kommt es mir heute so vor, als sei die Entscheidung für Kalle nicht besonders durchdacht gewesen. Doch das war sie eigentlich.

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Die Voraussetzungen für einen Zweithund waren lehrbuchmäßig erfüllt. Der Ersthund mit acht Jahren gefestigt, sozialverträglich, nicht perfekt, aber vollkommen alltagstauglich erzogen. Level 1 der Hundeerziehung completed, Zeit für Level 2. Während Mia bewusst als einfacher Anfängerhund ausgesucht wurde, durfte es jetzt ein Hund „mit Vergangenheit“ sein. Ein Rüde, ähnliche Größe und Statur. Laufbedürfnis und Temperament sollten zusammen passen. Das heißt ein sportlicher Hund, der gerne unterwegs ist, aber zuhause zur Ruhe kommt und sie nicht ununterbrochen nervt. Sensibel sollte er sein, Trampeligkeit mag sie gar nicht. Kalle erfüllt all das. Die beiden verstehen sich gut, es gibt keinerlei Streitigkeiten zwischen ihnen.

An dieser Stelle ein kurzer Einschub:

Über Gleichberechtigung zwischen Hund und Mensch habe ich ja bereits geschrieben. Aber was ist eigentlich mit den Hunden untereinander? Das Lehrbuch sagt, dass ich einen Hund bevorzugen muss, um sie oder ihn als Ranghöchsten zu bestärken. Das wirft direkt zwei Fragen auf.

Erstens: Welchen?

Mia, weil sie älter, eine Hündin und selbstbewusster ist?

Kalle, weil er immer vorne steht, wenn sie auf ihr Futter warten, sie ohne Protest ihrerseits aus meiner Nähe verdrängen kann und über jede ihrer Markierungen seinerseits markiert (und umgekehrt nie)?

Zweitens: Möchte ich das?

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Die Antwort auf die erste Frage kenne ich nicht. Sie interessiert mich auch nicht. Die Antwort auf die zweite Frage lautet nämlich Nein. Ich behandele meine Hunde gleichberechtigt. Dadurch haben sie keinen erkennbaren Schaden genommen. Es gibt auch keine Konflikte zwischen ihnen. Das mag am großen Altersunterschied liegen, am verschiedenen Geschlecht der beiden oder einfach daran, dass sie bislang nicht so viel Interesse an der Weltherrschaft gezeigt haben, wie ihnen gerne unterstellt wird.

Ich behandele sie nicht gleich. Kalle braucht mehr Nähe, mehr Sicherheit, einen engeren Rahmen. Mia benötigt einen gewissen Freiraum. Aber ich bevorzuge keinen allgemein, versuche keine Rangordnung durchzusetzen. Stattdessen belohne ich rücksichtsvolles, „faires“ Verhalten. Wer dem anderen Futter oder Spielzeug überlässt, bekommt etwas Neues. Es gibt genügend Liegeplätze für alle, und ich kann zwei Hunde gleichzeitig kuscheln. So entstehen Konflikte gar nicht erst. Damit ist das Zusammenleben der beiden sehr harmonisch.

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Trotzdem gibt es zwei Punkte, die ich mir anders vorgestellt hatte:

  1. Beschäftigung der Hunde miteinander. Das stellt man sich ja so vor. Dann spielen die beiden schön, kuscheln vielleicht ein bisschen und ich muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mal weniger Zeit habe. Nix da. Gespielt wird genau dann, wenn ich beide dazu auffordere und das Spiel aktiv am Laufen halte. Von sich aus kommen sie nie auf die Idee zu spielen. Und kuscheln miteinander sowieso nicht. Da bin nur ich gefragt. Menschen sind einfach besser im Bauchikraulen, schätze ich.
  2. Hundebegegnungen. So ein verträglicher Ersthund ist nur bedingt nützlich bei der Sozialisierung des Zweithundes. Der ist nämlich möglicherweise viel zu sehr beschäftigt, sein Vorbild eifersüchtig zu verteidigen, als dass er sich irgendwelches Verhalten abschauen würde. Seit Kalles Einzug ist zudem Mias Interesse an anderen Hunden stark gesunken. Keiner von beiden legt Wert auf Kontakte zu anderen. Wozu auch, man hat ja einander.

Ein Zweithund bedeutet mehr Arbeit und komplizierteres Planen. Für zwei Hunde braucht man die doppelte Zeit, die doppelte Aufmerksamkeit. Man muss sich mit Hundeverhalten auseinandersetzen, Verantwortung übernehmen, weil sonst die Hunde das tun und zwangsläufig überfordert sind. Ist man dazu bereit, ist das Zusammenleben mit zwei Hunden wunderschön. Ein Hund bedeutet Glück. Und ein zweiter Hund verdoppelt das Glück.

