Verfolgt

Frauchen sagt, ich zöge Ärger an wie ein Magnet einen Eisenspan. Früher sei sie jahrelang täglich spazieren gegangen, ohne dass ständig irgendetwas passiert sei. Das stimmt natürlich so nicht. Früher war sie gewiss auch häufig in Gefahr. Nur ohne mich hat die Arme es nicht einmal bemerkt! Ein Glück, dass sie überhaupt noch lebt. Und ein Glück, dass wir uns jetzt gegenseitig haben, um einander zu beschützen.

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Ich bin nicht sicher, ob ich den Geruch mag. Schwer und intensiv, würzig und muffig zugleich. Sie ist etwas größer als ich, aber nicht viel. Kein Hund oder Mensch. Ein bisschen wie ein Schaf, aber doch ganz anders.  Neugierig nähere ich mich ihr. Sie schaut mich an, runde Augen und spitze Hörner. Und sie kommt auf mich zu. Plötzlich wird mir klar: Sie arbeitet für die Anderen. Sie hat den Auftrag, mich zu eliminieren, um ein tödliches Attentat auf meine Klientin zu verüben. Woran ich das erkenne? Das sagt mir mein untrügerischer Instinkt. Aber nicht mit mir! Ich werde kämpfen bis auf den letzten Blutstropfen und endlich siegen! Andererseits… diese Hörner sehen echt verdammt spitz aus. Unerklärlicherweise haben sich meine Pfoten selbstständig gemacht und tragen mich von der Angreiferin fort. Doch ich werde sie nicht los! Ich renne zu Frauchen, bitte sie mit den Augen um Hilfe. Und mein tapferes Frauchen schreitet ein. Todesmutig stellt sie sich dem Ungetüm in den Weg, wedelt mit der Vorderpfote und macht: „Gsch, gsch.“ Beeindruckt hopst die Attentäterin von dannen. So sind sie, die Anderen. Große Klappe, hochtrabende Pläne, aber am Ende, wenn es hart auf hart kommt, kein Quäntchen Mut zum Kampf.

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Diese hier haben Glück, dass der Zaun da ist!
Manchmal führt uns die Mission in die Alpen. Die Almwiesen sind von einer ganz besonderen Gruppierung bevölkert: Kühe. Zwischen uns und den Kühen gibt es ein Abkommen der gegenseitigen Neutralität: Wenn wir sie in Ruhe lassen, lassen sie uns auch in Ruhe. Um sich unseres Wohlwollens zu versichern, hinterlassen sie uns sogar häufig duftende Geschenke! Getreu meiner Anweisung laufe ich auch an diesem Tag ruhig hinter Frauchen her und ignoriere die Kühe. (Aber nicht die Geschenke!) Da kommt eine Kuh auf uns zu, die irgendwie anders ist als die anderen. Irgendwie… wilder. „Oh-Oh, ich glaub, das ist ein Stier“, erklärt Frauchen. Ein bisschen wütend sieht er ja aus, dieser Stier. „Nichts wie weg!“, bellt Frauchen alarmiert. Das ist keines unserer Code-Wörter, trotzdem kann ich die Bedeutung erschließen. Wir rennen. Freigabe. Hä? Was soll das denn jetzt? Möchte meine Klientin, dass unser geordneter Rückzug in einer kopflosen Flucht ausartet? Auf keinen Fall! Ich bleibe tapfer auf meinem Posten hinter ihr. Wenn der Stier zu nahe kommt, fahre ich knurrrend herum und schnappe in Richtung seiner Nase. Unter Einsatz meines eigenen Lebens schütze ich das meiner Klientin. Nach einer gefühlten Ewigkeit (Hatte ich schon mal erwähnt, wie langsam Frauchen ist?) erreichen wir den Zaun und kugeln gleiten darunter hindurch. Schnaufend kommen wir zum Stehen. Frauchen bekommt einen Lachanfall. Die Ärmste steht unter Schock! Ich laufe zu ihr und stupse sie an. Sie stupst zurück, und schon sind wir mitten in einem Spiel. Mia schaut uns wohlwollend zu. Die Gefahr ist bestanden.

