Mia

Meine Schwester wünscht sich zum Geburtstag einen Hund. Seit „Mein Bruder ist ein Hund“ würde sie mich vermutlich in einen verwandeln, wenn sie könnte. Einen kleinen, weißen Wuschelhund, wie Tobias. Ich möchte eigentlich keinen Hund. Eigentlich möchte ich ein Pferd. Natürlich bekomme ich keines. Warum sollte meine Schwester dann einen Hund bekommen? Außerdem ist sie noch total klein, wird gerade sieben, da kann man sich noch gar nicht um einen kümmern. Das würde dann an mir hängenbleiben. Ich bin nämlich schon groß, schon fast elf. Mein Hund heißt Struppel, ist groß, schwarz und für alle anderen unsichtbar. Aber jetzt ein richtig echter Hund? Ich weiß nicht…

Schließlich bekommt sie keinen Hund, sondern darf mit unserer Mutter mit Tierheimhunden spazieren gehen. Ich komme auch mit. Meine Schwester ist verliebt in die kleine Wuschelhündin Kimba. Die ist aber nur zur Pension da, wird eines Tages wieder von ihrem Besitzer abgeholt.

Einige Zeit später. Wir sind mal wieder unterwegs zum Tierheim. Als wir auf dem Parkplatz halten, sehe ich sie in den Außenzwingern. Den hübschesten, niedlichsten Welpen der Welt. Sie wuselt am Gitter entlang, schiebt Pfoten und Schnauze durch den Draht. Heute morgen gefunden, erfahren wir. Am Polizeizwinger angebunden, ausgesetzt. Wie kann man so etwas Niedliches aussetzen? Wir dürfen mit ihr spazieren gehen. Sie ist sanft und temperamentvoll, zart und voller Energie. Sie ist unser Hund. Mia.

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Vier Wochen muss sie als Fundhund im Tierheim bleiben, bevor sie bei uns einzieht. Ein halbes Jahr hat der ehemalige Besitzer Zeit, sich zu melden und sie zurückzufordern. Niemand meldet sich. Sie gehört zu uns. Endgültig.

Das ist jetzt zwölf Jahre her. Sie liegt neben mir auf dem Sofa, die Schnauze grau, die Augen sanft.

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„Weißt du noch?“, frage ich sie. Wie wir uns das erste Mal gesehen haben. Wie du dich jeden Morgen gefreut hast, dass wir noch alle da waren. Die unzähligen Spaziergänge, gemeinsame Abenteuer. Dass du die Streberin in der Hundeschule warst. Deine Freude an Agility. Als du noch mit anderen Hunden gespielt hast. Wie du Schwalben gejagt hast. Wie du dabei einmal in eine Teich gefallen bist. Die Ferien, deine Freude an den Bergen und am Meer. Als diese Welle dich erwischt hat und deine Freude am Meer dahin war. Wie dein neuer Kumpel Kalle kam und du ihn zwei Wochen lang ignoriert hast, um dich dann plötzlich zum Spielen auf ihn zu stürzen. Weißt du das alles noch?

Sie weiß es nicht mehr. Und das ist in Ordnung, weil sie glücklich ist. Sie schlummert selig auf dem weichen Polster. Sie wird sich über unseren Nachmittagsspaziergang freuen und über das Abendessen. Vielleicht wird sie heute noch einen neuen Trick lernen. Mia, ich liebe dich. Auf die nächsten zwölf Jahre.

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Klientin allein unterwegs

Zur Blogparade von miDoggy

Als ich sie das erste Mal sah, dachte ich, meine Hinrichtung stünde kurz bevor. Seit meiner Inhaftierung rechnete ich jeden Tag damit. Gerne würde ich behaupten, dass ich meinem nahen Ende tapfer entgegenblickte. Es wäre gelogen. In Wirklichkeit war ich aufgelöst in Angst. Doch sie kam nicht, um mich hinzurichten. Sie kam, um mich zu befreien.