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Es gibt noch eine Frage, die sich hin und wieder in meinen Kopf schleicht. Die ich verdränge, weil ich nicht darüber nachdenken möchte. Mia ist dreizehn. Was wird, wenn sie einmal nicht mehr bei uns ist? Wird es wieder einen Zweithund geben? Ich bin optimistisch und nehme an, dass das noch eine ganze Weile hin ist. Dass ich bis dahin eine fest Arbeitsstelle und eine Wohnung habe. Wenn ich Glück habe, sind bei beidem auch zwei Hunde erlaubt. Wird Kalle sich auf eine andere Hündin einlassen? Die Voraussetzung des Gefestigtseins wird er nie erfüllen, dazu sitzt seine Angst zu tief. Er wird immer viel Aufmerksamkeit und Anleitung benötigen. Wäre es verantwortungslos, dann einen neuen Hund dazuzunehmen? Oder wäre es verantwortungslos, ihn ohne Hundegesellschaft zu lassen? Ein Hund braucht doch Sozialkontakte und auf Spaziergängen lässt er niemanden an sich heran. Auf diese Fragen habe ich bislang keine Antwort. Ich hoffe einfach, dass bis dahin noch viel Zeit ist. Und dass sich dann alles finden wird.

Berufung trifft Hund

Eine Blogparade von Anna Meißner zum Thema „der Hund als Berufung“. Ein Beitrag von Kerstin, Buddy und Amber, der mich berührt hat, mir so sehr aus dem Herzen spricht. Schon beginnen die Worte zu fließen.

Etwas mit Tieren wollte ich arbeiten. Früher, als Kind. Dann kamen die Überlegungen.

Etwas mit Hunden am liebsten. Genau wie Kerstin habe ich zuerst an Tierpflegerin gedacht. Nur ein kleines Problem gab es da: Meine Tierhaarallergie. Schon ein kurzer Aufenthalt im Katzen- oder Kleintierbereich zeigt, dass ich diesen Beruf von der Liste streichen kann. Also etwas mit Hunden, ohne andere Tiere. Hundetrainerin.

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Das Lernverhalten von Tieren fasziniert mich ungemein. Ich liebe es, mit Hunden zu trainieren, mit ihnen zu kommunizieren, von ihnen zu lernen. Als Hundetrainerin arbeitet man aber vorwiegend nicht mit Hunden, sondern mit Menschen. Und während ich die allermeisten Hunde spontan mag, ist das mit Menschen eher durchwachsen. Es gibt diejenigen, die das Beste für ihren Hund wollen und bereit sind, dafür zu arbeiten. Und es gibt diejenigen, die wollen, dass ihr Hund funktioniert. Allerdings wollen dafür nichts tun. Natürlich kann man sich weigern, mit solchen Leuten zu arbeiten. Sofern man sich das leisten kann und auf die Gefahr hin, dass sie sich fragwürdigeren „Trainingsmethoden“ zuwenden. In der Hundeschule hatten wir so einen Fall. Vernachlässigung, gewaltsame Erziehungsmethoden, irgendwann hat der Hund sich gewehrt und geschnappt. Wurde eingeschläfert und durch ein anderes Modell ersetzt. Die Hundeschule half der Familie bei der Auswahl und Erziehung des neuen Welpen, um wenigstens diesem das gleiche Schicksal zu ersparen. Das bewundere ich ehrlich. Genützt hat es nur bedingt. Dieser Hund hat nie einen Menschen verletzt. Nur sich selbst. Das Letzte, was ich von ihm gehört habe, ist, dass er sich die Pfoten blutig beißt. Wenn ich jetzt daran denke, wie dankbar er für jede Streicheleinheit war, was für ein fröhlicher Hund er bei den richtigen Menschen sein könnte, zerreißt es mir das Herz.

Diese Geschichte hat mir eines gezeigt: Ich kann das nicht. Ich bewundere alle, die damit umgehen können, sich auf das Positive konzentrieren können. Denn Hundetrainer helfen so vielen Hunden und Menschen, es sind ja nur wenige, für die man nichts tun kann. Es ist ganz sicher ein wundervoller Beruf. Aber für mich nicht der richtige.

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Es gibt noch ein paar Berufe mit Hunden, die mir einfallen. Aber alle haben irgendwelche Haken. Ist es das? Suche ich einen Beruf ohne Haken, Perfektion? Das trifft es nicht ganz. Es ist, wie Kerstin schreibt: Würde ich meine Leidenschaft für Hunde (oder auch für das Schreiben) zum Beruf machen, würde ich meine Freiheit aufgeben. Und keine der Möglichkeiten scheint mir das wert zu sein.

Also tue ich etwas „Vernünftiges“. Ich studiere Physik. Das sei das Richtige für mich, haben mir andere gesagt. In den ersten Semestern war ich mir da nicht so sicher, es war eigentlich etwas langweilig. Aber ich hatte auch keine bessere Idee. Zu diesem Zeitpunkt war ich außerdem bereits für Kalle verantwortlich und musste ihn in meiner Planung berücksichtigen. Und plötzlich wurde es spannend. Plötzlich konnte ich… die Welt sehen. Bis in die kleinsten Strukturen, bis in die Anfänge des Universums. Alles in diesen Gleichungen. Wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das ist es, was ich möchte. Eine Berufung? Vielleicht…

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Ein leises Bedauern, weil ich nicht mit Hunden arbeite, bleibt. Weil, um bei Faust zu bleiben, zwei Seelen in meiner Brust wohnen. Hunde und Physik einander manchmal ein bisschen den Platz streitig machen. Und wegen des Wissens, dass die Forschung wohl auf Dauer nicht mit Hundehaltung vereinbar sein wird. Noch funktioniert es gut, auch dank der Hilfe meiner Mutter. Doch irgendwann würde ich die Uni wechseln, möglicherweise weit weg ziehen müssen. Kalle hat einen Platz in meinem Herzen, von dem ihn nicht einmal die Physik verdrängen kann. Die Entscheidung wird keine sein. Irgendwann werde ich die Forschung wohl aufgeben müssen. Eine andere Berufung finden, das wird sich ergeben. Aber nicht heute.

