Freiheit, Gleichheit, Hundekuchen

Ich möchte, dass meine Hunde frei sind. Ich möchte, dass sie meine gleichwertigen Freunde sind. Die meisten Ratgeber zum Thema Hundeerziehung meinen jedoch, dass die Positionen im Rudel klar sein müssen. Dass man die Führung übernehmen muss, damit die Hunde das nicht selbst tun. Muss ich meinen Traum von Freiheit, Gleichheit, Hundekuchen aufgeben?

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Muss ich wirklich alles selbst entscheiden, während meine Hunde meinungslos hinter mir hertrotten? Ich glaube nicht. Die meisten Entscheidungen treffen wir gemeinsam mittels Stimmungsübertragung. Wenn wir beispielsweise im Sommer spazieren gehen, merke ich, wenn Kalle Pause machen möchte. Dann möchte ich ebenfalls Pause machen, denn ich will ja nicht, dass er sich überanstrengt. Also wähle ich einen Baum aus, unter den wir uns setzen können. In diesem Moment liegt Kalle bereits dort. Wie auch in vielen anderen Situationen kann ich nicht sagen, wer diese Entscheidung letztendlich getroffen hat. Ich glaube tatsächlich, dass wir es zusammen waren.

Mein kleines Rudel ist nicht basisdemokratisch organisiert. Wollen beide Hunde eine Katze jagen und ich nicht, so tun wir es nicht. Auch machen wir uns nicht die Mühe, uns an jeder Kreuzung darüber abzustimmen, welchen Weg wir nehmen. Der Aufwand würde sich ohne besonderen Grund nicht lohnen, daher gebe ich die Richtung einfach vor. Ganz ohne Regeln geht es auch nicht. Aber keine dieser Regeln ist willkürlich oder dient nur meinem eigenen Interesse. Alle haben einen Sinn, der die Sicherheit der Gruppe oder den Freiraum anderer Wesen bewahren soll.

Im Grunde haben meine Hunde und ich häufig die gleichen Interessen. Wenn wir zusammen etwas unternehmen, sind wir innerlich so eng miteinander verbunden, dass meist keine Konflikte entstehen, in denen ich mich durchsetzen müsste. Und wenn wir uns mal nicht einig sind, bemühe ich mich um Interessenausgleich. Ich setze nicht das durch, was ich möchte, sondern das, was für uns alle am besten ist. Ich glaube, meine Hunde kennen den Unterschied.

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Sehr oft habe ich schon folgende Situation erlebt: Wir sehen einen anderen Hund. Kalle wartet auf mich und ich nehme ihn an die Leine. Der andere Hund sieht uns und bleibt stehen. Der Hundebesitzer reagiert nicht. Der Hund läuft auf uns zu. Der Hundebesitzer reagiert nicht. Der Hund hat uns fast erreicht. Jetzt ruft sein Frauchen/Herrchen ihn. Der Hund gehorcht nicht. Das ist nicht allzu erstaunlich, denn er befindet sich bereits in einer sozialen Situation, in der er das Gesicht verlieren würde, wenn er plötzlich umdreht.

Neulich begegneten wir einem jungen Schäferhund mit seinem Herrchen. Der Weg war zu beiden Seiten bewachsen, es gab keine Ausweichmöglichkeit. Kalle und ich blieben so nah wie möglich am Rand stehen. Kalle sah den anderen starr an und forderte einen angemessenen Abstand. Der Schäferhund beschwichtigte und setzte zu einem Bogen an. Leider blaffte das Herrchen „Fuß“ und ging geradewegs auf uns zu. Sein Hund gehorchte und schlich mit abgewandtem Blick an uns vorbei. Kalle schnauzte ihn an, er solle gefälligst Abstand halten, bis ich ihn zurückhielt. Der arme Kerl wusste ja überhaupt nicht, wo hin mit sich. Er versuchte, alles richtig zu machen, und wurde von allen Seiten angemeckert.