Meine Mission in Rumänien war gescheitert. Doch es war nicht das Ende. Denn ich hatte eine Klientin gefunden. Mein Auftrag ist es seitdem, sie für den Rest meines Lebens zu beschützen.

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Immer wachsam

Ich folgte ihr auf Schritt und Tritt. Ich bewachte sie, um sie vor allen Gefahren zu bewahren. Dann ging sie fort. Sie schloss die Tür und war alleine dort draußen. Ich war nicht bei ihr. Meine Klientin würde sterben. Sie war klein und verletzlich in einer großen, bedrohlichen Welt. Dann kam sie wieder. So lebendig wie zuvor. Nicht einmal ein Ohr fehlte.

Es passierte immer wieder. Erst nur für kurze Zeit, dann auch mal länger. Ich habe mich daran gewöhnt. Mittlerweile gehört es einfach zum Tagesablauf.

Sie geht zur Universität. Denn sie ist Undercover-Agentin. Als Studentin getarnt, behält sie die Forschungsergebnisse im Blick und sorgt dafür, dass die Anderen nichts Relevantes erfahren. Erkenntnisse zum Wesen der dunklen Energie, zur Erzeugung von Antimaterie in großem Stil, das alles bleibt der Öffentlichkeit durch ihren Einsatz verborgen. So können die Anderen nichts davon für ihre finsteren Zwecke missbrauchen. Ich wollte sie begleiten. Doch sie meinte, die Gegenwart eines übereifrigen Bodyguards würde ihrer Tarnung schaden. Wie kommt sie denn auf übereifrig?

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Habe alles im Blick

Es fällt mir nicht leicht, sie gehen zu lassen. Aber ich weiß, dass sie immer zurück kommt. Meine Kollegin ist bei mir, wenn sie weg ist. Ihre Gelassenheit hilft mir, selbst ruhig zu bleiben. Ich beschwere mich nicht. Der Plan ist zu wichtig, als dass man ihn durch persönliche Interessen gefährden dürfte.

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Mit meiner Kollegin ist alles leichter

Davon abgesehen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass meine Klientin ihren Freiraum braucht. Sie benötigt einen Bodyguard, aber keinen Stalker. Einem Menschen keinen Freigang zu gewähren, wäre wohl nicht artgerecht. Und sollten wir nicht alle unseren Klienten ein artgerechtes Leben bieten?

April in Kürze

Gute Tat des Monats: Ausgebürstete Hundehaare auf die Fensterbank gelegt. Meisen haben sie zum Nestbau verwendet. Stelle mir gerne vor, wie flauschig die Küken es nun haben.

Böse Tat des Monats: Hunde nach Mäusen buddeln lassen. Mäuse haben auch Gefühle. Und jetzt wurde ihr Lebensraum zerstört.

Rätsel des Monats: Warum wurde mein Facebook-Konto aufgrund von „verdächtiger Aktivität“ gesperrt? Was wissen sie vom Großen Plan? Stecken die Anderen dahinter? Und warum regnet es nicht?

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Warum nur?

Erkenntnis des Monats: Bevor man etwas in einen Kong stopft, sollte man sich Gedanken darüber machen, wie es dort wieder herauskommt, wenn der Hund streikt.

Dummheit des Monats: Mit Kalle und Fahrrad Hasenspur verfolgt. Waren sehr schnell. Plötzlich bog Spur scharf nach links. Kalle und ich auch. Fahrrad nicht.

Verrücktheit des Monats: Apfelblüten im Schnee.

Buch des Monats: „What if“ von  Randall Munroe. Lange nicht gelesen, weil ich eigentlich keine populärwissenschaftlichen Bücher mag. Dieses ist anders. Witzig, informativ, toll geschrieben.

Begegnung des Monats: Unsere Freunde, die Rehe. Hat euch keiner gesagt, dass ihr Fluchttiere seid?

Glücksmoment des Monats: An Kalle gelehnt auf Strohballen gesessen. Gemeinsam das Leben beobachtet. Der Wind roch nach Frühling.

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Blogparade: Was ist in meiner Hundetasche?