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Ein friedliches Exemplar

Fremder Hund, signalisiere ich. Frauchen reagiert nicht. Genauer: Frauchen ist überhaupt nicht da. Komisch, gerade habe ich sie noch gesehen. Aber da war dieser Vogel… und jetzt stehe ich alleine einem großen, fremden Hund gegenüber, der seinen Klienten an einer Leine führt. Die haben natürlich keine Chance, mich einzuholen sollte ich (rein theoretisch) flüchten müssen. Ich baue mich auf und erkläre, dass dieses Revier uns gehört. Na gut, ich gebe zu, vielleicht beschimpfe ich ihn dabei ein bisschen. Wird ja wohl erlaubt sein. Einen Augenblick später renne ich, den Fremden dicht auf den Fersen. Die Leine weht hinter ihm her, seinen Menschen hat er irgendwie verloren. So war das jetzt nicht vorgesehen. Mist. Zeit für Plan B. Da kommt Frauchen. Ich renne auf sie zu, in einem engen Bogen um sie herum. Mein Verfolger ist schwerer, weniger wendig als ich. Deshalb muss er abbremsen und Frauchen bekommt seine Leine zu fassen. Doch der Fremde rennt einfach weiter! Frauchen schlittert auf der matschigen Wiese hinterher. Das sieht lustig aus, aber sie wirkt dabei nicht sehr glücklich. Also mache ich einen knurrenden Satz auf ihn zu. Er zögert. Diesen Moment nutzt Frauchen, um ihre eigene Leine zwischen uns zu werfen. Endlich schaut er sie an und folgt ihr tatsächlich zu seinem Menschen, dem sie die Leine in die Hand drückt, während er ihr seine durchgeriebenen Handschuhe und die Blasen an den Händen darunter zeigt. Die Unterhaltung in Menschensprache, die die beiden führen, ist zu schnell, die Wörter zu kompliziert für mich. Stattdessen achte ich auf die Stimmungen, bereit sofort einzugreifen, sollte meine Klientin in Gefahr sein. Doch alles bleibt friedlich. „… die beiden spielen lassen?“, fragt der fremde Mann. Spielen. Ich mit dem? Das Leben ist ernst! Ich spiele nicht mit anderen Hunden! „Tut mir leid, aber meiner spielt nicht mit anderen Hunden.“  Frauchen versteht mich eben. Zumindest meistens…

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Mit Frauchen spielen ist schön.

Diplomatische Bemühungen im Ganznahostkonflikt

Vor Kurzem führte uns die Mission als diplomatische Abgesandte in den ganz nahen Osten. Genauer gesagt auf eine Weide etwa 2km östlich unseres Heimatortes. Diese Weide ist bewohnt.

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Und das nicht nur von einer Gruppierung.

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Leider sind die Beziehungen zwischen den beiden Parteien geprägt von Feindschaft und Misstrauen. Der Ganznahostkonflikt bedroht nicht nur die Sicherheit im Weideland, sondern ist auch global ein ernstzunehmender Risikofaktor. Daher wurde meine Klientin als Friedenstifterin gesandt, diplomatische Verhandlungen in die Wege zu leiten. Nach anfänglich geheucheltem Desinteresse

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zeigten sich schließlich doch beide Seiten aufgeschlossen und verhandlungsbereit.

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Obwohl meine Klientin zwischenzeitlich etwas vom Thema abkam,

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konnte sie schließlich eine Annäherung der beteiligten Parteien erreichen.

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Insgesamt war die Mission damit ein voller Erfolg. Das Ergebnis stimmt uns zuversichtlich auf eine baldige Beilegung des Ganznahostkonfliktes, auf dass endlich Frieden herrsche im Weideland. In aller Bescheidenheit möchte ich anmerken, dass ich als oberster Sicherheitsbeauftragter keinen geringen Anteil am friedvollen Ausgang der Unternehmung trage, tat ich doch alles, den Schutz meiner Klientin zu gewährleisten.