Von Angst und Wegen

Wenn ihr uns kennt, wisst ihr, dass Kalle ein ängstlicher Hunde ist. Bis jetzt habe ich mich an das Thema Angst auf diesem Blog noch nicht herangewagt, weil es so vielschichtig und komplex ist, dass ich fürchte, ihm nicht gerecht zu werden. Deshalb gleich vorweg: Wie immer bin ich keine Hundetrainerin, Hundeverhaltenstherapeutin, Tierärztin oder sonst irgendeine Expertin. Ich kann nur gesammeltes Wissen und eigene Erfahrungen weitergeben. Letztere sind hochgradig individuell und haben keinen Anspruch auf Allgemeinheit. Eine komplette Literaturliste findet ihr hier, die wichtigsten Quellen stehen auch noch mal unten.

In diesem Beitrag soll es um den Umgang mit Angst bei Hunden gehen, das heißt um die zentrale Frage: Was hilft gegen Angst? Ich werde versuchen, einen groben Überblick über die Möglichkeiten zu geben, die für uns hilfreich waren und sind. Um mir selbst den Einstieg ein wenig zu erleichtern, fange ich aber mal umgekehrt an: Was hilft nicht? Drei Sätze, die ich immer wieder zu hören bekomme:

„Da muss der durch.“

Sagt wer? Und warum? Gibt es irgendeinen vernünftigen Grund dafür? Vielleicht schon. Vielleicht geht es um eine notwendige, dringende Tierarztbehandlung, für die man Stress und Angst in Kauf nehmen muss. Meistens kann man die furchteinflößenden Situationen aber auflösen oder im Vorhinein vermeiden oder zumindest alles tun, um den Stress so gering wie möglich zu halten. Und wenn das möglich ist, sollten wir das auch tun. Schließlich tragen wir die Verantwortung für unsere Hunde. Und ich sehe nicht, warum sie um jeden Preis „dadurch müssen“. Das hilft nämlich überhaupt nicht. Was uns zur nächsten Aussage führt.

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„Der merkt dann schon, dass nichts passiert.“

Wäre schön, aber leider funktioniert das im Allgemeinen nicht. Ist die Angst zu groß, ist das Gehirn nicht mehr lernfähig. Seinen Ängsten ausgesetzt zu sein ist für den Hund eine unangenehme Erfahrung, auch wenn von außen betrachtet „nichts passiert“. Dadurch wird die Angst mit der Zeit eher schlimmer als besser. Damit tatsächlich eine Desensibilisierung stattfinden kann, muss das Heranführen an den Reiz so langsam geschehen, dass keine Angstreaktion hervorgerufen wird! (Siehe unten.)

„Tut er dir denn gar nicht leid?“

Halte mich für einen herzlosen Menschen, aber die Antwort ist nein. So viele Hunde (und Menschen und andere Tiere) tun mir furchtbar leid, weil ich ihnen nicht helfen kann. Aber Kalle kann ich helfen. Er hat unfassbares Glück. Er ist die meiste Zeit über ein fröhlicher Hund, tut sich selbst nicht leid und mir auch nicht. Mitleid würde ihm auch kein bisschen helfen. Wie erwähnt beschütze ich ihn. Aber ich packe ihn nicht in Watte. Ein gewisses Maß an Stress ist meiner Meinung nach zumutbar, wenn das der Preis für schöne Erlebnisse ist. Das heißt im Vergleich zu den ersten beiden Punkten: Ich schleppe meinen Hund nicht in die Stadt, nur weil er da angeblich irgendwie durch muss. Aber ich gehe spazieren, auch in fremder Umgebung, in der wir unvorhergesehen mit Angstauslösern konfrontiert werden könnten, um gemeinsam Schönes zu erleben. Und zum Beispiel: Obwohl die Knallerei vor Sylvester Kalle Angst macht, steht er an der Tür, sobald ich die Jacke zum Spaziergang anziehe. Leicht zitternd zwar, aber entschlossen. Vielleicht ist es nur seine Absicht, seine Klientin nicht alleine in die Gefahr ziehen zu lassen. Ich glaube aber tatsächlich, dass ihm auch die Spaziergänge selbst so wichtig sind, dass er dafür seine Angst bis zu einem gewissen Grad in Kauf nimmt.

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Die schwierigere Frage ist natürlich: Was hilft dann?