Diese Situationen haben eines gemeinsam: Die Menschen hatten sie nicht verstanden. Trotzdem gaben sie Befehle und erwarteten, dass sie befolgt wurden. Das ist nicht nur anmaßend, sondern auch erfolglos und führt langfristig dazu, dass man seine Kompetenz in den Augen des Hundes verliert. Ich nehme mich selbst da nicht aus. Auch ich habe mich schon dabei ertappt, wie ich gedankenlos etwas von meinen Hunden gefordert habe, was weder erforderlich war noch irgendetwas an der aktuellen Situation verbessert hätte. Es passiert so schnell, weil wir Menschen uns für etwas Besseres halten und glauben, wir wüssten alles besser als unsere Hunde. Und weil wir reden, ohne vorher richtig nachgedacht zu haben. Ich versuche zu lernen, alle Entscheidungen bewusst zu treffen, wenn ich schon entscheiden muss. Alle Situationen vorher so genau wie möglich zu erfassen, und zwar aus den Blickwinkeln aller Beteiligten. Und dann zu beurteilen, was für alle am besten ist. So fühle ich mich auch einigermaßen wohl damit, für meine Hunde zu entscheiden, wenn es notwendig wird.

Und was die Gleichwertigkeit angeht: Das sind wir. Davon bin ich überzeugt. Wir haben zwar verschiedene Aufgaben, aber diese sind alle gleich wichtig. Zufällig fällt das Entscheiden in schwierigen Situationen eben in meinen Aufgabenbereich. Das ändert nichts daran, dass wir uns als Freunde auf der gleichen Ebene begegnen können.

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Wo wir gerade beim Thema Freiheit sind: Ich bin auch nicht immer so frei, wie ich es gerne wäre. Zum Beispiel werde ich in der gerade beginnenden Prüfungsphase mehr Zeit mit Lernen und weniger mit Schreiben verbringen, als ich gerne würde. Es kann hier kurzzeitig etwas ruhiger werden. Das wird sich wieder ändern.

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Rudelstellung – Wer hat Recht?

Ich! Und zwar nur ich! Jeder, der anderer Meinung ist, liegt falsch. Hat keine Ahnung. Null, von überhaupt nichts. Und ist außerdem ein schlechter Mensch. Ein Tierquäler. Der es verdient hat, dass man öffentlich über ihn herzieht. Hetzt und droht und verleumdet. Nur um das von Vorneherein klarzustellen.

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Auf unübersichtlichen Wegen laufen die Hunde hinter mir
Die Quantenfeldtheorie kennt zwei verschiedene Formulierungen. Während Prof. X vorwiegend mit der Pfadintegralformulierung arbeitet, nutzt Prof. Y für seine Forschungen Wellengleichungen. Beschimpft deshalb Prof. X Prof. Y als ahnungslosen Schwachkopf, der intellektuell nicht in der Lage ist, die Schönheit der Pfadintegrale zu begreifen? Streut aus Rache Prof. Y Gerüchte über Plagiate von Prof. X? Ensteht eine hasserfüllte Feindschaft zwischen den beiden? Oder schätzen sie sich gegenseitig als Kollegen, die eben nur mit verschiedenen Ansätzen arbeiten?

Was ist Rudelstellung? Ein Modell! Nicht die Wirklichkeit. Sondern eine(!) mögliche Beschreibung der Wirklichkeit. Die eben mehr oder weniger gut auf die aktuellen Umstände passt.

Eine Wellengleichung ist die Klein-Gordon-Gleichung. Zur Beschreibung bestimmter Teilchen ist sie sehr sinnvoll und nützlich. Allerdings hat sie (unter anderem) ein Problem: Sie liefert negative Energien für freie Teilchen. Daraus folgt, dass alle Zustände instabil sind, nach minus Unendlich fallen. Daraus wiederum folgt, dass wir überhaupt nicht existieren. Obwohl die Herren Klein und Gordon zu Recht stolz auf ihre Gleichung sein konnten, haben sie nicht versucht, die Welt von unserer Nicht-Existenz zu überzeugen. Sondern ihren gesunden Menschenverstand benutzt und eingesehen, dass an dieser Stelle eine Grenze des Modells erreicht ist. Und der Rest der Physiker hat deshalb nicht die Klein-Gordon-Gleichung als Ganzes verdammt, sondern ihre Sinnhaftigkeit innerhalb gewisser Grenzen anerkannt.