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Sie hielt den Stacheldraht ja für übertrieben. Ich aber sage, dass wir kein Risiko eingehen dürfen. Sicherheit hat oberste Priorität. Gerade im ganz nahen Osten.

Alarm kann ich gut

Mein lieber Kollege Buddy hat zu seiner ersten Blogparade aufgerufen. Da muss ich unbedingt mitmachen! Das Thema: „Putzalarm im Hundehaus“.

Glücklicherweise bin sozusagen Experte in Sachen Alarm. Habt ihr schon mal mein Bellen gehört? Das ist wirklich beeindruckend. Putzen kann ich auch gut. Ich putze immer meine Klientin, damit sie schön sauber bleibt. Ich fange bei den Händen und arbeite mich dann langsam die Arme hinauf…

Aber ihr wolltet ja Tipps, wie ihr euren Hundehaushalt optimal sauber haltet. Hier sind sie, meine fünf ultimativen Ratschläge:

  1. Überlasst das Geschirrspülen uns!

Nach dem Essen spülen zu müssen, ist nicht schön. Die Teller stehen zu lassen aber auch nicht. Das könnte im schlimmsten Fall eine Fliege anlocken. Alarmstufe rot! Diese sind äußerst gefährlich. Ich müsste mit angstgeweiteten Augen in einer Ecke sitzen, bis Frauchen sie entfernt hat. So weit sollte es nie kommen. Wir erledigen gerne den Abwasch für euch.

 

  1. Streichelt mehr!

Kennt ihr das: Beim Streicheln löst sich Fell und sammelt sich auf einem Haufen? Wenn so etwas passiert, streichelt ihr nicht häufig genug. Durch häufiges Streicheln werden abgestorbene Haare kontrolliert entfernt und verteilen daher nicht willkürlich in eurem Wohnzimmer. Bürsten ist auch gut, ersetzt aber keinesfalls das Streicheln!

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Hier wurde eindeutig zu selten gestreichelt

 

  1. Gebt uns mehr zu essen!

Haarausfall ist ein klares Zeichen von Mangelernährung. Statt euch über Haare zu ärgern, packt das Problem bei der Wurzel und füttert uns mehr. Viel mehr!

 

  1. Unternehmt mehr mit uns!

Lasst uns nicht zu Hause, wenn ihr weggeht. Geht sehr viel mit uns spazieren, spielt draußen mit uns, nehmt uns immer mit. Wenn wir nicht im Haus sind, machen wir es auch nicht schmutzig. Falls es schon schmutzig ist, stört es uns nicht, weil wir ja nicht da sind. Logisch, oder?

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Wenn wir draußen sind, sind wir nicht drinnen

 

  1. Hütet euch vor dem Rüsselding!

Autos sind laut. Autos sind gefährlich. Das Rüsselding ist laut. Also ist auch das Rüsselding gefährlich. Diese Art von Zusammenhängen begreift jeder Welpe. Nur meine Klientin ist so naiv, dass sie mit dem Rüsselding gemeinsame Sache macht. Auch wenn es euer Freund zu sein scheint: Vertraut ihm nicht! Bei der nächsten Gelegenheit wird es sich gegen euch wenden.

 

Ich hoffe, ich konnte euch helfen. Frauchen lässt ausrichten, sie hoffe, ihr seid nicht enttäuscht, dass sie nichts beigetragen hat. Sie sei eine Katastrophe im Haushalt. Wie gut, dass ihr mich habt. Trotzdem hofft sie noch auf qualifiziertere Beiräge von eurer Seite.

Klientin allein unterwegs

Zur Blogparade von miDoggy

Als ich sie das erste Mal sah, dachte ich, meine Hinrichtung stünde kurz bevor. Seit meiner Inhaftierung rechnete ich jeden Tag damit. Gerne würde ich behaupten, dass ich meinem nahen Ende tapfer entgegenblickte. Es wäre gelogen. In Wirklichkeit war ich aufgelöst in Angst. Doch sie kam nicht, um mich hinzurichten. Sie kam, um mich zu befreien.