Bindung und Führung

Wenn es etwas gibt, das für mich einer Universallösung jedes Problems am nächsten kommt, dann ist das die Bindung. Gerade für Angsthunde sind Bindung und Vertrauen enorm wichtig. Sie verhindern, dass der Hund in seiner Panik versinkt oder kopflos flüchtet. Mit einer guten Bindung kannst du deinem Hund Vorbild und verlässlicher Schutz sein. Wenn er die Erfahrung macht, dass du in jeder Situation eine Lösung weißt, die ihm hilft, ist das eine enorme Entlastung für ihn. Sobald Kalle irgendetwas unheimlich oder erschreckend findet, schaut er als erstes zu mir, um sich Hilfe zu suchen. Ich entscheide dann sofort, wie wir reagieren. Manchmal ist keine Reaktion erforderlich, beispielsweise wenn es entfernt geknallt hat. Dann kommentiere ich nur „Das ist in Ordnung“ und wir machen normal weiter, was wir unterbrochen hatten. In anderen Situation müssen wir zum Beispiel zur Seite ausweichen oder, wenn Weitergehen nicht zumutbar wäre, umdrehen und uns von dem Auslöser entfernen. Oder aber wir gehen hin und schauen uns die Sache gemeinsam an, etwa bei einem gruseligen Gegenstand. Mit Führung meine ich aber nicht nur das Treffen von Entscheidungen, sondern auch einfach das Vorneweggehen. Kalle ist sehr viel entspannter, wenn ich dafür sorge, dass er hinter mir läuft. Erstens sieht er mich dann die ganze Zeit und zweitens werde ich als Erste gefressen, wenn hinter dem nächsten Busch ein Zombie hervorspringt. Beim Mantrailing, wo er ja vorne laufen sollte, war seine Botschaft oft ganz klar: „Da müssen wir entlang. Aber ich gehe nicht vor.“

Leine

Als ehemaliger Straßenhund fand Kalle die Leine anfangs äußerst doof. Und er war erstaunlich gut darin, sie in kürzester Zeit durchzubeißen. Dann stand ich plötzlich mit einem losen Leinenende in der Hand da und musste zusehen, dass ich den Hund wieder einfange. Im Laufe der Zeit jedoch hat sich seine Einstellung zur Leine komplett gewandelt. Heute ist sie keine Einschränkung mehr für ihn, sondern seine Verbindung zu mir. Natürlich ist dir klar, dass du deinen Hund in kritischen Situationen zu seinem eigenen Schutz immer mit der Leine sichern solltest. Aber die Leine kann noch mehr! Du kannst eine dauerhafte leichte Verbindung zu deinem Hund herstellen, die ihm Sicherheit vermittelt, indem du einen ganz sachten Zug aufrechterhälst. Du kannst deinen Hund sanft in die gewünschte Richtung dirigieren, sodass er sich gehalten und sicher geführt fühlt. Obwohl ich grundsätzlich nichts gegen Halsbänder habe, würde ich für ängstliche Hunde übrigens unbedingt ein Geschirr empfehlen. Das erwähnte Dirigieren wird dadurch deutlich einfacher und angenehmer für den Hund. Außerdem kann es immer passieren, dass der Hund sich so erschreckt, dass er in die Leine rennt, was mit Halsband unangenehm wäre.

Da sein

Das Unschöne an der Angst ist das Gefühl der Hilflosigkeit, das mit ihr einhergeht. Nicht nur beim Betroffenen, sondern auch demjenigen, der versucht zu helfen. Man kann seinen Hund nicht komplett vor Angst bewahren, manchmal kann man nicht einmal mehr tun, als man bereits versucht hat, um die Angst zu lindern. Aber die gute Nachricht ist: Alleine durch deine Anwesenheit hilfst du deinem Hund. Das sagt dir womöglich schon dein Gefühl. Ich selbst habe auch immer gerne wissenschaftliche Belege: Laut einer Studie von David Tuber an Tierheimhunden dämpft die Anwesenheit eines bekannten Menschen den Anstieg des Glukokortikoidspiegels (hinter diesem lustigen Namen verbergen sich Stresshormone wie etwa Cortisol) und das Unruheverhalten, die durch Unterbringung in einer unbekannten Umgebung entstehen. [1] Du brauchst dich also nicht hilflos zu fühlen, auch wenn du mal nichts weiter tun kannst, als einfach nur da zu sein. Denn das ist schon enorm viel.

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Körperkontakt

Wie viel Körperkontakt ein Hund braucht und möchte, ist sehr individuell. Wenn dein Hund Körperkontakt sucht, solltest du das auf jeden Fall zulassen. Gleichzeitig wäre es aber nicht gut, sich aufzudrängen. Wenn Kalle draußen ängstlich stehen bleibt, stelle ich mich oft direkt neben ihn. Er überbrückt dann die fehlenden Zentimeter und lehnt sich an mein Bein. Dadurch entspannt er so weit, dass wir weitergehen können. Auch zuhause lasse ich ihn immer selbst entscheiden, wie viel er Nähe er möchte. Massagen können ebenfalls helfen, sich zu entspannen. An Sylvester habe habe ich zum ersten Mal Tellington TTouch ausprobiert und fand es sehr hilfreich, Kalle lag (zumindest vor zwölf Uhr) entspannt und mit geschlossenen Augen auf der Seite, während ich ihn massiert habe, obwohl ich es unprofessionell und teilweise recht intuitiv gemacht habe.