Katrin von der Monstermeute hat uns zur Blogparade „What’s in my dog’s bag“ nominiert. Das freut uns sehr und ich lege gleich mal los.

Zunächst muss ich gestehen: Meine Hunde haben gar keine Tasche. Auf normalen Spaziergängen wird alles in Jacken- und Hosentaschen gestopft.  Das sind: Taschentücher in der rechten Tasche, Schlüssel, Leckerlie und Kotbeutel in der linken. Diese strikte Aufteilung ist notwendig, da ich es nicht ausstehen kann, wenn meine Taschentücher nach Huhn-und-Fisch-Kroketten in fluider Form riechen. Besonders im Sommer behalten die Leckerchen ihren Ursprungszustand in der Regel nicht bei.  Und das war es auch schon. Ich schleppe ungern unnötiges Zeugs durch die Gegend.

Für Wanderungen reicht das natürlich nicht. Dann kommt der Rucksack zum Einsatz. Er enthält ebenfalls Taschentücher und Kotbeutel, außerdem mein Handy, mein Portemonnaie, Bonbons, Wasser für die Hunde und mich, einen leichten Blechnapf, Proviant für uns alle, eine Ersatzleine, je nach Wetterlage zusätzliche Kleidung für mich, Verbandsmaterial, eine Zeckenzange, ein Taschenmesser, einen Kompass, ggf. eine Karte und eine Rettungsdecke. Damit sind wir hoffentlich für alles gerüstet.

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Standardausrüstung

Manchmal nehme ich noch den Futterbeutel mit, um unterwegs Suchspiele zu machen.  Oft benutze ich dafür aber auch etwas, das ich ohnehin dabeihabe und dann „verliere“, sodass die Hunde suchen dürfen. Meine Kamera ist ebenfalls häufig dabei, wird aber griffbereit am Gürtel befestigt.

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So, jetzt zum schwierigen Teil. Wer hat noch nicht teilgenommen und möchte über den Inhalt seiner Tasche berichten? Wie wäre es mit Bolle Bollito, wenn Sarah möchte?  Ansonsten freuen wir uns natürlich auch über andere Taschen, in die wir unsere Nasen stecken dürfen.

 

Die Physikerin und die Telepathie

Ich bin Physikerin. Wissenschaftlerin.  Also fast bald eine richtige. Verfechterin von Logik und Vernunft. Um es mal ein wenig dramatisch auszudrücken. Ich sehe nicht die gesamte Welt in Formeln und Mathematik. Aber wenn ich Formeln und Mathematik sehe, sehe ich die gesamte Welt. Und jetzt werden Sie mich auslachen. Ich kommuniziere nämlich in Gedanken mit meinen Hunden. Und das funktioniert hervorragend. Wenn Sie ein kritischer Mensch sind (was ja etwas Gutes ist), werden Sie mir möglicherweise nicht glauben. Bitte bewahren Sie sich Ihre Skepsis. Aber probieren Sie es aus.

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Ein Blick sagt mehr als Worte

Zuerst habe ich natürlich auch nichts davon gehalten. So ein Humbug. Esoterisches Geschwafel. Tierkommunikation, aha. Selbst wenn so etwas bei manchen Leuten funktionieren sollte, bei mir auf keinen Fall. Weil ich nämlich nicht daran glaube. Weil ich nicht willensstark bin. Nicht intuitiv begabt. Was man für so etwas halt alles sein müsste. Aber ich bin auch neugierig. Also ziemlich. Auch wenn ich mich deshalb auf Albernheiten einlassen muss. Daher wage ich einen Versuch.