Meine Mission in Rumänien war gescheitert. Doch es war nicht das Ende. Denn ich hatte eine Klientin gefunden. Mein Auftrag ist es seitdem, sie für den Rest meines Lebens zu beschützen.

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Immer wachsam

Ich folgte ihr auf Schritt und Tritt. Ich bewachte sie, um sie vor allen Gefahren zu bewahren. Dann ging sie fort. Sie schloss die Tür und war alleine dort draußen. Ich war nicht bei ihr. Meine Klientin würde sterben. Sie war klein und verletzlich in einer großen, bedrohlichen Welt. Dann kam sie wieder. So lebendig wie zuvor. Nicht einmal ein Ohr fehlte.

Es passierte immer wieder. Erst nur für kurze Zeit, dann auch mal länger. Ich habe mich daran gewöhnt. Mittlerweile gehört es einfach zum Tagesablauf.

Sie geht zur Universität. Denn sie ist Undercover-Agentin. Als Studentin getarnt, behält sie die Forschungsergebnisse im Blick und sorgt dafür, dass die Anderen nichts Relevantes erfahren. Erkenntnisse zum Wesen der dunklen Energie, zur Erzeugung von Antimaterie in großem Stil, das alles bleibt der Öffentlichkeit durch ihren Einsatz verborgen. So können die Anderen nichts davon für ihre finsteren Zwecke missbrauchen. Ich wollte sie begleiten. Doch sie meinte, die Gegenwart eines übereifrigen Bodyguards würde ihrer Tarnung schaden. Wie kommt sie denn auf übereifrig?

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Habe alles im Blick

Es fällt mir nicht leicht, sie gehen zu lassen. Aber ich weiß, dass sie immer zurück kommt. Meine Kollegin ist bei mir, wenn sie weg ist. Ihre Gelassenheit hilft mir, selbst ruhig zu bleiben. Ich beschwere mich nicht. Der Plan ist zu wichtig, als dass man ihn durch persönliche Interessen gefährden dürfte.

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Mit meiner Kollegin ist alles leichter

Davon abgesehen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass meine Klientin ihren Freiraum braucht. Sie benötigt einen Bodyguard, aber keinen Stalker. Einem Menschen keinen Freigang zu gewähren, wäre wohl nicht artgerecht. Und sollten wir nicht alle unseren Klienten ein artgerechtes Leben bieten?

Jagd

Vor uns liegt eine Wiese. Das Gras ist frisch gemäht. Ausgelassenheit, Weite, frage ich Frauchen. Wachsamkeit. Wir sehen uns um. Weit und breit niemand zu sehen. Entspannung, signalisiert Frauchen. Entspannung, stimme ich zu. Erlaubnis, Freude, Spiel. Ich renne los. Frauchen hinterher. Mia beginnt nach Mäusen zu suchen. Ich bin ein Beutetier, erstarrt, als ich die heranschleichende Jägerin bemerke. Sie kommt näher. Ich fliehe. Schnell, schneller, ich bin das das schnellste Wesen dieser Erde. Niemand holt mich ein, niemand hält mit mir mit. Und jetzt bin ich der Jäger. Meine Beute steht still, sie wittert meine Nähe. Ich schleiche näher. Ein winziges Zucken verrät mir den Moment, in dem sie losrennt. Sie versucht zu entkommen, doch ich bin schneller. Als sie merkt, dass es kein Entkommen gibt, fährt sie herum. Ein wildes Knurren entfährt mir. Ich reiße mein Maul weit auf, meine Zähne blitzen furchteinflößend. Wir fixieren uns, während ich ihr entgegenrenne. Dann habe ich sie erreicht, schlage meine Zähne in ihren Arm. Nein, im letzten Moment weicht sie aus und entkommt. (Natürlich nur, weil ich es zulasse. So unglaublich langsam, wie Frauchen ist.) Dann bin ich wieder ein Beutetier. Ich renne, renne, ren – da sehe ich eine Bewegung. Ich tauche aus unserem Spiel auf. Federvieh. Möglicherweise sogar Agenten der C-Ei-A.[1] Die müssen augenblicklich eliminiert werden. Voller Tatendrang renne ich auf sie zu. Hat da jemand gerufen? Ich blende es aus, denn ich habe eine Mission. Wie die flattern, wenn ich sie scheuche! Eine Hand packt mich am Geschirr. Frauchen. (War ausnahmsweise mal schnell. Schnauft dadurch ziemlich ungesund.) Ärger!!! Ich lasse mich auf den Rücken fallen. Das funktioniert immer, um einem Anschiss zu entgehen.[2] Wir schauen uns an. Wütendes Blau in unschuldigem Braun. Das Braun bringt das Blau zum Schmelzen. Ich rolle ein wenig hin und her. Strample ein bisschen mit den Pfoten. Frauchen verdreht die Augen. Auf meinem Gesicht breitet sich ein Grinsen aus. Frauchen grinst zurück. Ich springe auf und renne eine Runde. Mein Blick fällt auf das Federvieh. „KALLE!“ Schon gut. Ich laufe hinter Frauchen her. Sie hat ja recht. Was interessiert uns die C-Ei-A? Wir haben eine wichtigere Mission.