Stimmungsübertragung

Deine eigene Stimmung überträgt sich auf deinen Hund. Strahlst du Selbstbewusstsein und Zuversicht aus, färbt das auch auf deinen Hund ab. So weit die Theorie. Immer wieder begegne ich Leuten, die das für die Realität halten: Ich muss nur die richtige Ausstrahlung haben, schon sind meine Probleme erledigt. Das sieht man ja so im Fernsehen. Diese Leute haben in der Regel Hunde, die von Natur aus fröhlich und selbstsicher sind, und sind der festen Überzeugung, dies sei allein ihr Verdienst durch ihre tolle Ausstrahlung. Stimmungsübertragung ist eine tolle Sache und funktioniert innerhalb gewisser Grenzen wunderbar. Aber du kannst noch so selbstbewusst auftreten: Die Ängste deines Hundes werden dadurch nicht weggezaubert. Und wo wir schon beim Zaubern sind: Bislang habe ich es noch nicht geschafft, mir große Selbstsicherheit herbeizuzaubern. Was ich dagegen gut kann, ist Ruhe auszustrahlen und auf Tiere zu übertragen. Ich kann Kalle aus Hektik und Panik herausholen, ihn beruhigen, sodass er zugänglich für vernünftige Entscheidungen wird. Erst wollte ich versuchen, das hier im Einzelnen zu beschreiben, aber dann habe ich gemerkt, dass es vermutlich ziemlich zwecklos ist, da das einfach bei jedem anders ist. Vielleicht kannst du ebenfalls gut Ruhe übertragen, vielleicht auch tatsächlich Selbstsicherheit, Zuversicht oder etwas ganz anderes. All das ist gut. Dein Hund braucht genau dich und deine Stärken.

Ablenkung

Ist die Angst nicht zu groß, kann Ablenkung helfen. Zum Beispiel, indem du einfache Tricks abrufst, die dein Hund gut beherrscht und die ihm Spaß machen. Vielleicht kennst du das von dir selbst: Man fühlt sich besser, wenn man etwas zu hat. Durch die Erfolgserlebnisse und viel Lob wird außerdem das Selbstbewusstsein des Hundes wieder aufgebaut.

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Training

Natürlich ist es auch möglich und sehr sinnvoll, durch Training gezielt an den Ängsten deines Hundes zu arbeiten. Um den Rahmen dieses Blogbeitrags nicht völlig zu sprengen, erwähne ich nur die Möglichkeiten, ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Sehr detaillierte Anleitungen findest du beispielsweise in [2]. Möglicherweise werde ich auch in einem späteren Beitrag noch mal näher auf die einzelnen Punkte eingehen.

  • Desensibilisierung: Schrittweises Heranführen an den Auslöser, indem man immer knapp unterhalb der Schwelle bleibt, oberhalb der eine Angstreaktion ausgelöst wird.
  • Gegenkonditionierung (klassisch): Gleiches Prinzip wie Desensibilisierung, nur dass hier der Auslöser noch zusätzlich durch einen Verstärker positiv verknüpft wird, meist durch Futter.
  • operante Gegenkonditionierung: Wie oben, allerdings muss der Hund für das Futter zuerst etwas tun, beispielsweise deine Hand berühren.

Das möchte ich hier nicht ohne den folgenden Warnhinweis stehen lassen: Konditionierung funktioniert in beide Richtungen. Wird dein Hund etwa gerne gestreichelt, könntest du auf die Idee kommen, ihn zu streicheln, wenn er mit dem Angstauslöser konfrontiert wird, um letzteren positiv zu verknüpfen. Wird aber nun eine Angstreaktion bei deinem Hund ausgelöst, verknüpft er möglicherweise das negative Gefühl mit dem Streicheln und wird sich in Zukunft unwohl fühlen, alleine wenn du ihn streichelst. Deshalb ist es enorm wichtig, in einem Bereich zu bleiben, in dem keine oder nur eine ganz schwache Angstreaktion hervorgerufen wird und sehr attraktive Verstärker zu verwenden wie sehr leckeres Futter. Dieses kann man ständig wechseln, um nicht versehentlich eine bestimmte Futtersorte negativ zu verknüpfen.

Unterstützende Maßnahmen

Daneben gibt es noch ein paar Möglichkeiten, wie du deinen Hund zusätzlich unterstützen kannst. Gute Erfahrungen haben wir mit einem Hunde-Shirt („Thundershirt“) gemacht. Mit Shirt ist Kalle deutlich entspannter, der Unterschied ist selbst für Skeptiker wie mich klar erkennbar. Der Nachteil ist allerdings, dass diese Shirts im Sommer zu warm sind. Stattdessen ziehe ihm dann einfach sein Geschirr an, damit erziele ich den gleichen Effekt. Außerdem verwenden wir ein Pheromonspray, von dem ich zwar den Eindruck habe, dass es etwas hilft, ohne aber eine zweifelsfreie Aussage treffen zu können. Es sind einfach zu viele Effekte, die da mit hinein spielen. Das Gleiche gilt für die Beruhigung mit klassischer Musik. Es sei noch erwähnt, dass man Ängste auch mit Kräutern, Bachblüten, homöopathischen oder schulmedizinischen Medikamenten behandeln kann. Damit habe ich aber keine Erfahrungen, da solltest du mit einem Tierarzt oder -heilpraktiker sprechen.

Trösten?