Spaziergang. Meine Hunde laufen vor mir. Ich konzentriere mich. Schaue einen Hund an. Denke mit aller Kraft: „Bleib stehen!!!“ Er steht. Schaut mich überrascht an. Ich denke: „Es hat geklappt. Es hat wirklich geklappt! War das jetzt Zufall? Vielleicht sollte ich…“ Sein Blick wirkt jetzt irritiert. Eine Spur genervt? Er läuft weiter. In der nächsten Zeit probiere ich es immer mal wieder. Einmal bitte ich Kalle gedanklich, auf mich zu warten, weil er zu weit vorausgelaufen ist. Im nächsten Moment weiß ich, dass er bis zum nächsten Schatten weiterlaufen und erst dort warten möchte. Ich bin einverstanden, und er tut es. Manchmal funktioniert die gedankliche Kommunikation aber auch nicht. Die Regel scheint zu sein, dass ich mit höherer Wahrscheinlichkeit Erfolg habe, je weniger ich darüber nachdenke. Aber dann ist die Erfolgsquote signifikant höher, als es durch statistische Schwankungen möglich sein sollte. (Da ich nicht ständig mit Papier und Stift herumlaufen und Protokoll führen wollte, habe ich diese Statistik im Kopf erstellt. Da passieren leicht Fehler. Also nageln Sie mich bitte nicht auf diesem Ergebnis fest.)

Ich stelle fest, dass es schon vor Beginn dieses Experiments Gelegenheiten gab, in denen meine Hunde meine Gedanken zu lesen schienen. Und zwar immer dann, wenn wir zusammen einer Bedrohung von außen entgegenstehen. So chaotisch mein kleines Rudel auch manchmal ist, wenn es darauf ankommt, kann ich mich hundertprozentig auf die beiden verlassen. Einmal werden wir von einem anderen Hund angegriffen. Der Fremde stürzt sich auf meine Mia, wirft sie auf den Rücken und hackt wild knurrend mit den Zähnen auf ihre Kehle ein. (Zum Glück hat er sich nicht verbissen, das hätte sonst übel ausgehen können…). Die Kleine ist vor Schreck erstarrt. Ich packe den Angreifer mit beiden Händen am Nackenfell (ein Halsband gibt es nicht) und zerre ihn von ihr weg. Das Knurren hört auf. Der Blick des Hundes trifft meinen. Hart, stechend und eiskalt. Ich denke, jetzt könnte ich dringend Hilfe gebrauchen. Mit dramatischem Knurren wirft Kalle sich zwischen uns. (Er war geflohen, als er den Fremden auf uns zurennen sah. Als wir nicht nachkamen, muss er zurückgekommen sein.) Fast höre ich die Fanfaren im Hintergrund, als der Held den Angreifer in die Flucht schlägt. Ich bin beeindruckt von so viel Entschlossenheit in dem kleinen Kerl. Als der Fremde davonrennt, setzt Kalle ihm nach. „Lass ihn gehen, ich bin froh, wenn er weg ist“, denke ich. Kalle macht auf dem Absatz kehrt und kommt zu mir zurück. Dass er sich die Gelegenheit, etwas zu hetzen (egal ob es ein Beutetier, ein anderer Hund oder ein sich bewegender Gegenstand ist), entgehen lässt, ist alles andere als üblich.

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Dieses Bild steht in keinerlei Zusammenhang mit dem Text…

An einem anderen Tag kommt ein grollender Herdenschutzhund auf uns zugewalzt. Da ich eine gewaltsame Auseinandersetzung natürlich in jedem Fall vermeiden möchte, halte ich meinen Bodyguard Kalle zurück. Und bitte in Gedanken meine Diplomatin Mia, sich darum zu kümmern. Sie stellt sich vor uns und schaut den Entgegenkommenden mit hochgezogenen Lefzen an. Der wird tatsächlich langsamer und beginnt am Boden zu schnüffeln. Sie geht auf ihn zu und die beiden nehmen vorsichtig Kontakt auf. Offenbar wird dem Herdenschutzhund klar, dass wir keine Bedrohung darstellen. Also wendet er sich ab und lässt uns vorbeigehen.