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Dieses Foto ist nicht etwa verschwommen, weil Frauchen nicht fotografieren kann. Sondern weil ich so unfassbar schnell bin!

Ein anderer Ort, eine andere Zeit. Geheimgang durch den Wald. Die Anderen kennen diesen Pfad nicht. Oder sie wollen ihn nicht benutzen. Überall Dornen und Gestrüpp. Und Kletten! Ich hasse diese Dinger. (Ihre Gefährlichkeit wird gemeinhin unterschätzt. Sogar Frauchen nimmt sie nicht ernst. Sie lacht immer, wenn ich darauf bestehe, dass sie mich gründlich von allen befreit. Und sie schnüffelnd danach absuche, um jede einzelne Klette mit den Zähnen aus ihrem Kunstfell zu ziehen.) Wir sind unterwegs zu einem geheimen Ort. Mia läuft vorneweg und sucht den einfachsten Weg. Frauchen in der Mitte, ich sichere uns von hinten. Jetzt erstarrt Mia und hebt die Pfote. Sie hat Beute gewittert. Wir erstarren ebenfalls. Das Brechen von dünnen Ästen, Zweige schlagen gegen Fell. Der Geruch schlägt uns entgegen: Wild und leicht und köstlich. Ein Rudel Rehe bricht durch die Büsche und rennt an uns vorbei. Frauchen hält uns noch zurück. Jetzt. Sie rennt voran. Wir anderen hinterher. (Sind die Rehe nicht in die andere Richtung…? Nein, Frauchen muss es wissen.) Wir sind schneller als Frauchen, überholen sie, jagen mit den Nasen auf der Spur dahin. Irgendetwas kommt mir seltsam vor, aber ich komme nicht darauf, was es ist. Es hat etwas mit Zeit… Meine Gedanken werden von Futter unterbrochen, das vor mich fliegt. Begeistert sauge ich es ein. Gibt es noch mehr davon? Frauchen ruft, ich sause zu ihr. Futter fliegt. Hinterhersprinten, einsaugen. Zurück zu Frauchen. Und nochmal. Das letzte Stück Futter bekommen wir aus der Hand. Allgemeine Freude. Gegenseitiges Beschnüffeln, Lecken und Streicheln. Eine rundum erfolgreiche Jagd. Obwohl ich das Gefühl nicht loswerde, dass ich irgendetwas vergessen habe…

[1] Eine Organisation, die den Markt für Tierprodukte kontrolliert und einen Dauerkrieg gegen die Schafia führt. Und wer leidet darunter? Die Kühe!