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Ist es übersichtlicher, auch vor mir. Kalle orientiert sich dann aber stark zu mir nach hinten.
Ende der Physik-Beispiele, versprochen. Jetzt kommen die Rudelstellungen. Die Idee stammt von Barbara Ertel, bekannt und stark diskutiert wurde sie vor einiger Zeit aufgrund Maja Nowaks Sendung beim ZDF. Der Grundgedanke[1] ist erst einmal sinnvoll: Innerhalb eines „Rudels“ (damit ist hier nicht nur ein Rudel im eigentlichen Sinn, also verwandte Tiere, sondern einfach eine Gruppe zusammenlebender Hunde gemeint), gibt es verschiedene Kompetenzbereiche, die von unterschiedlichen Individuen ausgefüllt werden, sodass sie einander optimal ergänzen. Jeder Hund ist von Natur aus für eine Aufgabe „vorgesehen“. Jede Aufgabe ist gleich wichtig. Letzterer Gedanke gefällt mir gut. Der vorige mit gewissen Einschränkungen. Jeder hat naürliche Begabungen und Kompetenzen. Ich werde eine gute Physikerin[2] sein. Als – sagen wir mal – Anwältin wäre ich eine Katastrophe. Möglicherweise habe ich einige Eigenschaften mit den meisten Physikern gemein. Trotzdem möchte ich nicht nur auf die Kategorie „Physikerin“ reduziert, sondern trotzdem als Individuum wahrgenommen werden. Und es gibt auch noch andere Berufe, die zu mir passen würden. Kalle ist nach Nowaks Modell ein introvertierter Wächter. Diesen Job erledigt er hervorragend. Aber als – sagen wir mal – Leithund wäre er eine Katastrophe. Die Beschreibung des introvertierten Wächters aus dem Buch „Abenteuer Vertrauen“ von Maja Nowak passt sehr gut zu Kalle (obwohl er sich ansonsten stark von ihrer eigenen Wächterin Tinka unterscheidet): Das Zauberhafte, das er ausstrahlt. Dass er so sehr an mir klebt. Die Neigung zu Panik und Hysterie. Ich schätze seine Wächtereigenschaften sehr. Ich gebe mir Mühe, ihm die Gelegenheit zu geben, sie kontrolliert auszuleben. Und einen ruhigen Gegenpol zu bilden, wenn er hysterisch wird. Trotzdem reduziere ich ihn nicht auf seine „Stellung“ als Wächter. Vor allem ist er nämlich Kalle. Und keinesfalls ist er N2!

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Wächter, vor allem bester Freund
Damit kommen wir nämlich zu Grenzen des Modells. Bei denen sich der gesunde Menschenverstand einschalten sollte. Wenn Hunde auf Buchstaben und Nummern reduziert werden, beliebig ausgetauscht und herumgereicht. Wenn respektlos mit Hund und Mensch umgegangen wird. Dann hat das Modell zu falschen Schlussfolgerungen geführt. Das bedeutet nicht, dass das gesamte Modell selbst verachtenswert ist. Auch wenn die resultierenden Handlungen es sein mögen.

Zum Schluss ein Beispiel für ein anderes, wissenschaftlich abgesichertes Modell. In ihrem Buch „Der Mensch-Hund-Code“ teilen Elli Radinger und Günther Bloch wild in Gruppen lebende Hunde in A- und B-Typen sowie in Leittiere, Betatiere und Untergebene ein. (Nicht aufgrund irgendwelcher genetischer Eigenschaften, sondern des Verhaltens im gegebenen Umfeld.) Parallelen zu Nowaks Modell (Unterscheidung extro-/ introvertiert sowie autonom/halb-autonom/nicht-autonom) sind durchaus gegeben. Trotzdem sind beide Modelle nicht identisch, in diversen Punkten treten Differenzen auf. Obwohl sie zum Teil verschiedene Anschauungen vertreten, ist keines dieser Modelle falsch. Sie sind einfach unterschiedliche Beschreibungen derselben Wirklichkeit.

[1] Hier und im folgenden beziehe ich mich auf die Version von Maja Nowak („Abenteuer Vertrauen“), die sich etwas von der Ursprungsversion unterscheidet.

[2] Das ist nicht wirklich ein Physik-Beispiel