In diesen wie auch in vielen anderen Fällen scheinen die Hunde zu wissen, was ich von ihnen möchte. Ohne dass ich es ihnen bewusst durch Laute oder Gesten mitteilen muss. Seit meinem Experiment nutze ich das auch im Alltag. Um mitzuteilen, dass meine Hunde auf mich warten sollen. Zu mir kommen sollen. Leider zu Hause bleiben müssen, aber ich komme bald wieder. (Sobald ich das denke, drehen sich meine erwartungsvoll im Flur stehenden Hunde um und gehen schlafen.) Und, ganz wichtig, ich „höre“ auf die Anwort der Hunde und kann so viel besser Rücksicht auf ihre Meinungen und Wünsche nehmen. Dadurch sind sie entgegenkommender. Wenn ich trotzdem etwas von ihnen verlange, das sie nicht möchten, wissen sie, dass es wichtig ist.

Ich bin sicher, dass es eine wissenschaftliche Erklärung für dieses Phänomen gibt. Nicht weil die Wissenschaft universell wäre. Sondern weil sie sich der Wirklichkeit anpasst. Egal wie seltsam die Wirklichkeit auch sein mag. Wie genau diese Gedankenübertragung funktioniert, kann ich nicht sagen. Die wahrscheinlichste Erklärung ist meiner Meinung nach eine Mischung aus unbewusst abgegebenen und wahrgenommen visuellen Signalen, geruchlicher Wahrnehmung und Intuition, die auf Erfahrung beruht. Wie meine Hunde das aber wahrnehmen, wenn sie beispielsweise zehn Meter vor mir laufen und geradeaus schauen, kann ich nicht sagen. Vielleicht ist da „mehr“. Vielleicht auch nicht. Was ich allerdings nicht glaube, ist, dass irgendwelche Tierkommunikatoren nur durch ein Foto Kontakt zu weit entfernten Tieren aufnehmen können. Halte ich für unmöglich. (Andererseits hielt Einstein die Quantenmechanik für unmöglich – aber siehe da…) Sie brauchen aber auch keine Tierkommunikatoren. Weil Sie selbst mit Ihrem Hund in Gedanken sprechen können. Ich bin mir sicher. Versuchen Sie es einfach.

Heimatorte

Andrea von Anwolf hat zur Blogparade mit dem Thema „Heimatorte“ aufgerufen. Da mache ich gerne mit! Dabei habe ich beschlossen, den Begriff „Ort“ recht weit aufzufassen. Für diesen Artikel sei der Begriff „Heimatort“ als ein Raum (physisch, geistig, seelisch, abstrakt, mathematisch(?),…) definiert, der in mir ein Gefühl von Verbundenheit, Vertrautheit, Geborgenheit und Wärme auslöst.

Meine physische Heimat liegt in der Nähe von Frankfurt am Main, außerhalb des Stadtgebiets. Die Landschaft ist gewöhnlich, unspektakulär und wunderschön. Wenn ich an Heimat denke, dann denke ich an Streuobstwiesen. Der süße Geruch nach Apfelblüten, der im Laufe des Jahres in den sauren, grünen Duft der noch unreifen Äpfel übergeht, dann immer voller und reifer, schließlich matschig und vergoren wird, ehe er im Winter einfriert. An Kalle gelehnt im Graß sitzen und atmen. Die Kaninchenspuren im Tau verfolgen. Im Herbst Äpfel und Zwetschgen und Brombeeren direkt vom Baum oder Strauch essen. Wissen, wo der beste Ort ist, um morgens Rehe zu beobachten. Wo die Vögel nisten, Wespen jagen und Bienen trinken. Wo man ungestört ist und spürt, dass man auf diese Welt gehört, genau hier hin.

Meine Mutter besitzt eine kleine Wohnung in den Allgäuer Alpen. Dort habe ich die meisten Urlaube meiner Kindheit verbracht. Auch dieser Ort ist für mich zur Heimat geworden. Der Geruch nach Klarheit, Kälte und Kuh, nach Wasser und Heu. Die Linie der Berge, die man vom Balkon aus sieht. Das Rauschen des Bachs neben dem Haus. Wandern und zurückkehren. Jedes Jahr hat sich etwas verändert. Und doch ist alles vertraut.