[2] Besonders kann ich diese Taktik auch empfehlen, wenn man verbotenerweise an duftenden Hinterlassenschaften geleckt hat. So besteht die Gelegenheit, sich unauffällig etwas davon ins Fell zu reiben…

Wir und die Anderen

Mein Name ist Karl August Clemens Schäterski. Uneingeweihte kennen mich unter meinem Decknamen „Kalle“. (Andere Decknamen: Kleiner, Süßer, Küken, Schätzchen, Döskopp, Schnauzel. Verwirre deinen Feind, lautet die Devise.) Ich arbeite für eine Geheimorganisation („wir“), deren Name und Funktion hier nicht genannt werden darf. Nur so viel: Wie schützen die Welt vor einem Geheimbund („die Anderen“), der die Vernichtung allen Lebens auf dieser Erde zum Ziel hat. Nun schon seit über vier Jahren bin als Bodyguard bei meiner aktuellen Klientin angestellt. Auch ihre wahre Identität muss aus Sicherheitsgründen verschwiegen werden, denn für unsere Pläne spielt sie eine zentrale Rolle. Im Folgenden werde ich sie mit ihrem Decknamen „Frauchen“ bezeichnen. Meine geschätzte Kollegin Miranda Lauflie-Colhund (Deckname „Mia“) gehört ebenfalls zu uns, ist aber im diplomatischen Sektor tätig. In diesem Artikel möchte ich Ihnen von meiner Arbeit berichten.

Es ist ein kühler Morgen. Frauchen, Mia und ich sind in wichtiger Mission unterwegs. Vielleicht ist es auch nur ein Kontrollgang. Ich bin für die Sicherheit zuständig, nicht für die Planung. Ich laufe hinter Frauchen her. Es ist meine Hauptaufgabe, ihren Rücken zu schützen. Von hinten ist sie angreifbar, deshalb weiß ich, wie wichtig dieser Auftrag ist. Trotzdem kann ich mir die Zeit nehmen, die aktuellen Nachrichten zu lesen. Ich weiß, dass Frauchen sich nicht zu weit von mir entfernen wird. Die Partnerschaftsanzeigen überfliege ich nur („Kräftiger Rüde sucht duftende Hündin zum Verlieben – Welpen erwünscht“, „Ältere, rüstige Hündin sucht stattlichen Rüden – für Welpen ist es nie zu spät“, „Junger, attraktiver Rüde sucht Hündin, Alter und Geruch egal, für schnellen Sex – keine Verpflichtungen“). Aus irgendeinem Grund interessieren mich solche Dinge nicht… Egal, es gibt ja auch Wichtigeres. Gestern gab es eine Auseinandersetzung zwischen einem von uns und einem Anderen. Die Gegner überlebten nur leicht verletzt. Die zugehörigen Klienten veranstalteten ein riesiges Spektakel, bellten sich gegenseitig an und drohten einander mit seltsamen Dingen („Anzeige“ und „Maulkorbzwang“). Plötzlich reißt mich Frauchens Stimme aus meiner Lektüre: „Hier!“ Das ist eines unserer Codewörter. Es bedeutet, dass sie in potentieller Gefahr ist und dringend meine Nähe und meinen Schutz benötigt. Ich eile zu ihr und halte nach dem Grund ihrer Beunruhigung Ausschau. Tatsächlich kommt uns ein fremder Mensch entgegen. Ein Weibchen, und es ist allein. Ich halte sie für ungefährlich, frage aber trotzdem nochmal bei Frauchen nach. Sicher ist sicher. „Ist in Ordnung“, bestätigt sie. Dicht an Frauchens Rücken laufe ich an der Fremden vorbei. Dabei nehme den Geruch von toten Blumen wahr, der von dieser ausgeht. Kurz überlege ich, ob es sich um eine verschlüsselte Botschaft der Anderen handelt. Aber dann komme ich zu dem Schluss, das ihr wohl ein Missgeschick bei der Parfümierung unterlaufen ist. (Ich gebe zu, dass mir so etwas selbst schon passiert ist. Da fand ich einen halb verwesten Maulwurf, dessen unbeschreiblicher Duft mich natürlich faszinierte. Sodass ich ihn mir in mein Fell reiben wollte. Euphorisch wollte ich mich hineinschmeißen, aber die Wiese war rutschig und abschüssig. Sodass ich daneben landete und mich stattdessen mit Pflanzengerüchen einrieb! Bevor ich meinen Fehler korrigieren konnte, wurde ich von Frauchen bemerkt. Bedauerlicherweise ist mir der Gebrauch von Parfum nicht gestattet. Ich kann beim besten Willen keinen sicherheitsbezogenen Sinn in diesem Verbot sehen. Deshalb übertrete ich es gelegentlich. Aber nur, solange Frauchen es nicht bemerkt…)