Die Sache mit dem Trösten ist immer ein Streitthema. Allerdings habe ich manchmal den Eindruck, dass ein Teil des Streits einfach in verschiedenen Definitionen von Trösten begründet ist. Manchmal sehe ich Hunde, die an der Leine ängstlich vor fremden Menschen zurückweichen. Dann drehen sich die Besitzer zu ihren Hunden um, beugen sich über sie, patschen ihnen von oben mit der Hand auf den Kopf und sagen etwas wie „Was hast du denn, du musst doch keine Angst haben.“ Trösten in dieser Form ist sicher falsch! Nicht weil man die Ängste des Hundes durch einen Verstärker bestätigt, sondern weil der „Trost“ selbst als unangenehm empfunden wird. Selbst wenn man es höflicher machen würde: Der Hund möchte in dieser Situation vermutlich keine soziale Zuwendung, sondern eine Lösung seines Problems. Das Beste wäre wohl, dem Hund Schutz zu bieten, indem man sich mit dem Rücken zum Hund zwischen ihn und den fremden Menschen stellt. Anders sieht es aus, wenn die scheinbare Bedrohung weniger konkret ist und bereits alles für den Schutz des Hundes getan ist, beispielsweise an Sylvester. Man ist sicher im Haus, die Rollläden sind heruntergelassen, alle Maßnahmen getroffen und man kann nichts weiter tun, als die Knallerei abzuwarten. Ob und wie man jetzt trösten sollte, hängt meiner Meinung nach stark vom Hund ab. Du selbst kannst deinen Hund am besten einschätzen. Vielleicht möchte er kuscheln, vielleicht möchte er einfach nur neben dir liegen oder vielleicht möchte er sich auch zurückziehen und einfach seine Ruhe haben. All das ist in Ordnung. Wichtig ist, nichts zu dramatisieren und die Bedürfnisse deines Hundes wahrzunehmen und zu respektieren. Möglicherweise hast du wie ich das Bedürfnis, kleine, verängstigte Wesen in den Arm zu nehmen und an dich zu drücken. Wir sollten dieses Bedürfnis jedoch nicht über die Interessen des kleinen Wesens stellen, das vielleicht ganz andere Vorstellungen von hilfreichen Trost hat.

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Der eigene Weg

Ich kenne einige Leute, denen Hausarbeit hilft, wenn sie angespannt und nervös sind. Bei mir verstärkt das die Anspannung. Wenn meine Gedanken nicht beschäftigt sind, fangen sie an zu kreisen und mich verrückt zu machen. Ich löse in so einem Fall gerne Gleichungen im Kopf, das erfordert Konzentration und wirkt auf mich entspannend. Sicher gibt es Leute, denen das überhaupt nicht helfen würde. Wir sind alle verschieden. Bei Hunden ist das nicht anders. Kalle braucht Weite und Übersicht, um zu entspannen, andere Hunde brauchen ein sicheres Versteck. Du kannst selbst herausfinden, was deinem Hund gut tut. Lass dich nicht verunsichern, wenn andere es anders machen. Alles was ich bisher geschrieben habe, ist das, was für uns richtig ist. Immer wieder behaupten Leute, ihr eigener Weg sei der einzig richtige. Das ist natürlich Quatsch. Ich habe dir einen Teil unseres Weges gezeigt. Wenn dir das hilft, euren eigenen zu finden, würde mich das sehr glücklich machen.

 

Literatur

[1] D. S. Tuber, M. B. Hennesy, S. Sanders and J. A. Miller (1996): Behavioural and glucocorticoid responses of adult domestic dogs (Canis familiaris) to companionship and social separation, Journal of Comparative Psychology, 110(1), 103-108

[2] Nicole Wilde (2006): Help for Your Fearful Dog: A Step-by-Step Guide to Helping Your Dog Conquer His Fears. Deutsche Ausgabe: Der ängstliche Hund, Kynos, 2008

[3] Patricia McConnell (2007): For the Love of a Dog. Deutsche Ausgabe: Liebst du mich auch?, Kynos, 2008

[4] Udo Gansloßer und Kate Kitchenham (2012): Forschung trifft Hund, Kosmos

Warum ich mich nicht durchsetzen möchte

Anfängerkurs Programmierung vor zwei Jahren. Mein Kommilitone neben mir hat ein Problem. Sein Programm läuft nicht. Er schimpft auf seinen Computer. Schon seit einer ganzen Weile. Das erscheint mir nicht als die erfolgversprechendste Methode der Problemlösung. Ich werfe einen Blick auf seinen Code und teile ihn mit, dass er in Zeile Weiß-ich-jetzt-nicht-mehr einen Fehler hat. (Ja, ich weiß, wie man sich beliebt macht.) Nachdem er den Fehler korrigiert hat, funktioniert es wundersamerweise.

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Ein paar Wochen später. Ich möchte Kalle das Vorsitzen beim Apportieren beibringen. Normalerweise bin ich ein Freund von freiem Formen. Nun hat er aber sein Spielzeug zwischen den Zähnen, und wenn ich warte, bis er Sitz von sich aus anbietet, würde ihm schnell langweilig werden. Er würde mitsamt Spielzeug abhauen. Also gebe ich stattdessen das Wortsignal, sobald er vor mir steht. Er läuft drei Schritte rückwärts, schwenkt mit dem Hinterteil um, geht rückwärts ins Fuß und setzt sich neben mein Bein. Hm. Ich entferne mich von ihm, rufe ihn, sage „Sitz“, sobald er vor mir steht. Das gleiche Spiel. Nach dem dritten Mal bin ich kurz davor, ungeduldig zu werden. Seit wann heißt denn Sitz nicht mehr „Setz dich an Ort und Stelle“, sondern „Lauf erstmal woanders hin“? Da kommt mir die Situation im Programmierkurs in den Sinn. Ich werfe einen Blick auf den „Code“ meiner Signale und merke sofort, dass ich einen Fehler mache. Im Vorhaben, das Spielzeug aufzunehmen, bevor er es fallen lässt, beuge ich mich ein winziges bisschen nach vorne. Dadurch nehme ich den Raum vor mir ein. Er kann sich gar nicht mehr dort hinsetzen! Deshalb weicht er in das aus, was er kennt und was dem Geforderten aus seiner Sicht am nächsten kommt. Beim nächsten Mal achte ich darauf, meinen Oberkörper gerade zu halten und mein Gewicht etwas nach hinten zu verlagern. Nachdem ich meinen Fehler korrigiert habe, funktioniert es wundersamerweise.