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Auch hier gehören wir hin

Und ich habe noch an vielen weiteren Orten Heimat gefunden: In Mittelerde und Westeros, in Hogwarts, in Zamonien und Glennkill. Im Vatikan des neunten Jahrhunderts, in der Dubliner Mordkomission, in Osten Ard. In Monsea und in der Baker Street in London. Meine Bücher sind meine Vertrauten und Tröster, voller Erinnerungen an gemeinsame Zeit. Jedes ein kleines, nicht-bellendes Stück Heimat für unterwegs, eine Tür nach Hause in eine andere Welt.

Falls das schon seltsam ist, so wird es jetzt noch merkwürdiger. Denn ich fühle mich auch im Hilbertraum heimisch, im Minkowskiraum und im Fockraum. Wo Vektoren und Spinoren leben und man sich vor Vernichtungsoperatoren in Acht nehmen muss. Wo seltsame und wundervolle Dinge geschehen. Die Physik wird mir immer vertrauter, ich bewege mich zwischen Gleichungen wie zwischen den Bäumen in meinem Lieblingswald.

Während ich das hier schreibe, wird mir bewusst, dass auch die Uni bereits ein bisschen zu meiner Heimat geworden ist. Ich liebe die Atmosphäre des Lernes, die Versprechung von neuen Erkenntnissen, die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen. Wenn ich zu Semesterbeginn an die Uni zurückkehre, stellt sich auch hier dieses Gefühl des Nach-Hause-Kommens ein.

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Hund+Physik+Sofa+Rentiersocken=Heimat

Das Wichtigste zum Schluss. Meine Heimat sind meine Hunde. Die flauschigen Stellen hinter den Ohren, das lange, dichte Fell am Hals, die Seidenhaare an den Bäuchlein. Die nassen, kalten Schnauzen und warmen, trockenen Pfoten. Der gemütliche Duft, der mit der am Bauch erwärmten Luft aufsteigt, wenn ein Hund sich neben mir auf den Rücken dreht. Das alles erfüllt mich Wärme und der erstaunlichen Gewissheit, dass wir zusammen gehören. Wenn wir zeitweilig getrennt waren, haben Kalle und ich ein Begrüßungsritual. Er drückt seine Stirn an meinen Bauch, ich lege meinen Kopf an seine Schulter. So verharren wir und atmen die Gegenwart des anderen tief in uns ein. Dann bin ich zu Hause.

Jagd

Vor uns liegt eine Wiese. Das Gras ist frisch gemäht. Ausgelassenheit, Weite, frage ich Frauchen. Wachsamkeit. Wir sehen uns um. Weit und breit niemand zu sehen. Entspannung, signalisiert Frauchen. Entspannung, stimme ich zu. Erlaubnis, Freude, Spiel. Ich renne los. Frauchen hinterher. Mia beginnt nach Mäusen zu suchen. Ich bin ein Beutetier, erstarrt, als ich die heranschleichende Jägerin bemerke. Sie kommt näher. Ich fliehe. Schnell, schneller, ich bin das das schnellste Wesen dieser Erde. Niemand holt mich ein, niemand hält mit mir mit. Und jetzt bin ich der Jäger. Meine Beute steht still, sie wittert meine Nähe. Ich schleiche näher. Ein winziges Zucken verrät mir den Moment, in dem sie losrennt. Sie versucht zu entkommen, doch ich bin schneller. Als sie merkt, dass es kein Entkommen gibt, fährt sie herum. Ein wildes Knurren entfährt mir. Ich reiße mein Maul weit auf, meine Zähne blitzen furchteinflößend. Wir fixieren uns, während ich ihr entgegenrenne. Dann habe ich sie erreicht, schlage meine Zähne in ihren Arm. Nein, im letzten Moment weicht sie aus und entkommt. (Natürlich nur, weil ich es zulasse. So unglaublich langsam, wie Frauchen ist.) Dann bin ich wieder ein Beutetier. Ich renne, renne, ren – da sehe ich eine Bewegung. Ich tauche aus unserem Spiel auf. Federvieh. Möglicherweise sogar Agenten der C-Ei-A.[1] Die müssen augenblicklich eliminiert werden. Voller Tatendrang renne ich auf sie zu. Hat da jemand gerufen? Ich blende es aus, denn ich habe eine Mission. Wie die flattern, wenn ich sie scheuche! Eine Hand packt mich am Geschirr. Frauchen. (War ausnahmsweise mal schnell. Schnauft dadurch ziemlich ungesund.) Ärger!!! Ich lasse mich auf den Rücken fallen. Das funktioniert immer, um einem Anschiss zu entgehen.[2] Wir schauen uns an. Wütendes Blau in unschuldigem Braun. Das Braun bringt das Blau zum Schmelzen. Ich rolle ein wenig hin und her. Strample ein bisschen mit den Pfoten. Frauchen verdreht die Augen. Auf meinem Gesicht breitet sich ein Grinsen aus. Frauchen grinst zurück. Ich springe auf und renne eine Runde. Mein Blick fällt auf das Federvieh. „KALLE!“ Schon gut. Ich laufe hinter Frauchen her. Sie hat ja recht. Was interessiert uns die C-Ei-A? Wir haben eine wichtigere Mission.