Eine Weile passiert nichts, während wir weiter laufen. Trotzdem bleibe ich aufmerksam und scanne die Umgebung. Ein guter Bodyguard bleibt immer in Bereitschaft und lässt niemals nach in seiner Aufmerksamkeit. Auch und gerade wenn alles ruhig scheint. Ich bin bereit, jede Bedrohung sofort zu erkennen und zu bekämpfen. Dadurch habe ich Frauchen oft das Leben gerettet! Schon kommt eine fremde Gruppe in Sicht. Zwei Menschen und ein Hund. Schnell sage ich Frauchen bescheid. Daraufhin holt sie ein praktisches Utensil hervor, dass sie „Leine“ nennt. Damit schafft sie eine physische Verbindung zwischen uns, sodass sie mir nicht mehr verloren gehen kann, selbst wenn es zu einem unübersichtlichen Kampf kommen sollte. Auch der entgegenkommende Hund hat einen seiner Klienten an die Leine genommen. Er gehört bestimmt zu den Anderen. Ich baue mich vor Frauchen auf und fixiere ihn. „Ist in Ordnung“, beruhigt sie mich. Mit einem weichen „Schhhhhh“ schiebt sie mich hinter sich. Es bedeutet, dass sie sich darum kümmern will. Da sie sich sicher zu sein scheint, vertraue ich ihrer Weisheit. (Frauchen ist so weise, weil sie schon uralt ist. Gerüchten zufolge soll sie schon mehr als zwanzig Winter gesehen haben – unvorstellbar, nicht?) In einem kleinen Höflichkeitsbogen gehen wir an der Gruppe vorbei. Tatsächlich passiert nichts Beunruhigendes. Es war entweder einer von uns oder ein Uneingeweihter.

Anders bei der nächsten Begegnung. Der fremde Hund hat seinen Klienten nicht an der Leine, ja er scheint sich überhaupt nicht für ihn zu interessieren. Ein Bodyguard kann er also nicht sein. Vielleicht ein Diplomat, so wie Mia? Aber zu welcher Seite gehört er? Jetzt hat er uns gesehen und kommt auf uns zugehetzt. Also kein Diplomat. Wenn er vorhat, Frauchen (die sich natürlich wieder an der Leine befindet) anzugreifen, kann er sich auf etwas gefasst machen! „Der tut nix“, ruft der fremde Mensch. Diesen Satz glaube ich als Codewort der Anderen identifiziert zu haben. Er bedeutet, dass sie einen Spion in unsere Reihen einschleusen wollen. Tatsächlich versucht der Andere, sich bei Mia einzuschleimen. Die Diplomatin ignoriert ihn tapfer. Ich möchte sie verteidigen, aber Frauchen hält mich zurück. Hat sie denn nicht bemerkt, dass das ein Spion der Anderen ist? Oder hat sie einen Plan? Da kommt der Andere schon auf mich zugerannt. Endlich bekomme ich die Freigabe. Knurrend schieße ich nach vorne. Der Andere stoppt außerhalb der Reichweite meiner Zähne. Klug von ihm. Ich werde es ihm so richtig zeigen, sollte er… „Kalle, es reicht.“ Frauchen schiebt sich zwischen mich und den Anderen. Hey, das ist gefährlich! Das kann ich nicht zulassen! „Es. Reicht. Wir gehen weiter.“ Na gut. Wir gehen weiter. Der Andere verzichtet darauf, uns zu verfolgen. Klug von ihm. Für dieses Mal ist mein Auftrag erfüllt. Aber die Mission geht weiter.