Es passiert mir nur sehr selten, dass ich etwas auf Anhieb fehlerfrei mache. Es geht darum, die Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Beim Programmieren und Rechnen ist das selbstverständlich. Auch beim Hundetraining sollte es so sein. Wenn etwas nicht funktioniert, sollte man doch zuerst bei sich selbst nach Fehlern suchen.

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Unsere liebe Hundetrainerin sah das anders. Ich solle jetzt „ruhig mal wütend werden“, als Kalle das Platz verweigerte. Es gibt Dinge auf dieser Welt, die mich wütend machen. (So unfassbar wütend, das ich die ganze Zeit schreien könnte. Wenn es denn irgendetwas nützen würde.) Ein Hund, der sich gerade nicht hinlegen möchte, gehört nicht dazu. Das ist mir relativ egal. Ich werde ja auch nicht wütend, wenn er gerade keine Lust auf „Flummi“ oder „Winke-Winke“ hat. (Für ihn ist das eine so ernsthaft wie das andere. Tatsächlich habe ich noch niemanden so ernsthaft winken sehen wie meinen Hund…) Wenn man auch nur ansatzweise grob oder ungeduldig mit Kalle umgeht, zieht er sich in sein inneres Schneckenhaus zurück. Er dreht den Kopf zur Seite, sieht einen nicht mehr an und reagiert überhaupt nicht mehr. Dann hilft es, wenn man ihm Raum gibt, sich von ihm entfernt, ein bisschen herumalbert, hüpft, ihn freundlich ruft und sich freut, wenn er kommt. Es hilft logischerweise überhaupt nicht, noch ungeduldiger zu werden.

Warum sollte ich ersteres nicht machen? Weil ich ja „Platz“ gesagt hatte. Weil ich mich durchsetzen muss.

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„Du musst dich durchsetzen.“ Wie oft habe ich diesen Satz als Kind gehört. Ich mochte ihn nie und mag ihn auch heute nicht. In der Schule sollte ich mich durchsetzen. Beim Sport sollte ich mich durchsetzen. Gegenüber den anderen Kindern sollte ich mich durchsetzen. Und erst recht gegenüber Tieren. Ich habe mich immer gefragt: Warum denn? Wenn mein Arbeitspartner bei einem gemeinsamen Projekt etwas anders machen möchte als ich, möchte ich doch seine Gründe verstehen. Vielleicht ist sein oder ihr Ansatz ja tatsächlich besser als meiner. Wenn mein Pferd einen bestimmten Weg nicht gehen möchte, hat das vielleicht einen guten Grund. Vielleicht lauert hinter dem nächsten Busch ja tatsächlich eine Gefahr. Und wenn mein Hund sich nicht hinlegen möchte, hat das vielleicht ebenfalls einen guten Grund. Vielleicht ist ihm der Boden unangenehm oder er fühlt sich in dieser Position angreifbar. Oder ich habe eben einen Fehler gemacht und ihm missverständliche Signale gegeben. Womit sich der Kreis schließt.

Und wenn es nun wirklich wichtig ist, dass er etwas tut oder eben nicht? Dann ist die Situation eine andere. Wenn ich verhindere, dass Kalle zu anderen Hunden läuft und sie anbellt, dann setze ich nicht mich durch. Ich setze ein Prinzip, einen Wert durch. Es geht hier um Rücksichtnahme, Respekt vor dem Freiraum der anderen und Verantwortung für Kalles Sicherheit. Damit habe ich keine Probleme. Was mich stört, ist dieses sinnentleerte Sich-Durchsetzen, dass im Grunde nur dem eigenen Ego dient.

In unserer Gesellschaft gilt Durchsetzungsfähigkeit als Stärke. Möglicherweise ist sie das bis zu einem gewissen Grad. Aber ich halte Selbstkritik und die Fähigkeit, Dinge aus der Perspektive meines Gegenübers zu betrachten, für wichtiger. Indem man es sich zugesteht, Fehler zu machen, gewinnt man an Freiheit. Indem man auf andere (egal ob Mensch oder Tier) eingeht, gewinnt man an Vertrauen. Man verliert nichts, wenn man sich nicht immer durchsetzt. Im Gegenteil.

Freiheit, Gleichheit, Hundekuchen

Ich möchte, dass meine Hunde frei sind. Ich möchte, dass sie meine gleichwertigen Freunde sind. Die meisten Ratgeber zum Thema Hundeerziehung meinen jedoch, dass die Positionen im Rudel klar sein müssen. Dass man die Führung übernehmen muss, damit die Hunde das nicht selbst tun. Muss ich meinen Traum von Freiheit, Gleichheit, Hundekuchen aufgeben?