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Dieses Foto ist nicht etwa verschwommen, weil Frauchen nicht fotografieren kann. Sondern weil ich so unfassbar schnell bin!

Ein anderer Ort, eine andere Zeit. Geheimgang durch den Wald. Die Anderen kennen diesen Pfad nicht. Oder sie wollen ihn nicht benutzen. Überall Dornen und Gestrüpp. Und Kletten! Ich hasse diese Dinger. (Ihre Gefährlichkeit wird gemeinhin unterschätzt. Sogar Frauchen nimmt sie nicht ernst. Sie lacht immer, wenn ich darauf bestehe, dass sie mich gründlich von allen befreit. Und sie schnüffelnd danach absuche, um jede einzelne Klette mit den Zähnen aus ihrem Kunstfell zu ziehen.) Wir sind unterwegs zu einem geheimen Ort. Mia läuft vorneweg und sucht den einfachsten Weg. Frauchen in der Mitte, ich sichere uns von hinten. Jetzt erstarrt Mia und hebt die Pfote. Sie hat Beute gewittert. Wir erstarren ebenfalls. Das Brechen von dünnen Ästen, Zweige schlagen gegen Fell. Der Geruch schlägt uns entgegen: Wild und leicht und köstlich. Ein Rudel Rehe bricht durch die Büsche und rennt an uns vorbei. Frauchen hält uns noch zurück. Jetzt. Sie rennt voran. Wir anderen hinterher. (Sind die Rehe nicht in die andere Richtung…? Nein, Frauchen muss es wissen.) Wir sind schneller als Frauchen, überholen sie, jagen mit den Nasen auf der Spur dahin. Irgendetwas kommt mir seltsam vor, aber ich komme nicht darauf, was es ist. Es hat etwas mit Zeit… Meine Gedanken werden von Futter unterbrochen, das vor mich fliegt. Begeistert sauge ich es ein. Gibt es noch mehr davon? Frauchen ruft, ich sause zu ihr. Futter fliegt. Hinterhersprinten, einsaugen. Zurück zu Frauchen. Und nochmal. Das letzte Stück Futter bekommen wir aus der Hand. Allgemeine Freude. Gegenseitiges Beschnüffeln, Lecken und Streicheln. Eine rundum erfolgreiche Jagd. Obwohl ich das Gefühl nicht loswerde, dass ich irgendetwas vergessen habe…

[1] Eine Organisation, die den Markt für Tierprodukte kontrolliert und einen Dauerkrieg gegen die Schafia führt. Und wer leidet darunter? Die Kühe!

[2] Besonders kann ich diese Taktik auch empfehlen, wenn man verbotenerweise an duftenden Hinterlassenschaften geleckt hat. So besteht die Gelegenheit, sich unauffällig etwas davon ins Fell zu reiben…