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Muss ich wirklich alles selbst entscheiden, während meine Hunde meinungslos hinter mir hertrotten? Ich glaube nicht. Die meisten Entscheidungen treffen wir gemeinsam mittels Stimmungsübertragung. Wenn wir beispielsweise im Sommer spazieren gehen, merke ich, wenn Kalle Pause machen möchte. Dann möchte ich ebenfalls Pause machen, denn ich will ja nicht, dass er sich überanstrengt. Also wähle ich einen Baum aus, unter den wir uns setzen können. In diesem Moment liegt Kalle bereits dort. Wie auch in vielen anderen Situationen kann ich nicht sagen, wer diese Entscheidung letztendlich getroffen hat. Ich glaube tatsächlich, dass wir es zusammen waren.

Mein kleines Rudel ist nicht basisdemokratisch organisiert. Wollen beide Hunde eine Katze jagen und ich nicht, so tun wir es nicht. Auch machen wir uns nicht die Mühe, uns an jeder Kreuzung darüber abzustimmen, welchen Weg wir nehmen. Der Aufwand würde sich ohne besonderen Grund nicht lohnen, daher gebe ich die Richtung einfach vor. Ganz ohne Regeln geht es auch nicht. Aber keine dieser Regeln ist willkürlich oder dient nur meinem eigenen Interesse. Alle haben einen Sinn, der die Sicherheit der Gruppe oder den Freiraum anderer Wesen bewahren soll.

Im Grunde haben meine Hunde und ich häufig die gleichen Interessen. Wenn wir zusammen etwas unternehmen, sind wir innerlich so eng miteinander verbunden, dass meist keine Konflikte entstehen, in denen ich mich durchsetzen müsste. Und wenn wir uns mal nicht einig sind, bemühe ich mich um Interessenausgleich. Ich setze nicht das durch, was ich möchte, sondern das, was für uns alle am besten ist. Ich glaube, meine Hunde kennen den Unterschied.

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Sehr oft habe ich schon folgende Situation erlebt: Wir sehen einen anderen Hund. Kalle wartet auf mich und ich nehme ihn an die Leine. Der andere Hund sieht uns und bleibt stehen. Der Hundebesitzer reagiert nicht. Der Hund läuft auf uns zu. Der Hundebesitzer reagiert nicht. Der Hund hat uns fast erreicht. Jetzt ruft sein Frauchen/Herrchen ihn. Der Hund gehorcht nicht. Das ist nicht allzu erstaunlich, denn er befindet sich bereits in einer sozialen Situation, in der er das Gesicht verlieren würde, wenn er plötzlich umdreht.

Neulich begegneten wir einem jungen Schäferhund mit seinem Herrchen. Der Weg war zu beiden Seiten bewachsen, es gab keine Ausweichmöglichkeit. Kalle und ich blieben so nah wie möglich am Rand stehen. Kalle sah den anderen starr an und forderte einen angemessenen Abstand. Der Schäferhund beschwichtigte und setzte zu einem Bogen an. Leider blaffte das Herrchen „Fuß“ und ging geradewegs auf uns zu. Sein Hund gehorchte und schlich mit abgewandtem Blick an uns vorbei. Kalle schnauzte ihn an, er solle gefälligst Abstand halten, bis ich ihn zurückhielt. Der arme Kerl wusste ja überhaupt nicht, wo hin mit sich. Er versuchte, alles richtig zu machen, und wurde von allen Seiten angemeckert.

Diese Situationen haben eines gemeinsam: Die Menschen hatten sie nicht verstanden. Trotzdem gaben sie Befehle und erwarteten, dass sie befolgt wurden. Das ist nicht nur anmaßend, sondern auch erfolglos und führt langfristig dazu, dass man seine Kompetenz in den Augen des Hundes verliert. Ich nehme mich selbst da nicht aus. Auch ich habe mich schon dabei ertappt, wie ich gedankenlos etwas von meinen Hunden gefordert habe, was weder erforderlich war noch irgendetwas an der aktuellen Situation verbessert hätte. Es passiert so schnell, weil wir Menschen uns für etwas Besseres halten und glauben, wir wüssten alles besser als unsere Hunde. Und weil wir reden, ohne vorher richtig nachgedacht zu haben. Ich versuche zu lernen, alle Entscheidungen bewusst zu treffen, wenn ich schon entscheiden muss. Alle Situationen vorher so genau wie möglich zu erfassen, und zwar aus den Blickwinkeln aller Beteiligten. Und dann zu beurteilen, was für alle am besten ist. So fühle ich mich auch einigermaßen wohl damit, für meine Hunde zu entscheiden, wenn es notwendig wird.

Und was die Gleichwertigkeit angeht: Das sind wir. Davon bin ich überzeugt. Wir haben zwar verschiedene Aufgaben, aber diese sind alle gleich wichtig. Zufällig fällt das Entscheiden in schwierigen Situationen eben in meinen Aufgabenbereich. Das ändert nichts daran, dass wir uns als Freunde auf der gleichen Ebene begegnen können.

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Wo wir gerade beim Thema Freiheit sind: Ich bin auch nicht immer so frei, wie ich es gerne wäre. Zum Beispiel werde ich in der gerade beginnenden Prüfungsphase mehr Zeit mit Lernen und weniger mit Schreiben verbringen, als ich gerne würde. Es kann hier kurzzeitig etwas ruhiger werden. Das wird sich wieder ändern.